Halb hier, halb dort

Porträt Kim Thúy musste für ihre Gefühle erst eine Sprache finden. Heute schreibt die Vietnamesin Bestseller in der neuen Heimat Kanada
Angelika Nguyen | Ausgabe 23/2014 3

Nein, Ho Chi Minh war nicht ihr Held. Im April 1975 rollte der Frieden auf einem Panzer mit nordvietnamesischen Soldaten vor Kim Thúys Elternhaus in Saigon. „Als Kind glaubte ich, dass Krieg und Frieden Gegensätze seien. Dabei lebte ich im Frieden, als Vietnam in Flammen stand, und lernte den Krieg erst kennen, nachdem Vietnam die Waffen niedergelegt hatte“, lässt die Schriftstellerin ihr Alter Ego Nguyen An Tinh sagen. Kim Thúy, geboren 1968, aufgewachsen in einer wohlhabenden Familie der gebildeten Mittelschicht, wurde durch diesen „Frieden“ in den Grundfesten ihres Lebens erschüttert: 1978 beschlossen ihre Eltern, sich mit den Kindern als Boatpeople Richtung Malaysia zu retten, von wo aus sie dann als Kontingentflüchtlinge nach Kanada kamen.

Dort arbeitete Kim Thúy als Übersetzerin und Rechtsanwältin, sie war Schneiderin, Gastronomin und Restaurantkritikerin, bevor sie, 30 Jahre nach der Flucht aus Vietnam, anfing zu schreiben. Thúy tat das auf Französisch, in der Sprache ihrer zweiten Sozialisation. „Vietnamesen artikulieren ihre Gefühle nicht“, sagt sie. Ihnen würde sogar die Begriffe dafür fehlen, weil die Sprache stark formalisiert sei. Auch kenne man in Vietnam so etwas wie Vergangenheitsbewältigung nicht, es gelte, das Damals hinter sich zu lassen, was zähle, sei das Heute, der Überlebenskampf. Auslöser für ihr Schreiben sei der Autismus ihres jüngsten Sohns gewesen. Er brauchte eine enorme Aufmerksamkeit, sie musste lernen, seine Gefühle zu verstehen. Und so begann sie schließlich, ihre eigenen Gefühle zu entdecken.

2009 veröffentlicht Kim Thúy ihren ersten Roman Ru, ein Jahr später erscheint er unter dem Titel Der Klang der Fremde auch auf Deutsch. Der Stoff ist autobiografisch, die Protagonistin Nguyen An Tinh findet gleich im ersten Satz ein beziehungsreiches Bild für ihre Geburt in Saigon: „Ich kam während der Tet-Offensive zur Welt, als das Jahr des Affen anfing und die vor den Häusern aufgehängten langen Knallerketten mit den Maschinengewehren im Chor zu knattern begannen.“

Der Roman erzählt Geschichten aus ihrer frühen Kindheit in Vietnam, vom Beginn des Friedens, der den sozialen Abstieg der Familie einläutet, er erinnert an die Flucht übers Meer („Wir hielten uns nicht mehr die Nase zu, wenn unsere Nachbarn sich erbrachen“), an die Latrinen eines überfüllten Flüchtlingslagers, an den Versuch, im Schlamm des abschüssigen Zeltbodens Halt zu finden, und die ahnungslose Ankunft in Kanada: „Wir kannten den Preis der Zeit noch nicht, ihren wahren Wert und ihre Knappheit.“

Verbotene Zeichen

Im Alter von zehn Jahren endet die vietnamesische Sozialisation, Kim Thúy wächst im kanadischen Exil auf. Ihre Muttersprache wird gleichsam gespalten. Mit den Jahren wuchs ihre Distanz zum Vietnamesischen, das, wie sie sagt, im Leben des zehnjährigen Kindes stecken blieb. Französisch wurde zur Sprache der erwachsenen Kim Thúy. Das komplizierte Verhältnis zu den Wörtern beider Sprachen bereitet den Boden für vielfältige Assoziationen in ihren Büchern. Das Áo dài zum Beispiel, jene lang geschlitzte seidene Tunika, das traditionelle Symbol vietnamesischer Weiblichkeit, taucht häufiger in den Werken von Kim Thúy auf.

Im Widerstand des Dschungels war die Tunika als Zeichen veralteter Geschlechterrollen untersagt und schlicht auch etwas unpraktisch. Tinh kommentiert die erotische Konnotation des Áo dài auf für vietnamesische Verhältnisse anzügliche Weise: „Sie hatten recht, das Kleid zu verbannen. Man brauchte dreimal so lange, es zuzuknöpfen, wie um es auszuziehen. Eine schnelle Bewegung genügte, und die Druckknöpfe sprangen ab.“

Auch das Wort „Tragejoch“ hat es Kim Thúy angetan, jene Hilfe, die bis heute schwer auf den Körpern der Händlerinnen lastet. „Mädchen“ wiederum löst bei Thúy nationales Pathos aus, „denn trotz ihrer Traumkörper und ihrer Jugend trugen sie die unsichtbare Bürde der Geschichte Vietnams, genauso wie die Frauen mit dem gekrümmten Rücken.“

Kim Thúy erzählt nicht linear. Vielmehr überspringt sie in Ru oft ganze Epochen, um eine überzeitliche Erzählung zu spinnen. Das Motiv der von GIs gezeugten Kinder in Südvietnam findet sich zum Beispiel am Ende einer Kette von Gedankengängen, die beim Kindermädchen der zentralen Figur einsetzt. Einen ähnlich gewaltigen Sprung unternimmt diese von ihrem eigenen vor dem Straßenverkehr geretteten Sohn in Kanada zu dem siebenjährigen Jungen in Vietnam, der vor den Augen seiner Mutter von amerikanischen Soldaten hingerichtet wird, die dann „kaugummikauend von dannen“ gehen.

Kompliziertes Glück

Dieses Jahr kam Kim Thúys zweiter Roman auf Deutsch heraus: Mãn (Der Geschmack der Sehnsucht) enthält sogar ein kleines Lexikon. Für jeden neuen Abschnitt prangten in Jadegrün am Rand ein vietnamesisches Wort und seine Übersetzung.

Mãn ist der Name der Heldin und heißt auf Vietnamesisch „Katze“, aber auch „vollkommen zufrieden“. Allerdings: Zufriedenheit hat für die Heldin nichts mit Glück zu tun. Sie lebt in einer arrangierten Ehe mit einem älteren Vietnamesen, der sie als Kanada-Emigrant aus Vietnam gebracht hatte und so vor dem Schicksal als stigmatisiertes Kind einer Prostituierten und eines GIs rettete. In dieser Ehe ist Zufriedenheit eine Überlebensstrategie. „Es reichte, dass er glücklich war, damit wir es alle waren. Wir waren ein Paar ohne Geschichten und ohne Streit.“ Als Mãn sich schließlich verliebt wie „ein Tornado, der uns mit sich riss“, wird sie unruhig, aufgelöst, traurig, unzufrieden. „Katastrophe“ ist das Wort, das sie mit dem Geliebten Luc verbindet.

Das langsame Ankommen von Kim Thúy in ihrem eigenen Leben lässt sich an der Erzählweise in ihren drei Büchern nachvollziehen, die innerhalb von fünf Jahren erschienen sind. Während der erste Roman sich eben noch sehr assoziativ zeigt, verfolgt Mãn zunehmend eine linear-kausal erzählte Handlung mit fester Personnage, die sich von der Autobiografie der Autorin deutlich zu entfernen scheint, als würde Kim Thúy das Frivole der Fiktion jetzt endlich wagen.

Dazwischen liegt A Toi (2011), eine Sammlung von E-Mails zwischen Kim Thúy und Pascal Janovjak, einem französisch-slowakisch-schweizerischen Autor aus Ramallah, die außerhalb des französischsprachigen Raums nicht veröffentlicht wurde. Die beiden lernten sich in einem Hotel in Monaco kennen und teilen seitdem die Verwandtschaft zweier Menschen mit vielfachen Wurzeln und das Empfinden der eigenen ethnischen Instabilität. Thúy und Janovjak wagten diese direkte Selbsterkundung ohne den Schutz der Fiktion.

Wer Thúy auf Pressekonferenzen sieht, erlebt einen zugewandten Menschen, ein Energiebündel, lebensfroh, das alle zum Lachen bringen kann, selbst die härtesten Kritiker. Dabei stellt Kim Thúy ihre Protagonistinnen manchmal in eine gewisse Verlorenheit. 30 Jahre lang habe der amerikanische Traum „sie beherbergt“, schreibt Kim Thúy in Ru, und dann trifft sie aneiner Tankstelle jenen Vietnamesen, der dieselben Impfmale am Arm hat wie sie: „Allein beim Anblick der Narben kamen unsere tropischen Wurzeln, die in schneebedeckte Erde verpflanzt worden waren, wieder zum Vorschein. In einer einzigen Sekunde konnten wir unsere Ambivalenz, unseren Zwitterzustand erkennen: halb hier, halb dort, nichts von allem und alles zugleich.“

Kim Thúys erstes Buch Ru (Der Klang der Fremde) wurde ein Bestseller in Kanada und Frankreich und seither in über 20 Länder verkauft, darunter auch die Vereinigten Staaten und Großbritannien, wo es mehrfach ausgezeichnet wurde. Thúy ist eine literarische Stimme, die Zeugnis ablegt vom Leben in Vietnams Krieg und Frieden, von Flucht und Ankunft im Exil in vielen, nur ihr bekannten Details, eine Informantin der vietnamesischen Diaspora. „Die meisten Vietnamesen schauen ja nicht zurück“, sagt Kim Thúy. Sie hat es, kunstvoll, getan.

Der Geschmack der Sehnsucht Kim Thúy Kunstmann 2014, 143 S., 16,95 €

Angelika Nguyen schreibt im Freitag auch über Film

 

06:00 18.06.2014

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