Halb Paris

Lebensgefühl Was hat der Lockdown mit der Stadt gemacht? Apéro-Tische stehen jetzt in Gassen – und man feiert verhaltener
Halb Paris
Im Gare de l’Est wird soziale Distanzierung markiert (links), die Touristen bleiben fern

Fotos: Adrienne Surprenant/Bloomberg/Getty Images, Julien Mattia/dpa (rechts)

Paris, Paris, Paris im ersten Jahr der Pandemie. Es dauerte, bis die Ankunft in der europäischsten der Metropolen Europas ins Bewusstsein drang, obwohl der Zug schon eingefahren war, der Platz des 11. November 1918 vor einem liegt, Tag des Waffenstillstands des Ersten Weltkriegs.

Diese Fahrt aus Deutschland in das „bruissement de vie“, das lebendige Getöse, verstand sich nicht von selbst. Geschlossene Ländergrenzen und nationale Lockdowns seit Mitte März haben alle, die welche hatten, in ihre Zimmer und Wohnungen verwiesen, haben das Hin und Her gestoppt. Die öffentlichen Verkehrsmittel wurden heruntergefahren, während die stationäre Intensivpflege hochgefahren werden musste. Eilige Verordnungen setzten den mobilen Alltag aus und führten zu einem abrupten Haltestopp, in dem sich jeder dort, wo er gerade war, in einer Art von „freezed picture“wiederfand.

In die Erleichterung über eine freie deutsch-französische Grenze in den frühen Junitagen mischte sich Verwunderung beim Blick von der Gare de l’Est auf die Boulevards, Schleuse für die, die von Osten kommen, seitdem es Lokomotiven gibt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wartete Charles de Gaulle hier auf den Zug mit den Widerstandskämpferinnen, den wenigen, denen es gelang, aus Frauenlagern wie Ravensbrück zu entkommen.

Unter den ersten Lockerungen seit Mitte Mai, nach harten Einschnitten und Ausgangssperren, muss man sich nachträglich darüber wundern, dass es einem Virus gelungen war, den „uneingeschränkten Personenverkehr“ auszusetzen, den das Schengen-Abkommen seit 1985 in Europa garantiert, auch wenn der europäische Pass noch fehlt. Nun ist Paris auch noch leise und leer. An der Place de la République ist die Öde nicht mehr zu übersehen, von buntem Treiben keine Spur, viel Zeit war gewesen, den weiten Platz, den hellen Stein und die Bronze gründlich zu fegen. Stolz ragt wie immer Marianne in die Höhe, rund um sie sitzen etwas tiefer auf dem Sockel des Denkmals Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Als Nationalheldin liefert sie seit fast 150 Jahren die Kulisse für das öffentliche Leben in der Stadt. Ihr Zweiglein hält sie etwas stoisch, das Schwert ist eher Beiwerk und verschwindet im Gewand. Was ihr zuletzt bald als Schmuck, bald als Bürde diente, wurde entsorgt, kein Transparent für Frieden, keine Menschenschlange für die Essensausgabe der Tafel, kein Skaten oder Kicken, kein Kerzenmeer nach Anschlägen und vielen Toten, Graffitis abgeschrubbt, Blumen und Trauerflor in die Archive der Erinnerungskulturen geräumt.

Nur keine Eile

Ist denn schon Juli, wenn alle im landesweit getakteten Jahresrhythmus aufs Land und ans Meer fahren, wenn die hartnäckigen Bewohner sich ihre Stadt allein mit den Touristen teilen, die keine Hitze scheuen? Auch diese fehlen. Paris, der alte Bekannte, bei dem man vorbeischauen wollte, um nachzusehen, wie es so geht in neuen, schon wieder schwierigen Zeiten, fremdelt. Geradezu gemütlich geht es zu. Berittene Polizei trabt gemächlich kontrollierend übers Pflaster. Passanten tragen ohne Verordnung Masken, verzichten freiwillig auf freies Atmen und den „goût de la liberté“, das historisch verankerte Nationalgefühl eines „savoir vivre“, „Geschmack der Freiheit“ träfe es nur ungeschickt.

Niemand scheint es eilig zu haben, draußen ist das Gebot der Stunde, auch wenn draußen nichts zu erledigen ist. In den Restaurants darf noch nicht bedient werden, Sperrbalken und Bänder verriegeln die offenen Türen und Fenster. Bei warmen Temperaturen wird schnelle Abhilfe geschaffen, man saß sowieso im Sommer wie im Winter draußen. In den inneren Vierteln werden die Terrassen erweitert, wird geschraubt, gebohrt und gezimmert, Kreativität muss hier nicht verordnet werden, sie ist längst am Werk.

Profimäßig werden Holzböden von den Bürgersteigen in die Gassen verlegt, um alles, was Stuhl, Tisch, Bank und Pflanze ist, zu einem willkommenen Ort für den Apéro am Abend zu machen, für ein Menü und Plauderstunden. Radelnd durch den mehrspurigen Kreisverkehr kann ein „goût de la liberté“ sich ohne jedes Risiko ganz neu entfalten. Schon am Morgen war zwei Tage nach dem glücklichen Grenzverkehr auf der verlassenen Place de la République auch die Metro verriegelt, der Weg nach unten wird frühzeitig gesperrt, am Nachmittag wird er zum Kessel. Gerechtigkeit wird gefordert und ein weiteres Justizverfahren für einen vor vier Jahren unter ungeklärten, von den Behörden beiseitegelegten Umständen verstorbenen 24-Jährigen. Adama Traoré wird zur Zentralfigur der französischen Black-Lives-Matter-Bewegung (der Freitag, 25/2020). Der Platz verschwindet hinter Gitterzaun und Polizeikordon, nur noch von Weitem ist Marianne zu sehen, es ziert sie die schwarze Perlenkette der Köpfe eng und akrobatisch auf dem Sockel balancierender Demonstranten, gemeinsam gehen sie unter im Grau der Rauchbomben.

Wer an der République aus Solidarität und nicht schwarz mitprotestiert, muss sich nicht wundern über den Verdacht der Heuchelei. Der Protest gegen Polizeigewalt ist schwarz, weil sie häufig auf Schwarze zielt. Antirassismus, schwarzer wie weißer, begnügt sich in internationalen Protesten nicht länger mit dem rhetorischen Bekenntnis und der Plakette fürs Kostüm, auch weil die adäquaten Mittel im Alltag fehlen.

So sehr man sich freut für Marianne über neue Geselligkeit nach der einsam-traurigen Quarantäne, so schrecklich wird klar, dass eine republikanische und weiße Mehrheitsgesellschaft ihr eigenes Versprechen von der Gleichheit vergisst, wenn sie durch Proteste an die Losungen erinnert werden muss, auf denen ihr Privileg der Vielfalt gründet. Der alte Bekannte Paris war in der Erinnerung immer schwarz und weiß – und muslimisch, jüdisch und katholisch, weiblich wie männlich. Der voll bepackte Krämerladen um die Ecke, „l’arabe du coin“, den sein Inhaber stets verfügbar hält, ist unverzichtbar – wie der Mythos von der französischen Frau noch durch Europa flirrt, wie die französische schwarze männliche Jugend zwar republikanische Gipfel stürmt, aber, noch pflichtbewusster in der Pandemie, die Haltegriffe in der Metro poliert und Müllsäcke wechselt.

Als die Nation im Haltestopp tags darauf auf die Rede ihres Präsidenten Macron und neue Dekrete wartete, sind viele erleichtert über seine Ankündigung, Frankreich werde zur grünen Zone und weitere Lockerungen stünden an. Seine Ansprache setzte die Franzosen in Bewegung. Wer unter den harten Maßnahmen der Ausgangssperren, der maximal gestatteten Entfernung von einem Kilometer vom eingetragenen Wohnsitz, wer Paris unter dem Papierkrieg der „déclarations“ und „autorisations“, der Erklärungen und Bescheinigungen, meiden konnte, war nun zur Rückkehr gemahnt: Zwei Wochen vor Ferienbeginn sollte die Schulpflicht, oberste republikanische Disziplin, wieder einsetzen.

Weniger Tradition

Und dann beginnen im Juli tatsächlich die Ferien in Frankreich, aber es steht noch der Nationalfeiertag im Kalender. Seit 1945 wird er am 14. Juli zur Bekräftigung des Nationalstolzes auf den Champs-Élysées in pompösen Paraden gefeiert, Massen säumen dann am abgesperrten Rand des Megaboulevards die Panzerzüge und starren kollektiv in den Himmel, wenn er die Trikolore malt und Flieger ihre Kunststücke zeigen. Die Pandemie zwingt die Zeremonie vom Arc de Triomphe an die Place de la Concorde, kaum anzunehmen, dass ganz Frankreich vor dem Bildschirm sitzt, um die Übertragung zu feiern.

Das Land rückt ab von großformatig repräsentativen Traditionen, wo immer es geht, schon das Abitur war im Juni ausgefallen, auch das eine Zeremonie der Meriten und „Bestenauslese“. Dagegen kommt in diesem Jahr erstmalsdie blau-weiß-rote Trikolore zu ihrem Recht und erhält neues Gewicht.

Weiß vor weiß stehen Pflegepersonal und Ärzte in erster Reihe unter den Uniformen vor der aufgerollten Flagge und Tribüne des Präsidenten, der ihren Einsatz ehrt. Hatte Macron im März noch mit dem viel gescholtenen Satz „nous sommes en guerre“, wir befinden uns im Krieg, die harten Maßnahmen des Lockdowns im Land krude angekündigt, so warb er zum Nationalfeiertag in einem Interview, das es so noch nicht gegeben hatte, für große Vorsicht in der Pandemie und Verständnis für weitere Reformen. Am Abend feiert am Sacré Cœur und in der Stadt das Volk und freut sich auf das Feuerwerk, das um den glitzernden Eiffelturm in blauen, weißen, roten Böllern um sich knallt. Die Masken, die die präsidiale Tribüne am Feiertag kleideten, spart man sich hier.

Bei der Rückfahrt nach der Reise halfen an den Gleisen Muster auf dem Boden beim Abstandhalten, Kringel mit viel Zwischenraum, sie wurden nicht für das gefällige Auge angebracht, sondern um exakt in ihrem fußlangen Durchmesser zu stehen.

Praktisch ist diese Choreografie des Stillstands in einer Zeit der Unsicherheit bisheriger Bewegungstriebe allemal. Wer kennt nicht den Reflex, sich vor langen Fahrten die Füße zu vertreten? Im Zug kicherten die Fahrgäste vor sich hin, als vor Straßburg die Durchsage in drei Sprachen Polizei und Grenzschutz ankündigt, ein Grenzübertritt sei ausschließlich „mit triftigem Grund“ gestattet. Die Aussprache stolpert über das Adjektiv, offenbar ein Fremdwort.

Man ahnte, es war ein altes Band aus den ersten Wochen des Lockdowns. Den noch sehr wenigen Zuggästen im Abteil konnte das gleichgültig sein, fielen sie doch aus dem Raster von entweder Urlauber, also raus, oder Einwohner, also rein ins Land. „Vivent les Républiques, vive l‘Europe!“ stand ohnehin nicht zur Auswahl, unter den triftigen Gründen, sich in Europa auch unter pandemischen Bedingungen zu bewegen.

Eva Erdmann ist oft in Paris, wo ihre Tochter das Französische lernt. Sie unterrichtet an der Universität Freiburg französische und spanische Literatur

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06:00 29.07.2020

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