Halbmond überm Reichstag

Erinnerungskultur Während des Zweiten Weltkrieges kämpften deutlich mehr Muslime gegen Nazi-Deutschland als mit ihm. Das wird allzu oft vergessen – aus politischen Gründen

Im Januar dieses Jahres, kurz vor dem internationalen Holocaust-Gedenktag, forderte der konservative Historiker Michael Wolffsohn in einem Interview mit der Passauer Neuen Presse eine „neue, auf Fakten basierende Gedenkkultur“, die sich nicht nur an „Nachfahren der Deutschen“ richten würde. Auch Deutsche mit Migrationshintergrund sollten angesprochen werden, da „die muslimische Welt beim Judenmorden und im Zweiten Weltkrieg mit den Hitler-Banden zusammengearbeitet“ habe, eine „Tatsache“ die kaum jemand anspreche. Kurz danach meldete sich auch der CDU-Politiker Philipp Amthor zu Wort und behauptete, dass Antisemitismus vor allem ein muslimisches Problem sei.

Wie solche Äußerungen zeigen, scheint das Bedürfnis, „Antisemitimsus und das Böse-Sein an andere zu delegieren“, wie Hanno Loewy es anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Fritz-Bauer-Instituts trefflich zusammenfasste, mit jedem Jahr größer zu werden. Und genau so wie die Schuldzuweisung an Muslimen im Bereich der antisemitischen Kriminalität immer wieder auf den harten Boden der Polizeistatistiken stürzt, die 90 Prozent der Verbrecher im rechtsextremistischen Bereich einordnen, ist auch das Gerede von einer kollektiven Erbschuld von Arabern und Muslimen an den Nazi-Verbrechen mehr Schein als Sein. Während des Zweiten Weltkrieges kämpften eindeutig mehr Muslime gegen die Nazis als für sie – ihre Geschichte wird aber kaum erzählt.

Der vergessene Einsatz

Trotz der Repression von Unabhängigkeitsbewegungen im gesamten Commonwealth dienten in den britischen Streitkräften freiwillig Millionen von Muslimen und Nicht-Muslimen aus den Kolonien. Allein die Zahl der muslimischen Soldaten aus Indien wird auf einen Million geschätzt. Auch die arabische Welt trug zu den Kriegsanstrengungen bei: Eine neue Studie des am israelischen Tel-Hai-College ansässigen Historikers Mustafa Abbasi spricht von 12.000 arabischen Freiwilligen im britischen Militär einzig aus Palästina, was ungefähr einem Prozent der damaligen palästinensischen Bevölkerung entspricht.

Auch in den Reihen der französischen Armee waren Hunderttausende Soldaten aus den Kolonien, davon eine große Zahl aus Nordafrika, die unter miesen Bedingungen und mit schlechter Ausrüstung die Kolonialmacht Frankreich gegen die deutsche Invasion im Jahr 1940 verteidigten. Tausende von ihnen wurden in Massenerschießungen von den Nazis ermordet oder in Lager gesteckt und waren Opfer von Folter und medizinischen Experimenten. Später dienten in der Freien Französischen Armee unter De Gaulle mehr als ein Viertel Million Marokkaner, Algerier und Tunesier. Tausende von ihnen verloren ihr Leben auf südeuropäischen Kriegsschauplätzen.

Vergessen wird auch der Beitrag muslimischer Soldaten in der Roten Armee. In ihren Reihen dienten zwischen drei und fünf Millionen aus den mehrheitlich muslimischen Republiken und Hunderttausende Usbeken, Kasachen, Tadschiken, Kirgisen und Turkmenen starben im Kriegsdienst. Auch bei der Befreiung von Berlin spielten muslimische Soldaten eine wichtige Rolle. Auf dem ikonischen Bild der Sowjetfahne über dem Reichstag ist der Muslime Abdulkhakim Ismailov aus Dagastan zu sehen – der Soldat, der die Fahne zuerst auf dem Gebäude platzierte, aber nicht fotografiert wurde, war der Kasache Rakhimzhan Qoshqarbaev, ebenfalls muslimischer Herkunft.

Tausende Araber und Muslime dienten zudem im US-Militär. In Titos Volksbefreiungsarmee kämpften mehr als 30.000 bosnische und albanische Muslime als Partisanen. Auch im Pazifik waren Muslime Teil des Krieges – muslimische Bataillone waren Teil der chinesischen Nationalrevolutionären Armee und im Süden der Philippinen gingen Zehntausende muslimische Moros in einem Guerilla-Krieg gegen die japanischen Besatzer.

Für Allah und das Dritte Reich?

Es gab aber auch Muslime, die mit den Nazis zogen. Einige Zehntausende Nordafrikaner dienten in den Streitkräften von Italien und unter Vichy-Frankreich als einfache Soldaten. von Ende 1941 an entschied sich die Nazi-Führung, aufgrund der schweren Verluste an der Ostfront mit der Rekrutierung von „Nicht-Ariern“ zu beginnen. In Bosnien wurde eine muslimische Waffen-SS-Division mit 20.000 Mann gebildet und auf der Halbinsel Krim ließ sich eine ähnliche Zahl von Krimtataren für das Dritte Reich mobilisieren. Insgesamt wird die Zahl der Muslime bei den Ostlegionen der Wehrmacht, auf etwa 200.000 geschätzt – die Mehrheit waren gefangenen Rotarmisten, die vorher unter schrecklichen Bedingungen in den Lagern vegetiert hatten. Von freiwilliger Zusammenarbeit kann in diesem Kontext keine Rede sein.

Kollaboration gab es aber nicht nur in den Besatzungszonen. Mit Beginn des deutschen Afrika-Feldzuges Anfang 1941 intensivierte die Nazi-Führung ihre Bemühungen, Partner im Nahen Osten zu finden. Sympathien mit faschistischen Ideologien waren in der Region nicht fremd, auch wenn die zwei Parteien die sich am klarsten davon inspirieren ließen, von Christen dominiert waren – die Syrische Soziale Nationalistische Partei, die gegenwärtig Assad fanatisch unterstützt, wie auch die maronitischen Falangisten, die sich in den 1980er Jahren mit Israel verbündet hatten. Auch die rechtszionistische Untergrundorganisation Lechi, eine von mehreren Vorläufern der heutigen Likud-Partei, verstand sich als faschistisch orientiert und versuchte im Jahr 1941 Kontakte zu Italien und Deutschland zu knüpfen, um Hilfe für ihren bewaffneten Kampf gegen die Briten zu bekommen. Ihr Ersuchen wurde von Berlin abgelehnt.

Tatsächlich relevant für die Achsenmächte wurde vor allem der Kreis um den irakischen Politiker Raschid Ali al-Gailani, mit dem der deutsche Diplomat Fritz Grobba schon Jahren zuvor in Kontakt gestanden hatte. Als al-Gailani im April 1941 durch einen Militärputsch zum Premierminister wurde und mehrere Nazi-Sympathisanten als Minister bestellte, versprachen ihm die Deutschen militärische Unterstützung gegen die im Land stationierten britischen Bataillonen. Die Angriffe der irakischen Armee scheiterten dennoch kolossal, eine deutsche Fliegerstaffel kam zu spät und war ohnehin zu klein, um die Alliierten ernstlich zu bedrohen. Kurz bevor die Briten Baghdad eingenommen hatten, kam es noch zu antisemitischen Ausschreitungen, organisiert von nationalistischen Jugendverbänden, bei denen 170 Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Die Konspirateure, darunter auch der ehemalige Mufti von Jerusalem, Muhammad Amin al-Husseini, waren zu diesem Zeitpunkt schon außer Landes und auf dem Weg nach Berlin.

Bis zum Kriegsende versuchten die Nazis, mit Hilfe dieser weniger arabischen Unterstützer und führenden Orientalisten, die muslimische Welt an ihre Seite zu mobilisieren. Aufrufe zum antiimperialistischen Jihad, antijüdische Propaganda und Äußerungen über die Ähnlichkeit zwischen der Nazi-Ideologie und dem „All-Islam“ wurden über Radiosendungen und Bildmaterial vermittelt. Letztendlich scheiterten dennoch all diese Bemühungen, wie es auch der Autor des Standardwerks Islam im Nationalsozialismus, David Motadel, resümiert. Trotz berechtigter Unzufriedenheit mit den französischen und britischen Kolonialmächten kam es im Nahen Osten zu keinen Volksaufständen während des Krieges und in den unterschiedlichen arabischen Einheiten der Wehrmacht kämpften nicht mehr als 1.200 Freiwillige aus dem Nahen Osten.

Das Trugbild hält sich

Obwohl es für jeden muslimischen Nazi-Soldaten schätzungsweise 20 bis 30 muslimische Soldaten in den Reihen der Alliierten gab, hält sich das Bild von der Kollaboration zwischen „dem Islam“ und dem Nationalsozialismus. Warum? Zunächst basiert dieser falsche Eindruck auf Nazi-Propaganda. Die Nazis hatten tatsächlich versucht, Muslime als Muslime zu rekrutieren. Sie betrachteten Muslime in der ganzen Welt, trotz angeblichen rassischen Differenzen, als politische Einheit, die sie instrumentalisieren können. Sogar das Adjektiv antisemitisch wurde im Laufe des Krieges mit „anti-jüdisch“ ersetzt, um mögliche arabische Partner nicht zu verprellen.

Dazu kommt Rassismus. Das Bild des Ersten und Zweiten Weltkriegs ist völlig weiß gefärbt. Es gibt kaum Bücher und Filme, die nicht-weiße Soldaten zeigen und das Thema war in der historischen Forschung äußerst unterbeleuchtet – erst seit Beginn des Millenniums wurden die ersten systematischen Studien zur Beteiligung von Nicht-Europäern an den Weltkriegen veröffentlicht. Aber auch für die Millionen aus den Kolonien, die auf den europäischen Schlachtfeldern kämpften, war es schwierig, über diese Geschichte zu sprechen. Die Dekolonisierung, die nach dem Krieg kam, ließ das Mitkämpfen für die Kolonialmächte als problematisch erscheinen und so geriet der afrikanische und asiatische Beitrag zu Sieg und Befreiung noch mehr in Vergessenheit.

Am meisten verantwortlich für diesen falschen Eindruck dürften jedoch konservative pro-israelische Akteuren sein, die aus politischen Kalkül seit Jahrzehnten am liebsten den Arabern, und insbesondere den Palästinensern eine Mitschuld am Holocaust geben wollen. Primär geeignet dafür war die Figur des Großmuftis von Jerusalem. Der anti-jüdische Agitator, der eine bedeutende Rolle in der palästinensischen Erhebung der 1930er Jahre gegen den Zionismus und dessen britische Unterstützer gespielt hatte, wurde zum Symbol der Nazi-Kollaboration in der sogenannten dritten Welt. Mehrere Bücher wie auch zahlreiche Artikel in deutschen Feuilletons wurden seiner – tatsächlich eher geringeren Bedeutung – in der Nazi-Propaganda gewidmet. Sein einziges kurzes Treffen mit Hitler in Berlin wurde 2015 fälschlicherweise vom israelischen Premierminister Netanjahu sogar zum eigentlichen Auslöser der “„Endlösung“ stilisiert.

Eine neue Gedenkkultur

Erstaunlich hingegen ist die vergleichsweise geringe Resonanz, die die Geschichten anderer Kollaborateuren in der öffentlichen Debatte haben. Von einer angeblichen Erbschuld der Inder, Armenier, Georgier oder sogar der buddhistischen Kalmücken, von denen jeweils mehr Freiwillige in den Reihen der Wehrmacht dienten als aus der gesamten arabischen Welt, ist keine Rede. In einer Sache hatte der Historiker Wolffsohn dennoch Recht – eine neue, auf Fakten basierende Gedenkkultur, die sich nicht nur an „Nachfahren der Deutschen“ richtet, ist in unserer vielfältigen Gesellschaft dringlich vonnöten. Der Anfang dafür muss die Erzählung von den Millionen Muslimen und Nicht-Muslimen aus dem globalen Süden einbeziehen, ohne deren Einsatz, die Hitler-Banden nie besiegt hätten werden können. Bis heute wird diese Tatsache in den Schulbüchern oder an den Universitäten kaum angesprochen. Wer gegen besseres Wissen dennoch von einer „muslimischen Mitschuld“ am Holocaust faselt, beteiligt sich an einer islamophoben Kampagne.

Yossi Bartal wurde in Jerusalem geboren und lebt seit 2006 als freier Autor in Berlin-Neukölln. 2018 gab er dem Freitag dieses Interview über den schmalen Grat zwischen Antisemitismus, Israelhass und Solidarität mit Palästinensern in Deutschland. Der Freitag widmet sich dem Ende des 2. Weltkriegs vor 75 Jahren und dem Tag der Befreiung in einem Schwerpunkt in der kommenden Ausgabe (19/2020)

Quellen:

Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrig Birgit Morgenrath /Karl Rösse http://www.3www2.de/pdf/PDFzumAusdrucken.pdf

Für Prophet und Führer: Die islamische Welt und das Dritte Reich David Motadel Susanne Held/ Catherine Hornung (Übers.) Klett-Cotta 2017, 568 S., 30 €

Palestinians fighting against Nazis: The story of Palestinian volunteers in the Second World War Mustafa Abbasi , War in History November 2017

Hakenkreuz und Halbmond Ronen Steinke https://www.sueddeutsche.de/politik/muslimische-ns-helfer-hakenkreuz-und-halbmond-1.3015455

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14:10 02.05.2020

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