Hallimasch einlegen, fürs kommende Jahr

Alltag Tanjas Bein lahmt, weil sie krank ist. Umso schneller läuft sie - dem Leben hinterher

Plötzlich ist sie nicht mehr da - wir drehen uns um und suchen mit den Augen die kleine Grünanlage der Klinik ab: trostlose Betonklötze, vor dem Eingang eine hässliche, stachelige Metallplastik, die herbstlichen Bäume bilden einen heiteren Kontrast. "Da, schaut mal, Hallimasch!" Tanja kriecht aus dem Gebüsch hervor und hält uns eine volle Plastiktüte mit Pilzen hin. "Hallimasch mitten in der Stadt! Die Deutschen nehmen die nicht? Warum? Meinen die Deutschen, die wären giftig?"

Die Frage ist an mich gerichtet, denn ich dolmetsche für Tanja, die nach Berlin kam, um ihren Krebs zu besiegen. Den Kampf hatte sie noch zu Hause in einer kleinen sibirischen Stadt aufgenommen, doch ohne Erfolg. Mehrere Operationen verwüsteten Tanjas Unterbauch, die hartnäckigen Geschwulste griffen die Leber an und wuchern nun auf die Lunge zu, Tanjas Körper ist von Narben und Blutergüssen übersät. Keiner würde das ahnen, wie sie, gelbe Blätter im Haar, leuchtend vor Herbstlaub und Freude auf dem Rasen vor der Klinik steht. Tanja ist eine schöne Frau. Ihre tadellose Garderobe herbstfarben, die Diamanten am Ohr dezent, die makellose Perücke aus Naturhaar gemacht. "Schaut euch mal diese Winzlinge an! Man muss sie marinieren und zum Wodka essen, es gibt nichts besseres!"

Die russischen Ärzte hatten den Kampf schon aufgegeben. Im März gaben sie ihr noch drei Monate zu leben. Sie und ihr Mann Boris kamen nach Berlin, um vom Schicksal ein Wunder zu erzwingen. Koste es was es wolle. Geld haben sie - und Hoffnung. Die verflixten drei Monate sind bereits um. Es ist schon Oktober.

Heute hat Tanja ihre zwölfte Chemotherapie hinter sich gebracht. Drei Tage war sie in der Klinik, drei Wochen hat sie nun Ruhe. "Los, schnell nach Hause", sagt sie. "Ich hasse hier alles, die Krankheiten, die Gerüche!" Wir steigen in ein Taxi und sausen los.

Tanjas provisorisches Zuhause sind drei Zimmer unter einem Dach im Bezirk Mitte. Die Wohnung ist sachlich, schmucklos und überteuert. Der Besitzer hat mit dem russischen Ehepaar seine Idealmieter gefunden. Sprachlos und reich.

Kaum über der Türschwelle, tauschen wir unsere Straßenschuhe gegen gemütliche Pantoffeln, wie man es in Russland tut. Mehrere Reihen nagelneuer Gästelatschen stehen ordentlich nebeneinander an der Wand, aber Tanja und Boris haben wenig Besuch. Seit sieben Monaten sind sie hier, aber sie können sich nicht verständigen. Wenn sie sprechen wollen, bin ich ihre Zunge und ihr Ohr. Und wenn der Arzt im Krankenhaus sagt: "Ihre Krankheit ist nicht heilbar", hört sie es aus meinem Mund. Aber Tanjas Gesicht bleibt stumm. Übersetze ich: "Das neue Medikament hat gut angeschlagen, es kann etwas Aufschub gewähren", hellt sich ihre Miene auf und sie saugt gierig jedes Wort in sich auf. Muss ich dann dolmetschen: "Aber hören Sie, ich darf Ihnen keine falschen Hoffnungen machen ..." ist Tanja schon wieder weit weg, bei marinierten Pilzen und Rezepten für Fisch.

Tanja wirft ihre Krankenhaustasche in die Ecke und läuft in die Küche, wo Pfannen und Edelstahltöpfe glänzen und der Kühlschrank vor Leckereien aus dem russischen Laden birst. Russen mangelt es bei Kaisers an Buchweizen, Gerste und Salzheringen, an Salzgurken und Rinderzungen, an krümeligem Frischkäse und herbstlichen Halimasch. "Die will ich gleich einlegen!" meldet sich Tanja aus der Küche und versucht, russische Atmosphäre zu verbreiten. Daheim, in Tanjas Welt, verbindet das Essen Wellness, Spaß und Geselligkeit. Sammeln, Fischen, Jagen, Speichern. Dann servieren und verzehren, immer in Gesellschaft, nie allein. Ihren sibirischen Alltag tragen die Eheleute stets in einem dicken Fotoalbum bei sich. "Meine Töchter, beide verheiratet, der Sohn auch, da sind die Enkelkinder, da sind wir auf der Datscha nach der Sauna." Das Foto zeigt einen gewaltigen Tisch auf einer Terrasse, der sich unter Kaviar und Pfannkuchen biegt. Ich komme selbst aus Russland und hätte nie gedacht, dass es solche Bilder jenseits von Werbeprospekten a la ›Willkommen bei Mütterchen Russland‹ gibt. Boris schreitet aus einer Dampfwolke und drückt die Saunatür hinter sich zu; alle Gäste am Tisch sind in Frottiertücher gehüllt. Nur Tanja nicht, weil sie mit ihrem Krebs nicht in die Sauna darf. Aber es gibt andere Freuden. "Hier, schauen Sie mal, da ist mein Blumenbeet und da mein Riesenkürbis, und hier sind wir im Wald: Naa, haben Sie schon mal so viele Pfifferlinge auf einmal gesehen?", hält Tanja das Album den Krankenpflegern und Ärzten entgegen.

Kurz vor ihrer Abreise haben Boris und Tanja ihr neues Haus eingeweiht: 600 Quadratmeter, Schwimmbecken, zwei Saunen, Billard, Turnhalle, Garten und sogar eine Waldparzelle mit eigenen Pilzen. Die Küche dort sei zehnmal so geräumig wie das, was Tanja in Berlin ihre "Feldküche" nennt.

"Und nun zaubere ich etwas auf den Tisch." ruft sie. "Bleibst du zum Mittagessen?" Ich bleibe. Weil bei Tanja immer alles wunderbar schmeckt, und ein bisschen auch, weil ich den Wunsch habe, das fehlende Dutzend Freunde und Verwandte zu kompensieren, die sonst an ihrer Tafel lagern. Nun sitzen wir zu dritt. Draußen regnet es.

Boris und ich gehen Klinikrechnungen durch, die er sorgfältig in einem Ordner stapelt. 100.000 Euro hat Boris schon für die Behandlung seiner Frau bezahlt. Dazu kommen Miete, Taxi, Lebensmittel und Shopping. Tanja ist eine exzessive Käuferin. Sie liebt Geschäfte, und am meisten die Haushaltsabteilungen. Vor ein paar Wochen haben wir vier Kronleuchter für 20.000 Euro im KaDeWe erworben und mit einer Spedition nach Sibirien geschickt.

Boris ist einer der "neuen Reichen", was man zunächst nicht vermuten würde. Ein großer, ruhiger Mann Mitte fünfzig, ist er dem alten Stil treu geblieben. Hose schwarz, Hemd glattgebügelt, dunkler Mantel, heller Schal und ein etwas grobes Gesicht, das an eine große Kartoffel erinnert. Seine Glatze versucht er, erfolglos mit dem restlichen Haar zu kaschieren; wie ein sowjetischer Funktionär wirkt Boris, was er, nebenbei gesagt, in seinem Leben auch schon einmal war. Ein kleiner Funktionär allerdings; reich ist er erst in den letzten zehn Jahren geworden.

"Hier haben sie uns einen Einzelbettzuschlag angerechnet, auf der Station gibt es aber nur Doppelbettzimmer. Sie müssen das verrechnen." Ich sehe genauer hin. "Ich rufe in den nächsten Tagen die Buchhaltung an", stimme ich zu. "Am besten erledigen wir das jetzt. Sofort." Sein Blick wird hart, fast unangenehm, wie es bei seinen Geschäftsgesprächen per Handy öfter vorkommt. "Mach das bitte." Er reicht mir den Telefonhörer. Er müsse jetzt an den Computer. Dank Internet gelingt es dem sibirischen Kaufmann, seine Geschäfte von Berlin aus zu leiten. Er besitzt eine Firma mit ein paar Dutzend Angestellten und er handelt mit Öl.

Seine freie Zeit verbringt er mit seiner Frau beim Shoppen, Kochen, Essen oder Spazieren gehen, und am Abend sehen sie alte russische Filme an. Wenn Tanja auf der Station ist, bleibt Boris von neun bis 21 Uhr bei ihr. Er kann stundenlang einen Löffel vor ihrenMund halten, und wenn sie sich erbricht, laufen ihm Tränen übers Gesicht.

Wenn Boris arbeiten muss, langweilt Tanja sich. Sie ist ein Herdenmensch. Tanja zeigt mir ihre Einkäufe der letzten Woche: ein Tischläufer, Kerzen, ein riesiger Tortenteller und ein Weihnachtsstern, alles rotgold gemustert. "Für die Silvesterfeier, da fliegen wir nach Hause", erklärt Tanja. Sie kauft gern auf Vorrat, um den Tod zu bannen. Dann packt sie alles in eine Kiste, damit sie es nach Sibirien schicken kann. Für ihr Berliner Leben hat sie erstanden: mehrere Paare seidener Strümpfe, einen dicken Mantel für den näherrückenden Winter, viel Blumensaat, für nächstes Jahr, wenn es Frühling wird.

In Berlin lebt Tanja in den Zeiten, die ihr die Krankheit lässt. Zwei Wochen braucht ihr Körper, um sich von der Infusion zu erholen. In der dritten Woche versucht sie, das verpasste Leben nachzuholen. Wir sind ständig unterwegs. Museen, Konzerte und Theater interessieren uns nicht. Wir amüsieren uns in Geschäften, Restaurants oder auf den Straßen, wo alles neu und fremd für Boris und Tanja ist. Sie wollen unbedingt die Punks am Alexanderplatz fotografieren, um sie den Verwandten in der kleinen sibirischen Stadt zu zeigen. Die Punks brüllen, die Hunde bellen, und wir laufen weg. "Warte, Tanja", ruft Boris. "Ich schaffe das nicht, ich komme dir nicht hinterher!" Tanja fotografiert alles: Fahrradanhänger für Kinder, Schaufenster, die Marienkirche, den sitzenden Marx und einen laufenden Hund. Sie lässt alle Fotos entwickeln, und wenn Boris arbeitet, klebt sie sie in einen Malblock ein.

Wenn sie schnell läuft, hinkt sie ein bisschen und beugt den Körper nach vorn - nach der letzten Operation schwillt ihr rechtes Bein beim Laufen an und wird hart wie ein Stein. Vor Schmerzen krümmt sie sich etwas, trotzdem ist sie uns immer einen Sprung voraus. Sie probiert eine russische Pelzmütze von einem Souvenirstand auf: "Wir sind die Sieger!" lacht sie laut, stemmt die Fäuste in die Hüften und bittet mich, sie abzulichten. Ich nehme sie in den Sucher und spare ihre Füße aus, um die herum eine magere kränkliche Taube tappt.

Das alles war vorigen Herbst. Heute habe ich im Park ein Bündel Hallimasch gesehen. Die Deutschen haben sie wieder mal stehen lassen, obwohl sie das Beste sind, was es zum Wodka gibt. Es ist wie im letzten Jahr. Und Tanja ist, wie damals, verschwunden. Fast hätte ich selbst geglaubt, dass Tanja unsterblich wäre. Doch kurz vor Ostern reiste sie nach Sibirien. Und dann war sie plötzlich nicht mehr da.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare