Hallo Apokalypse

Zeitenwende Die Gefahr eines totalen Zivilisationsverlustes ist kein bloßes Hirngespinst. Das zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Immer wieder sind Hochkulturen gefallen

Das Jahr 529 n.Chr. Mit seiner Gefolgschaft verlässt Benedikt von Nursia die Metropole Rom um in der Einsamkeit der Berge eine neue Form von Gemeinschaft zu gründen. Es sollte eine autarke Kommune sein, nicht mehr abhängig von den scheinheiligen Wohltaten einer verfallenden Zivilisation. Alles, was die Gemeinschaft an Lebensunterhalt und Kultur benötigt, sollte sie selbst vor Ort produzieren – ein Überlebenszelle für die Zeit nach dem Zusammenbruch von Weltwirtschaft, Handel, Staat und dekadenter Lebensführung in den verfallenden Städten. Man wolle das Chaos des Weltuntergangs bis zur erwarteten Ankunft des himmlischen Weltgerichts nicht mehr durch Widerstand, sondern durch Abspaltung von autonomen Einheiten überstehen – wie Sporen eines sterbenden Organismus.

Tatsächlich dauerte es keine 50 Jahre, bis das erste Benediktinerkloster in Monte Cassino schon wieder überrannt und niedergebrannt war von den marodierenden Banden, die fortan das Leben der Menschen auf dem toten Körper des einstigen Römischen Imperiums bestimmten. Dass überhaupt schriftliche Zeugnisse die Zeit der Finsternis überdauerten, verdankt sich nicht zuletzt den Abschriften in den abgelegensten Zufluchtsstätten am verborgensten Rand der bekannten Welt – der von den Barbaren unentdeckten Tochtergründung eines Klosters auf der kleinen Insel des Lough Erne im Nordwesten Irlands. Sonst überall verbrannten die Bücher.

Unsere letzte Stunde

Mit wohligem Schauer lässt sich in den Phantasien des Untergangs schwelgen. Es ist schon wahr, der Verfall der Zivilisation und das nahe Ende der Welt verfolgt die menschliche Einbildungskraft so lange, wie Menschen sich zur Gründung einer Zivilisation zusammengefunden haben und so die Muße fanden, über die Welt jenseits ihrer Alltagserfahrung zu sinnieren. Und doch ist es keine bloße Phantasie – die Vorstellung, dass alles, was wir uns an Wohlstand und Kultur aufgebaut haben, in einer kurzen apokalyptischen Endzeit zerstört wird. Das vielleicht überzeugendste Beispiel für einen realen Untergang, der dem Weltuntergang am nächsten kommt, findet sich im Epochenwechsel von der Antike zum Mittelalter, in den Ereignissen um das Jahr 529 n.Chr. – zugleich ein Mahnmal für die Zeit, die uns unmittelbar bevorstehen könnte.

Die gute Nachricht zuerst: Alle Untergangsängste der vergangenen Jahrzehnte haben sich als falsch herausgestellt. Es ist weder der Weltkrieg, der unsere Zivilisation zerstört, noch die Atombombe in der Hand islamistischer Terroristen. Auch die von unverantwortlichen Wissenschaftlern freigesetzten Killerviren kommen wahrscheinlich zu spät, genauso wie die Klimakatas­trophe oder das Versiegen der Ölquellen.

2003 hatte der englische Physiker und königliche Hofastronom Martin Rees in seinem Buch Unsere letzte Stunde (Bertelsmann) den Versuch unternommen, die Wahrscheinlichkeit für globale Katastrophen mathematisch abzuschätzen und kam zum Ergebnis, das in der Summe unsere Zivilisation das 21. Jahrhundert nur mit einer 50%-Chance überleben wird, wobei dann aber auch Kometeneinschläge und die Gefahr, der neue Teilchenbeschleuniger in Genf könnte ein planetenverschlingendes Schwarzes Loch produzieren, mitberücksichtigt wurden.

„This is the way the world ends, not with a bang but a whimper“, hatte T.S. Eliot gedichtet. An die triviale Möglichkeit, dass einfach die Selbstorganisation unserer Wirtschaft und Gesellschaft nicht funktioniert und nach unregelmäßigen Zeitabschnitten zum Totalzusammenbruch führt, hat Rees jedenfalls nicht gedacht.

Das heutige Unverständnis über die hereinbrechende Wirtschaftskatastrophe ähnelt den Versuchen der Historiker, die Ursache für den Untergang des Römischen Reichs zu finden. Es war jedenfalls keine Seuche, wie später 1348 die Schwarze Pest, die aber auch nur für zwei oder drei Generationen Europa in den Abgrund stürzte. Die große Pestwelle von 542 n.Chr. scheint eher eine Folge denn die Ursache der Verarmung gewesen zu sein, vergleichbar mit dem Ausbruch der Cholera im heutigen Simbabwe. Und ebenso die Abkühlung des Weltklimas. Die mittelalterliche Kältezeit ist erst nach dem Niedergang ausgebrochen, möglicherweise gerade dadurch ausgelöst, dass Europa durch die Entvölkerung und die Aufgabe der Landwirtschaft verwaldete und das Klimagas Kohlendioxyd aus der Atmosphäre dadurch gebunden wurde.

Jahrhundertelang machte man den Einbruch der Barbarenvölker für den Niedergang des Römischen Reichs verantwortlich. Wahr ist wahrscheinlich das Gegenteil: Die letzten paar Jahrhunderte konnte sich die antike Zivilisation nur noch dank des Zustroms fremder Völker am Leben halten. Das Römische Reich war eine Idee, die sich ungleich stärker durch die Bewunderung und Assimilation von Nachbarvölkern nährte als durch die immer überschätzte Stärke seiner Legionen. Selbst Attila der Hunne (406-453 n.Chr.), die „Geißel Gottes“, wollte nach eigenem Verständnis letztlich nur das Römische Imperium nachahmen und von außen kommend vergrößern. Und auch nachdem Rom selbst schon längst nicht mehr das administrative Zentrum des Reiches war, bestand die Zivilisation fort, größer denn je und auch in all den angeblich barbarischen oder von Barbaren eroberten Provinzen.

Nach allem, was Archäologen ausgegraben haben, konnte man sich noch Anfang des 6. Jahrhunderts selbst auf entlegenen Landgütern des fernen Germaniens filigrane Kunstwerke leisten und Luxusgüter aus dem Orient, man zahlte mit Goldmünze, besuchte Theater und Thermen und beschäftigte sich mit geistvoller Literatur und Philosophie des griechisch-römischen Abendlands.

Der Trost der Philosophie

Wenige Jahre später: Steinzeit. Die globale Beendigung wirtschaftlicher Aktivität. Die Menschen verließen die Städte, Handel und Geldwirtschaft kamen vollständig zum Erliegen. Man lebte in kleinen Verbänden, ernährte sich von der Hand in den Mund und wurde regelmäßig ausgeplündert von herumstreunenden Räuberbanden. Für Jahrhunderte. Abgesehen von der kurzen Zeit des gescheiterten Zivilisationsversuchs unter Karl dem Großen dauerte es über 500 Jahre, bis es im Zuge der Normannischen Staatsgründungen im späten 11. Jahrhundert erstmals wieder zu einer nennenswerten ökonomischen und kulturellen Aktivität in Europa kam; in der arabischen Welt begann der Wiederaufbau schon etwas früher. Ein mit der Antike vergleichbarer Lebensstandard wurde aber erst wieder in der Frühen Neuzeit erreicht, rund 1.000 Jahre nach dem Zusammenbruch.

Irgendwann im 10. Jahrhundert in Mittelamerika hörte das Volk der Maya auf, Städte zu gründen, Kunstwerke zu erschaffen, Kriege zu führen. Der Urwald überwucherte die Metropolen dieser Hochkultur voller Prachtbauten, die von fortgeschrittener Wissenschaft und Wirtschaft zeugen. Als Jahrhunderte später die europäischen Eroberer ins Land kamen, wollten sie nicht glauben, dass die Bewohner der archaischen Dörfer, die sie vorfanden, die Nachkommen der Erschaffer dieses Großreichs waren. Bis heute hat man nicht den geringsten Hinweis auf eine Katastrophe gefunden, die damals stattgefunden haben könnte, weder Krieg noch Meteoriteneinschlag oder Seuche. Es scheint, als hätten die Maya eines Tages einfach das Interesse am Projekt Hochkultur verloren. Sie verabschiedeten sich aus den Palästen der Städte und zogen in die Dörfer.

Mit aufwändigen Computersimulationen erforscht die aktuelle Wissenschaft Instabilitäten komplexer Systeme –Phänomene wie beispielsweise im Straßenverkehr der „Stau aus dem Nichts“. Die mathematische Katastrophentheorie braucht keinen Schuldigen mehr und keiner Ursache, um eine Dynamik zum Kollabieren zu bringen. Die klassische Volkswirtschaftslehre hat sich in neo- und postklassische Makroökonomie weiterentwickelt und in den spieltheoretischen Modellen wurde homo oeconomicus, der einst ideale Hüter rationalen Eigennutzes, längst zu einem nervösen Obskurantisten mit eingeschränktem Wissen, zerfressen von Vorurteilen. Allein, die Vorhersagekraft des ganzen theoretischen Aufwands nivelliert sich auf Null. Verglichen mit der Physik ist alles, was je in der Ökonomie erforscht wurde, noch weit von den Einsichten eines Galileis entfernt – nicht einmal auf dem Niveau babylonischer Astrologie.

Jetzt, wo es zu spät ist, kann es einem die Zornesröte ins Gesicht treiben. Nachdem die Menschheit gerade die Fähigkeit erworben hat, jeden Stoff nach freiem Willen aus einzelnen Atomen zusammenzusetzen, die Geheimnisse des Lebens in ihrer verborgensten Mechanik zu entschlüsseln, die Größe des Universums bis zum definitiven Anfang zu durchmessen – in dieser höchsten Blüte der Kultur ist es unseren studierten Chefvolkswirten der Zentralbanken nicht aufgefallen, dass der weit überwiegende Teil des Geldvermögens sich längst von allen realen Werten entkoppelt hatte und zur reinen Zählgröße eines in betrügerischer Bereicherungsabsicht aufgeblähten Schneeballsystems geworden war. Da haben sich diese Leute jede Woche zusammengesetzt um subtile Anpassungen an Lombardsätzen für Refinanzierungszinsen vorzunehmen, und die gesamte Grundlage ihres Handelns war längst vor ihren Augen leergeplündert worden. Ein ganzer Berufsstand dümmer als Bauerntölpel, Schande der zivilisierten Menschheit.

Das Jahr 529 n.Chr.: In Athen verwüstet der Mob die Platonische Akademie, aufgestachelt von Justinian, der aus einfachen Verhältnissen zum oströmischen Kaiser aufgestiegen einen fundamentalistischen Gottesstaat etablieren wollte. Seit 387 v.Chr., für über 900 Jahre war die Akademie ein Weltzentrum der Kultur und Wissenschaft gewesen. Die folgenden Jahre verbrachte Justinian damit, im Namen der Reinheit des Glaubens den Großteil des ehemaligen Weströmischen Reichs mit Krieg zu überziehen und alle Zeugnisse der „heidnischen“ Kultur zu vernichten.

Drei Jahre zuvor war Boethius, Staatsmann und letzter Gelehrter der griechisch-römischen Wissenschaft, im Kerker von Pavia totgeschlagen worden. Im selben Jahr starb der Gotenkönig Theoderich, der letzte Garant der antiken Zivilisation, dessen letzter Fehler war, die Inhaftierung Boethius’ wegen nichtiger Intrigen zugelassen zu haben. Dort im Kerker schrieb Boethius das letzte Buch, das die folgenden Jahrhunderte der Sprachlosigkeit überleben sollte, eine kleine Fibel der verschwundenen Ideen Consolatio philosophiae, der Trost der Philosophie.

Vielleicht liegt hierin das Geheimnis des Untergangs: Die Menschen hatten einfach keine Lust mehr auf komplexe Wahrheiten. Sie verloren den Gemeinsinn für arbeits­teilige Organisationsformen. Sie hatten kein Interesse an einer Zivilisation, die sie nicht mehr verstanden und deshalb nicht mehr als ihre begriffen. Jede Gruppe suchte lieber ihr eigenes Glück innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft fernab der großen Gemeinschaft der Städte. Und mit dem Ende der Solidarität brach die Dunkelheit herein.

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