"Hallo Berlin, hier spricht der 10. Mai 2012"

Gastprofessur Rainald Goetz hat an der FU Berlin sein poetologisches Programm ausgeführt, ein wenig die Gastgeber brüskiert und en passant die Piratin Julia Schramm widerlegt

Diese eigentümliche Geste der Begrüßung ließ sich voraussehen. Bevor Rainald Goetz seine Antrittsvorlesung an der FU Berlin beginnt, tritt er vom Rednerpult zurück, zieht er Robbie-Williams-like eine Kamera aus der Sakkotasche und knipst einige Fotos vom prall gefüllten Auditorium. Goetz’ geradezu manisches Sammlertum ist berüchtigt. Wo er auftaucht - sei es im Stroboskoplicht eines Technoclubs, auf der Tribüne des Bundestages oder beim Herbstempfang der FAZ - macht er Bilder, Skizzen und Notizen. Es sind jene Versatzstücke der Wirklichkeit, mit denen er seine assoziative Textmaschine füttert, um sie dann in höchster Verdichtung wieder wütend auszuspucken. Doch liefern diese Realitätssplitter nicht nur den Rohstoff seiner Literatur. Sie verkörpern gewissermaßen auch sinnbildlich sein poetologisches Programm. Und wie es die Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik will, wird Goetz hier nun genau darüber ein Semester lang sprechen. Sein Motto: „Leben und Schreiben. Der Existenzauftrag der Schrift.“

Dass Goetz nach Hertha Müller, Sibylle Lewitscharoff oder Ulrich Peltzer nun als achter zeitgenössischer Schriftsteller an die FU berufen wurde, erscheint überfällig. Sein Konzept von Autorschaft, wie er es in seinem Werk von Irre bis Loslabern variierend erprobt hat, ist in der deutschen Gegenwartsliteratur einmalig: einmalig faszinierend, aber auch einmalig vertrackt. Denn das Wesen des Schreibens, das bemerkt er direkt am Anfang der Vorlesung, haust für ihn in der Lücke zwischen Denken und Text, in der Differenz zwischen Intention und Schrift. Das Geschriebene entwickelt immer eine Autonomie und verselbstständigt seine Bedeutung. Streift man durch Goetz’ Texte, zeigt sich dies am deutlichsten an den aufwendig komponierten Erzählinstanzen. Man findet zumeist ein überaus prekäres „Ich“, das stets eindeutige autobiographische Spuren zum Autor legt, nur um diese dann aber immer wieder zu verwischen, indem sich der vermeintliche Autor-Erzähler fortlaufend in ein polyphones Gewirr eigener und fremder Stimmen spaltet. Schließlich ist es dann kein eigentliches Subjekt, kein „Ich“ mehr, das da redet und handelt, sondern nur noch der Text selbst.

Solch ein verwickeltes Vexierspiel zwischen Autor und Text führt Goetz auch an diesem Abend vor. „Hallo Berlin, hier spricht der 10. Mai 2012“, begrüßt er das Auditorium. Im Folgenden, derweil Goetz’ oft bemerkte Hypernervosität und existentialistische Spleenigkeit weitestgehend hinter ein durchnummeriertes Stakkato hochkonzentrierter Sätze zurücktritt, entfaltet sich ein Mix aus literarischer Prosa und künstlerischem Produktionsbericht, der seine Poetik im Modus des intellektuellen Livestreams vorführt. Der „hirninterne Satzautomat“ läuft auf Hochtouren. Erlebnisfragmente des Tages mischen sich mit Stilkritik und Theoriebausteinen. „Der Simultandolmetscher des Jetzt“, wie Goetz einst von der SZ apostrophiert wurde, lässt eine Sprache fließen, die keine kohärente Wirklichkeit mehr heucheln will, wo es diese schon längst nicht mehr gibt.

Der Autor ist nicht tot. Seine Position ist nur verschoben

Verhält es sich also so, wie die Piratin Julia Schramm jüngst im Zuge der Urheberrechtsdebatte einigermaßen irrlichternd bemerkte: Der Künstler, nur eine Art fleischgewordener Filter des Weltgeistes? Mitnichten! Denn Goetz’ „Sofortismus“ ist eben nicht einfach die Wiedergabe des unmittelbaren Erlebten, keine écriture automatique, sondern hat immer einen doppelt-reflexiven Boden. Auch wenn die Schrift nach Goetz ihren Eigensinn entwickelt, ist der Autor entgegen poststrukturalistischer Grabreden hier keineswegs einfach tot. Seine Position ist lediglich verschoben. Er ist zwar kein authentisch-genialischer Produzent, aber dafür, so könnte man zugespitzt mit dem Philosophen Michel Serres sagen, der „Parasit“ seines eigenen Textes: ein zwischen autonomer Schrift und Leser anwesender Dritter, der „störend“ in den Fluss der Kommunikation eingreift, indem er den Text abrupt abbricht, ihn zur Korrektur zwingt oder eine meta-reflexive Extrarunde drehen lässt – und genau dadurch immer wieder neue Impulse kreiert und den Text lebendig hält.

Doch was bedeutet in diesem Modell nun Schreiben? Goetz bringt es auf die konzise Formel: „Sprachgefühl und Menschenkenntnis“ und brüskiert damit nebenbei auch gleich ein wenig seine universitären Gastgeber, die ihm im Zusammenhang mit der Professur nämlich die Leitung einer „literarischen Schreibwerkstatt“ übertragen haben. Doch „der Kopf ist keine Werkstatt, Schreiben kein Handwerk“. Es kann, so Goetz mit einem fast körperlich spürbaren Ekel gegenüber jedweder seminaristischen Didaktik, nicht „serviceartig abgezapft werden.“ Lediglich das Lesen guter Texte (von den schlechten sollte man tunlichst die Finger lassen), könne helfen.

Doch als wollte er sich selbst noch einmal korrigieren, skizziert er gegen Ende seiner Rede dennoch zwei Möglichkeiten, sich dem Schreiben lernend anzunähern. Er rät zum einen, das mag bei seiner bekannten Zeitungssucht kaum überraschen, zum Journalismus. Der sei im Idealfall permanente „Weltaufmerksamkeitsübung“ und Schleifstein der Sprache. Zum anderen empfiehlt er ein „Studium Generale der Menschenlehre“, das durch alle Fakultäten und Fächer führen, aber vor allem aus einem intensiven Anatomiekurs bestehen müsste. Denn, so der promovierte Mediziner Goetz, will man den Menschen wirklich kennen lernen, müsse man in sein leibhaftiges Inneres blicken. Auch als professoraler Zeitarbeiter bleibt Rainald Goetz, wie er über sich selbst sagt, wahrlich ein „Punk des Denkens“.

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15:30 11.05.2012

Ausgabe 48/2020

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