Hallo Schlamm

Literatur Sachbücher verkaufen sich gut, sie bestätigen, was wir zu wissen ahnen. Oft erbaut allein der Besitz
Hallo Schlamm
„Das Evangelium der Aale“: So bescheuert der Titel ist, so spannend liest sich das Buch

Foto: Alexander Semenov/Science Photo Library

Auch Männer brauchen Orientierung. Was vor einiger Zeit ein Artikel der New York Times en passant erwähnte, bestätigt der führende Sachbuchagent Matthias Landwehr: Es sind zunehmend Frauen, die ihnen Sachbücher kaufen, historische zumal.

Insofern ist es mit der angeblichen Männerdomäne Sachbuch so eine Sache. Vielleicht liegt es ja am weiblichen Altruismus? Jedenfalls steigen die Sachbuchquoten im Buchhandel, während Belletristik weiter abnimmt. Nun ist das vielleicht kein allzu großes Wunder, sieht man sich alle die belletristisch verwechselbaren Unverwechselbarkeiten an.

Und sind nicht Sachbücher ohnehin die viel romantischeren Bücher? Verzaubern sie nicht unsere schnöde Alltagswelt? Ist es nicht romantisch, wie uns Gesundheit versprochen wird? Vom dauerbrennend charmanten Darm zum galanten Immunsystem (Dr. med. Marianne Koch, dtv). Oder gleich das große Ganze im Blick: Was wirklich wirkt. Kompass durch die Welt der sanften Medizin (Aufbau). Unschlagbar die Wahl, entweder in 30 Tagen zu dir selbst oder in 3 Minuten Grenzenlose Wunscherfüllung mit der Kraft des Mondes (beides Allegria). Auch romantisch: Wer stärker fühlt, hat mehr vom Leben (dtv). Alle die Naturbücher! Die sind nun wahrlich keine Männerdomäne.

Ratgeber, Diäten, Celan

Ins Offene, Freund! Bienlein, Schmetterlinge, Tiere mit Pelz – Füchse (Bei C. H. Beck und Matthes u. Seitz)) – oder Federn (Nachtigallen in Berlin, bei Rowohlt). Wo niedlich, da auch unheimlich. Wissen wir von den Grimms. Z. B. Aale, diese aalglatt phallomorphen Schlammbewohner. Das Evangelium der Aale verkündet der Schwede Patrik Svensson. So bescheuert der Titel, so gut geschrieben und spannend das Buch über diese geschlechtsuneindeutigen, mehrfach metamorphotischen Fernwanderer. Die menschheitsanaloge Inbrunst darin kann man ja einfach überblättern. Ja, und dann jene, die nicht mehr so oft an den Autoscheiben kleben, die Insekten – wahre Herrscher der Erde (Aufbau). Überhaupt: Wer stärker fühlt, hat mehr vom Leben (dtv). Für den romantischen Wanderer, der vor alledem weglaufen möchte, einstweilen noch Das Glück des Gehens (Rowohlt).

Gehen wir es etwas systematischer an. Gut gehen diese Jahreshälfte wie alleweil Ratgeber, Diätik, Lebenshilfe, weichgespülte Philosophie, Natur. Klima, klar! Bücher über Dinge und Stoffe sind weiterhin angesagt. Jubiläumsbiografien – diesmal Beethoven, Celan, Hegel und Hölderlin. Allzumal Hitler: Brendan Simms mit der etwas schrägen These von Hitlers Fixation auf die USA (DVA), Leidiger/Rapp, fixiert auf Kindheit und Jugend (Residenz), fehlen dürfen auch nicht Tiere im Nationalsozialismus (Hanser) – Crossover von Nature und Nazi-Writing. Da muss doch was zu machen sein!

Mindest drei Trendkomplexe kann man ausmachen.

Da ist erstens das längst bewährte Muster des bekennenden, beglaubigenden und erzählenden Ichs. Man fand es seit je in dem, was man den biosoziokulturellen Komplex nennen könnte – Konfessionen oder Krisenbewältigungstipps von der Zeugung bis zur Bahre. Auch im Nature Writing ist es geboten. Ob Macdonalds H wie Habicht, Macfarlanes Im Unterland oder eben Svenssons Evangelium der Aale: Was die Natur mit mir machte, macht mein Buch nun mit dir. Interessant, wie dieses Muster zunehmend als wissendes Ich ins weitläufig Sozialwissenschaftliche Einzug zu halten scheint. Seit Didier Eribon spätestens, Jana Hensel oder Steffen Mau. (Besonders apart: wenn der Luhmannianer Armin Nassehi in Muster ebenfalls mit seinem Ich aufwartet.)

Dann ist da zweitens das Muster des Konstellationsbuchs. Seit Florian Illies’ 1913 hört es nicht mehr auf. Berlin 1936, Jena 1800, 1919 – das Jahr der Frauen, 1920 – am Nullpunkt des Sinns, letztlich auch Harald Jähners Wolfszeit. Heuer sind es u. a. Jan Wenzel Das Jahr 1990 freilegen, Peter Walther Fieber: Universum Berlin 1930 – 1933 oder Volker Ullrich Acht Tage im Mai. Die letzte Woche des Dritten Reiches. Das kombiniert signifikante Jahreszahlen mit Stimmenmix und Stimmungscollage im konsumentischen Horizont von Bildungsanmutung. Es kann ironisch-entlastend oder dringlich-dräuend sein; jedenfalls knüpft es an geahntes Wissen (Krieg, Inflation, Revolution etc.) an und kontrastiert Schicksale in kontrollierter Komplexität. Es lässt sich möglichst nicht auf Thesen reduzieren, sondern illustriert schicksalhafte Unvorhersehbarkeit, Vielfalt und Wechselhaftigkeit.

Schließlich und besonders dominant drittens das Muster der verblüffenden Fundamentaloffenbarungen. Naturgemäß dominieren in Zeiten, die sich im krisenhaften Umbruch sehen, Angebote, die erklären wollen, wie es um die Welt steht, wohin sie driftet und was wir dafür oder dagegen tun können.

Man denke nur an alle die Demokratie- China- und Klima-Warnbücher. Da bieten sich zwar fundamentale Überlebenshilfsvorbilder an, wie Gary Fergusons Die 8 großen Lehren der Natur. Was wir von Tieren und Pflanzen lernen können. Aber nicht die sind in erster Linie gemeint, auch nicht, was in den Geschichtswissenschaften als große Synthesebücher daherkommt, meist an Jahrestage gebundene, oft beeindruckende Darstellungen wie Herfried Münklers Der Dreißigjährige Krieg oder Jörn Leonhards Büchse der Pandora, die mehr oder weniger unterschwellig Warnung oder Entlastung für die Gegenwart suggerieren. Die Fundamentaloffenbarungen wollen vielmehr mit Aufstiegs-, Niedergangs-, Katastrophen- oder Rettungsnarrativen kombinierte, verblüffende Perspektiven auf grundlegende, bislang aber ungeahnte, unterschätzte, übersehene oder gar Arkan-Zusammenhänge bieten.

Dabei ist weniger die negative Verschwörungsvariante angesagt als die positive Unterstromvariante: kosmische, erdgeschichtliche, biodynamische und ähnlich überindividuelle und realgesellschaftliche, jedenfalls übersehene oder unterschätzte Zusammenhänge, in die sich schicksalshaft zu fügen oder gegen die gegebenenfalls kollektivheroisch sich zu stemmen geboten ist. Es geht, kurz gesagt, um Delegation aktueller Beunruhigungen an lange Linien, große Wellen und weite Felder. Auch hier knüpft man tunlichst an geahntes Wissen an – Energie, Nahrung, Ressourcenkämpfe, katastrophische Naturereignisse. Allemal in kurzen Kapiteln, aber langem Schweifen werden Phänomene verknüpft, die nicht auf den ersten Blick evident, aber auch nicht zu disparat sind. Die These steht schon im Titel, um folgend in episch-digressive Narrationen aufgelöst zu werden. Zuletzt waren es Titel wie Lewis Dartnells Ursprünge: Wie die Erde uns erschaffen hat, James C. Scotts Mühlen der Zivilisation, Mark W. Moffetts Was uns zusammenhält. Nun angekündigt etwa Andri Snaer Magnason Wasser und Zeit: Eine Geschichte unserer Zukunft, Ian Morris Beute, Ernte, Öl: Wie Energiequellen Gesellschaften formen, Rutger Bregman Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit, James Lovelock Novozän: Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz – und viele andere mehr.

Schinken als Fetisch

Womit wir erst einmal genug zu verdauen hätten, auch wenn das noch längst nicht alles ist. Man kann sich aber damit trösten, dass man ein Sachbuch nicht unbedingt lesen muss. Allermeistens reicht und erbaut schon der Besitz, ja in vielen Fällen auch schon die Lektüre einer oder mehrerer Rezensionen zu dem Band. Gerade bei den historischen Blockbustern und Fundamentalerklärungen fungiert sein demonstrativer Besitz freilich nicht nur als Statement, sondern mehr noch als Talisman oder Fetisch. Schützendes Wissensding.

Ähnlich ist es bei Ratgebern – sie dienen dem guten Vorsatz. Kaum einer wird zu Ende gelesen. Das legen jedenfalls die über Kindle gespeicherten Merkstellen nahe. Und tatsächlich ist ja die Funktion das Sachbuchs im Grunde möglicherweise auch Einübung in Regel- und Weltwissen, vor allem aber Trostwissen: Es ist Konfirmation – versichert uns, dass es erkennbare Regeln, erklärbare Zusammenhänge und die reale Welt gibt. Sachbücher sind die Katechismen der Wissensgesellschaft.

Erhard Schütz ist Professor a. D. für Neuere deutsche Literatur. In der Sachbuch-Beilage finden Sie seine Kolumne „Sachlich richtig“

06:00 14.03.2020

Ausgabe 13/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 3