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Utopie Kapitalismus ­kaputt? Macht nichts. Denn Krisenzeiten waren immer auch Momente, in denen Utopien aus dem Boden schossen

Vor ein paar Jahren brachte der Liederschreiber, Sänger, Theatermacher und Buchautor Peter Licht ein Album mit dem aufreizend unzeitgemäßen Titel heraus: „Lieder vom Ende des Kapitalismus“. In dem titelgebenden Stück hieß es:

„Hast du schon hast du schon gehört / das ist das Ende /
das Ende vom Kapitalismus / jetzt isser endlich vorbei. /
Vorbei / vorbei / vorbei / vorbei / vorbei vor-horbei /
vorbei / vorbei / vor vorbei vorbei /
Jetzt isser endlich vorbei.“

In einem Interview führte der Sänger aus, ihm wäre es dabei um die Behauptung gegangen, „es könnte sich auch alles anders ändern“. Und im Nachsetzen: „Es könnte doch sein, dass es den Kapitalismus ab morgen nicht mehr gibt.“ Das war, es ist noch nicht viele Jahre her, die Formulierung der Utopie im Betriebsmodus des Absurden. Die Option, dass alles anders sein könnte, wurde gerade nicht als Reales behandelt, sondern als esoterisches Phantasma: dass alles anders ist, kann man sich vorstellen, so wie man sich alles mögliche vorstellen kann, etwa, dass die Schwerkraft morgen nicht mehr gilt oder die Sonne um die Erde kreist. So verdoppelte die Behauptung, der Kapitalismus könne plötzlich „vorbei“ sein, den grassierenden Utopieverlust, und paradoxerweise hat sich auch heute so viel daran nicht geändert. Mittlerweile ist zwar ein Totalkollaps der kapitalistischen Produktionsweise vorstellbar, ein chaotisches Wirtschaftsamargeddon aus Kumulation systemischer Risiken, Bankenkrach und Staatsbankrotten – aber eine andere Ordnung? Eine gute Idee? Einen Idealstaat gar? Funkstille – die hat keiner.

Freilich, es ist nicht ausgemacht, dass eine solche nicht entsteht. Krisenzeiten waren immer auch „Verwandlungs-Zeiträume“, wie das der Historiker Immanuel Wallerstein nennt. Utopien schießen nicht aus dem Boden, wenn alles gut läuft, sondern wenn die Dinge im Argen liegen. Das utopische Bewusstsein ist halb Antipode des Apokalytischen, halb dessen Zwilling, weil die Apokalypse als Durchgangsstadium zur Herrlichkeit gesehen wird. Solches Krisenbewusstsein erlebt Krisen nicht als ausweglose Malaise, sondern als systemische Weichenstellung. Und sei es bloß als Trost, wie bei Hölderlin: „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch?“ – Was eigentlich, wenn nirgendwo Rettendes wächst?

Die großen Utopien waren aseptische Phantasien

Utopien stehen in einen schlechten Ruf, aus verschiedenen Gründen. Schließlich sind Utopien meist Kopfgeburten, etwas für phantasievolle Schwärmer. Die erste und gleich kollossalste Utopie war natürlich die Religion und schon früh waren in dieser jene Ingredienzien angelegt, deren Spuren sich auch in den modernsten Utopien finden: die Idee des Messianischen; des Sprunges von einem Reich der Bedrücktheit in das der Freiheit; die Schaffung eines neuen Menschen. Später dann die „großen Utopien“, die man früher schon als realitätsfremde Kopfgeburten bezeichnete, als „Träume, von einem Himmel, der niemals auf der Erde existieren“ kann (Wallerstein). Meist hatten sie etwas von aseptischen Phantasien, mögen wir etwa an Thomas Morus’ „Utopia“ aus dem 16. oder an Ernest Callenbachs „Ökotopia“ aus dem 20. Jahrhundert denken.

Sie malten sich eine vernünftige, widerspruchsfreie und etwas zu gut aufgeräumte Welt aus – oder so genannte „Idealstaaten“ – aber sie meinten ihre Sache durchaus ernst. Ihr Betriebsmodus war der des pausbäckigen Vernunftglaubens: Man muss sich eine gute Ordnung nur im Kopfe entwerfen, dann brächte man die Menschen, diese vernunftbegabten Wesen, schon dazu, eine solche Welt zu schaffen. Die Ideen waren am Reißbrett skizziert und die Welt, die sie zeichneten, roch ein wenig nach den Phantasiewelten aus heutigen Science-Fiction-Filmen.

Wie man von der schlechten Realwelt in die gute Idealwelt kommen sollte, darauf gaben sie meist keine plausible Antwort. Die versuchte der Marxismus, der sich nicht zuletzt gegen den „utopischen Sozialismus“ wandte, also gegen die „utopische Utopie“, und selbst so etwas wie einen „anti-utopischen Utopismus“ etablierte. Weil das Wünschen wenig hilft, wenn in der Realität keine Tendenzen auszumachen sind, die dem Guten günstig sind, versuchte Karl Marx die Utopie in der Wirklichkeit zu verankern. „Die Befreiung ist eine geschichtliche Tat, keine Gedankentat“, dekretierte er. Der Kommunismus müsse aus der Wirklichkeit kommen, nicht aus dem Kopf. Ein ordentlicher Marxist hätte sein Gesellschaftsmodell nie und nimmer als Utopie gesehen – alles das, was er sich an Wünschenswertem ausgemalt haben mag, war für ihn schon als Potenz angelegt in der Wirklichkeit des Kapitalismus.

Utopisches Bewusstsein braucht freilich nicht unbedingt die Vorstellung einer „idealen Ordnung“, eine Schwundform des Utopischen war immer auch die Fortschrittsidee. Die war getragen von einer Zukunftszuversicht, der Gewissheit, dass es – grosso modo – eine Verbesserung gebe in den Geschicken der Menschheit. So war die klassische Moderne als solche durchzogen von utopischen Bewusstsein, wurde, als „utopischer Moment“ (Susan Sontag) erlebt, war verbunden mit Optimismus, Kühnheit, Idealen. Selbst diese Schwundformen des Utopischen sind in den vergangenen Jahren verloren gegangen. Auch wenn nur wenige bestreiten würden, dass es weiter „Fortschritte“ – im Plural – gibt, im Sinne der Verfeinerung von Technologien, von Innovation, auch von Verbesserungen in gesellschaftlicher Hinsicht, so ist kaum mehr jemand überzeugt, dass „der Fortschritt“ – im Singular – ein Gesetz der Geschichte sei. Eher wird er, wenn schon, als kontingent empfunden – es kann ihn geben, muss aber nicht. Besser: Er tanzt mit dem Rückschritt seinen Polka – zwei Schritt vor, zwei Schritt zurück.

In gewissem Sinne war die neoliberale Phantasie-Ideologie, die gerade untergegangen ist, die bislang letzte große Utopie, wenngleich eine etwas eigentümliche. Sie war getragen vom Optimismus, dass Deregulierung und freie Märkte im globalen Maßstab die Welt reicher und besser machen würde, aber sie war auch davon überzeugt, dass das Wesentliche schon erreicht sei. Sie sah ihre „Utopie“ als verwirklicht an. Die liberalen und demokratischen Marktwirtschaften seien die beste aller denkbaren Ordnungen, das „Ziel“ gesellschaftlichen Fortschritts schon erreicht. Das war letztendlich die Pointe von Francis Fukuyamas Idee vom „Ende der Geschichte“.

Die gesamte westliche kritische Tradition war immer von unausgesprochenen inneren Motiven des Utopischen durchzogen. Es wurde ja nicht einfach kritisiert, weil es so vieles gibt, was Wert wäre, kritisiert zu werden. Ein Akt der Kritik implizierte, dass etwas in eine Krise geraten ist und durch Neues ersetzt werden müsse. Utopisches Zeiterleben erlaubte daher auch, mit Krisen produktiv umzugehen. Utopieverlust hat aus diesem Grund auch groteske Folgen, worauf der slowenische Philosoph Slavoj Zizek hinwies: So habe etwa die ökologische Bewegung absolut einsichtig gemacht, den Weltuntergang für höchst realistisch zu halten. Gleichzeitig kann sich keiner auch nur die kleinste Änderung des Wirtschaftssystems vorstellen. Skurriles Fazit: Die Endlichkeit der Welt mag realistisch sein, der Kapitalismus ist ewig. Zumindest galt das bis zum 15. September, bis zu dem Tag, als die US-Regierung LehmanBrothers kollabieren ließ.

Der Gegner des Utopischen – kleingeistige Realisten

Seither kann man sich auch den Zusammenbruch des Kapitalismus realistisch vorstellen. An Krisenbewusstsein herrscht kein Mangel mehr. Die Praktiker versuchen den Zusammenbruch zu verhindern. In ministeriellen Planungsabteilungen wird über Finanzmarktregulierungen nachgedacht, in der Hoffnung, dass es da demnächst überhaupt noch etwas zu regulieren gibt. Auf Attac-Kongressen wird über „Solidarische Ökonomie“ diskutiert und über Modelle von „New Work“ – über neue Arbeitsformen in den Ruinen des Kapitalismus, in denen nichts mehr geht. Die verwüsteten Gebiete gibt es heute schon, etwa in der Innenstadt von Detroit, sehr bald werden sich diese Zonen ausweiten. In Think Tanks beginnt man über die neuen Spielregeln für den nächsten Kapitalismus nachzudenken. Ökonkeynesianismus, einen „Grünen New Deal“ propagieren die Grünen.

Eine „Groß-Idee“, gar ein alternatives Gesellschaftsmodell wird da noch lange nicht draus. Aber es dämmert sehr vielen, dass es diesmal nicht damit getan sein wird, die Maschine Kapitalismus zum Mechaniker zu bringen mit der üblichen Bitte: „Reparieren“. Mr. Fix-it ist diesmal überfordert. Das ist dem Utopischen zumindest nicht ungünstig. Der Gegner des Utopischen war ohnehin immer kleingeistiger Realismus. Dessen Lebensweisheiten lauteten stets: Veränderung? Geht nicht. Gute Ideen? Werden scheitern, weil das System stabil auf Autopilot fliegt. Reformen? Kosten zu viel, dafür ist kein Geld da.

Für das Geld, das in den letzten Monaten ins Finanzsystem gepumpt wurde, hätte man alle guten Ideen verwirklichen können, die alle Gutmenschen dieser Welt je gefasst hatten. Eine Milliarde – ist ja kein Geld heutzutage. Selbst ein Grundeinkommen hätte man da quasi aus der Portokasse bezahlen können. Und auf Autopilot kann man heutzutage höchstens in den Abgrund fliegen. Solch betulicher „Realismus“, der alles Denken lähmt, ist keine Option mehr.

Robert Misik schreibt nicht nur für deutsche und österreichische Zeitungen, er hat auch eine eigene Homepage mit seinen gesammelten Artikeln und einen Videoblog bei der österreichischen Zeitung der Standard. Der Architekt Jakob Tigges hat sein utopisches Projekt für eine neue Nutzung des Flughafens Berlin-Tempelhof Ende vergangenen Jahres vorgestellt. Es heißt: "The Berg" und wird ausführlich auf Facebook vorgestellt.

Jakob Tigges hat sein Projekt außerdem in einem Vortrag erläutert. Auch die Welt hat darüber berichtet.

06:00 12.03.2009

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polambe | Community