Hält länger als ein Knutschfleck

Alltag Manche Sprayer kleben auch. Unterwegs mit einem nachtaktiven Künstler

Die letzte S-Bahn Richtung östliche Außenbezirke fährt in Ostkreuz ein. Ich stehe allein auf dem Bahnsteig, es ist 0 Uhr 45, die Stadt schläft. Die Bahn hat keine Sekunde Verspätung, ein Ereignis mit Seltenheitswert in dieser Stadt. Wahrscheinlich sehnt sich der Zugführer nach seinem wohlverdienten Feierabend und dem dazugehörigen Bier. Die Türen öffnen sich, nur wenige Passagiere steigen aus. Die meisten von ihnen sehen ziemlich gerockt aus. Die Bahn spuckt sie aus wie abgenagte Obstkerne. Gewohnte Bilder vom Feierabend in der Großstadt, es ist eine ganz normale Nacht in Berlin. Für mich nicht.

Mein erstes Aufeinandertreffen mit einem aktiven Sprayer jenseits der virtuellen Realität habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Ich ziehe Tageslicht und die Gemütlichkeit in einem Café zu sitzen diesem mysteriösen Nachteinsatz, den ich nun antrete, eindeutig vor. Doch natürlich hat die ganze Sache auch den Reiz des Verbotenen. Meine Gefühle jedenfalls fahren Achterbahn. Ich spüre, wie die Angst als Grummeln vom Magen aufwärts steigt und das Adrenalin fängt an, einen wilden Pogo aufzuführen. Ähnlich wie damals, als ich im zarten Teenageralter meinen ersten Joint rauchte, verbindet sich beides zu einem Cocktail der schnell zu Molotow werden kann. Ich steige ein.

Im S-Bahn-Wagen sitzen nur zwei weitere Mitfahrer, im gesamten Zug höchstens noch ein Dutzend. Das Gefühlschaos ist mir hoffentlich nicht anzusehen. Sonst sähe es wieder so aus, als würde ich eine schlechte Parodie auf Charlie Chaplin abgeben wollen. Das wäre nicht gerade von Vorteil für mein mitternächtliches Meeting. Doch statt lautem Gelächter oder verdutzter Augenpaare, die auf mich starren, bleibt es ruhig. Gut, denke ich, also sehe ich nicht aus wie ein Komiker. Erste Runde überstanden.

Jetzt geht es geradewegs nach Marzahn-Hellersdorf. Das ehemalige Berliner Vorzeigewohnungsbauprojekt ist nun ein Trabantenvorort mit dem Ruf, eine Hochburg der extremen Rechten und der PDS zu sein. Während der Fahrt verstehe ich erstmals, was mir mein Kontaktmann, den ich vor drei Wochen in einem Internetforum kennen lernte, immer wieder zu erklären versuchte: "Die S-Bahn sowie das angeschlossene Gelände sind für die Graffitiheads das, was eine Galerie für den etablierten Künstler ist."

"Dort geht es richtig ab", fügte er bei unserem letzten Chat vor zwei Tagen hinzu. Ich verstand es nicht. Doch nun, mit aufmerksamem Blick, kann ich die ganze Fahrt über Graffitis und Tags entlang der S-Bahngleise begutachten. Mehr recht als schlecht, schließlich verhindert die Dunkelheit eine gute Sicht, aber es lässt sich zumindest erahnen, welch riesige Ausstellungsfläche die jugendlichen Straßenkünstler ihr eigen nennen.

Am S-Bahnhof Wuhletal angekommen wartet Mike, wie er sich im Forum nannte, auf mich. Er schrieb, dass er als Teenager gemeinsam mit seinen Freunden anfing, Graffiti in ihrem Plattenbaughetto zu sprühen. Doch nach drei Jahren zog er sich erst einmal zurück, da ihn die Gangstreitigkeiten innerhalb der Graffitiszene zu sehr frustrierten. Seit einiger Zeit ist er - allein - "mit frischen Ideen im Game zurück" und versucht wieder "seinen hässlichen Kiez aufzupimpen!" Was immer das konkret heißen soll, hoffe ich heute Nacht zu erleben.

Abgewetzte Jeans, die obligatorischen Turnschuhe, mit Basecap bewaffnet und den weit verbreiteten weißen IPod-Kopfhörern in den Ohren, steht Mike schlaksig auf dem Bahnhof. Ein monotoner Bass dröhnt mir, während ich auf ihn zu gehe, entgegen. Es wummert ziemlich derbe, kein leichter Ohrenschmaus. Bei genauerem Hinsehen bemerke ich, dass Mike auch noch zwei Umhängetaschen mit sich führt. Gut vorbereitet und bereit zu allen Schandtaten begrüßt er mich. "Schön, dass es geklappt hat." Ich nicke und reiche ihm, wie erlernt in der guten Kinderstube, zur Begrüßung die Hand.

Es muss jetzt alles sehr schnell gehen. Die Ausrüstung für die nächtliche Outdoor-Vernissage ist in den beiden Umhängetaschen verstaut, erfahre ich auf dem Weg. Kleister, ein Quast mit ausfahrbarer Stange und natürlich die Kunstobjekte, die heute an die Wand sollen, sind so fein säuberlich in den Taschen verstaut, dass auch wirklich niemand nur den kleinsten Verdacht schöpfen kann. "Tarnung ist die halbe Miete" versichert Mike während wir auf einem Trampelpfad entlang der S-Bahntrasse laufen. "Gerade in Tagen der verschärften Repression gegen uns ist die Frage der Sicherheit neben den künstlerischen Skills die wichtigste Aufgabe in der Vorbereitung der Aktion."

Klingt verdammt logisch. Seitdem Bundesinnenminister Otto Schily im Frühjahr auch Hubschrauber mit speziellen Nachtsichtgeräten in Berlin gegen Sprayer und writer einsetzen lässt, sind die Zeiten härter geworden für nächtliche Straßenkünstler. Doch das vorläufige Ergebnis der staatlichen Offensive gegen diese Jugendkultur ist zweischneidig. Einerseits werden vermehrt Sprüher verhaftet, andererseits verzieren auch mehr Graffitis die Wände der Hauptstadt. Die Rebellion ist ein wichtiger Bestandteil der Graffitikultur, so wichtig, dass jedes Risiko, sei es noch so hoch, auf sich genommen wird, nur um der anscheinend übermächtigen Gegenmacht aus privaten Sicherheitsdiensten, Polizei und BGS wieder mal ein Schnippchen zu schlagen.

Auch Mike schrecken die verschärften Repressionen nicht. Für ihn ist das politisch, "alles grotesk, was die da machen". Weiter interessiert ihn die politische Großwetterlage nicht. Mit den Neonazis gab es früher öfter Stress, doch das hat sich mit der Zeit gelegt. Für den drahtigen Jungkünstler dreht sich alles um die kreative Umgestaltung der Öffentlichkeit, Graffiti und Streetart. Dass dies mehr als nur Vandalismus ist, beweist er mir, als wir uns, am Ort des Geschehens angekommen, kurz über seine Motivation unterhalten. "Ich will Zeichen setzen, die länger halten als ein Knutschfleck", ist seine knappe, aber lyrische Erklärung für das, was andere als sinnlose Zerstörungswut bezeichnen.

Angekommen am vorgesehenen Tatort, geht es schnell ans Werk, konkret, an eine Schallwand auf dem Gelände der U-Bahn. Dies ist seine Lieblingswand schon seit den ersten Versuchen als Sprüher. In der Nacht zuvor hatte Mike die auserwählte Ausstellungsfläche für seine überdimensionalen Plakate mit seinen Kumpels "geweißt", wie es in der Fachsprache heißt, wenn die writer eine Wand streichen, bevor sie ihre für Außenstehende schwer zu entziffernden Symbole und Zeichen malen.

Doch heute wird plakatiert. Vor ein paar Jahren hätte Mike statt Kleber und Quast jetzt die Dosen gezückt. "Die Zeiten sind vorbei", versichert er pathetisch, fast so, als wäre es eine Art Schwur, den er regelmäßig aufsagen muss, damit er seine Wirkung nicht verliert. Seine pfeilgeschwinden Handbewegungen wirken wie automatisiert. Wie im Schlaf holt er alle Materialien aus den Taschen und rollt die ausgedruckten Plakate aus. Mittels der akribisch mit Einkaufstüten umwickelten Plastikflaschen, in denen der Klebstoff abgepackt ist, wird das erste der Plakate eingestrichen. Ein mal zwei Meter groß ist das gepixelte Kunstwerk.

Der junge Mann auf dem ausgedruckten Scherenschnitt sieht Mike recht ähnlich. Er hält in der rechten Hand einen kleinen Quast, unter dem Basecap neben einer Schutzbrille auch eine Atemmaske. Neben das Gesicht ist der Schriftzug "Pimp your Ghetto!" per Computer gesetzt. Viel Zeit bleibt mir nicht, das Kunstwerk zu betrachten. Blitzschnell ist das Plakat eingeleimt und an der Wand. Doch verblüfft verstehe ich auf einmal seinen Slang von vorhin. "Jahrelanges Training" ist Mikes Antwort auf mein verdutztes Gesicht. Auch eine Variante. Er denkt womöglich hätte ich wegen seiner Geschwindigkeit so doof aus der Wäsche geschaut, aber das war nicht der Anlass meiner Grimasse.

Die Plakatier-Prozedur wiederholt sich zehn Mal innerhalb weniger Minuten. "Zum Schluss noch ein kleiner Gag" flüstert Mike mir zu. Aus der zweiten Tasche zaubert er ein Plakat, das mich erstaunt. Ein kleines Mädchen, das ein überdimensional großes Schild trägt, lacht mir freundlich entgegen. Nicht so freundlich der Schriftzug "Nazi - hau ab!" Eine sehr deutliche Ansage für einen unpolitischen Künstler, entgegne ich Mike. Doch er verneint sofort. "Die Situation in Deutschland, vor allem aber auch in Sachsen haben mich dazu motiviert. Und außerdem finde ich das Bild mit dem Text kombiniert echt passend."

Ist es auch. Sein Werk hier ist beendet. Ich frage ihn, ob es immer so reibungslos wie heute Nacht abläuft. Er zögert, dann grinst er und antwortet: "Es kommt darauf an. Nicht immer bin ich in Begleitung eines Journalisten." Zum Abschluss drückt er mir noch schnell eine von seinen Plakatrollen in die Hand. Ich bedanke mich höflich. Einen Handschlag später verschwindet er im Dunkel der Nacht. Seine Arbeit geht weiter, ich habe Feierabend. Natürlich fährt zu dieser Zeit keine S-Bahn mehr. Nach Minuten des Umherirrens in einer mir völlig unbekannten Gegend hält zu meinem Glück ein Taxi.

Tausende von Kids und jungen Erwachsenen hinterlassen überall in der Stadt ihre Buchstaben, im Graffiti oder einfach via Montage von Bildern, und lassen diese für sich sprechen. Ich versuche, diese Sprache zu verstehen. Im schwachen Licht der Straßenbeleuchtung halte ich nach erkennbaren Buchstabenkombinationen, Zahlen und Scherenschnitten Ausschau. Doch vorerst muss ich mich mit meinem Plakat begnügen. Die Augen versagen ihren Dienst.


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00:00 29.07.2005

Ausgabe 38/2020

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