Haltung, bitte! Aber eine neutrale

Antisemitismusstreit Wie sehr darf man als Deutscher eigentlich Israel kritisieren? In der Antisemitismus-Debatte ging es nicht nur um die Texte von Jakob Augstein. Eine Bilanz
Haltung, bitte! Aber eine neutrale
Ill.: Otto für der Freitag

Um es gleich zu sagen: Aus dem Ausland betrachtet sieht es so aus, als würde über Deutschland ein kleines, polemisches Gewitter von jener Art niedergehen, wie das Land sie liebt. Ein kleines Psychodrama, das sich die Deutschen regelmäßig leisten: über Israel, die Juden und den Antisemitismus. Neurotische Zustände also, die das kollektive Bewusstsein seit bald 70 Jahren quälen.

Nun hat das Simon Wiesenthal Center eine „Schwarze Liste“ mit den zehn schlimmsten Antisemiten aus den Niederungen der Welt veröffentlicht. Vielleicht hat es sich dabei von Nick Hornbys Roman High Fidelity beeinflussen lassen. Es ist eine komische Manie geworden, diese Listen. Im Internet habe ich eine zu den schlimmsten Fluggesellschaften gefunden. Oder denken wir nur an jene, die von der Kommunistischen Partei Frankreichs zwischen den Jahren 1933 und 1945 veröffentlicht wurden, um „Verräter“ anzuprangern.

Die Methode ist anfechtbar. Das Simon Wiesenthal Center erinnert mich an die Nato nach dem Ende des Kalten Krieges: Fast alle der letzten echten Nazis – ich spreche hier von Kriegsverbrechern – sind genauso tot wie der sowjetische Riese, aber das Center besteht ebenso weiter wie die Nato. Da es für beide offenbar nicht infrage kam, sich zeitgleich mit ihren historischen Feinden zu beerdigen, haben sie sich neue Aufgaben gesucht: den Kampf gegen Antisemitismus und die Jagd nach Taliban in Afghanistan.

Auf dieser „Schwarzen Liste“ steht also der Name von Jakob Augstein. Ich muss sagen, dass ich ihm, trotz einiger gemeinsamer Freunde, noch nie persönlich begegnet bin. Er hat mich dennoch gebeten, etwas für seine Zeitung zu schreiben. Ich bin Journalist, Franzose, und ich bin Jude. Dabei hat Jakob Augstein mir wiederholt gesagt, dass ich frei, völlig frei in dem sei, was ich über ihn als die Nummer 9 auf der Liste der schlimmsten Antisemiten der Welt und über Antisemitismus in den Medien schreiben möchte. Das ehrt ihn, und so sei es.

Ist Jakob Augstein ein Antisemit? Ich denke nicht, und ich kann es mir auch nicht vorstellen. Ich glaube nicht, dass er im Auto das Lied „You’re getting gased in the morning“ vor sich hin singt, wie es manche Fans des englischen Clubs West Ham tun, wenn ihr Team auf das aus Tottenham trifft. Ich denke nicht, dass er zu den 20 Prozent der Deutschen gehört, die mit Juden ein „Problem“ haben.

Hat Jakob Augstein ein Problem mit Israel? Das ist allerdings wahrscheinlich. Bei seinen Kolumnen auf Spiegel Online über den jüdischen Staat war mir ziemlich unwohl. Manche seiner Aussagen sind schlicht grenzwertig.

Ich befürworte die israelische Politik gegenüber den Palästinensern nicht. Ich denke, dass die Palästinenser ein Recht auf einen lebensfähigen Staat haben und dass die israelische Siedlungspolitik nicht nur die eigenen Interessen, sondern auch die eigene Identität beschädigt, Israels Image in der Welt, seine Stärke und Demokratie.

Ich denke auch, dass Israel unverhältnismäßig reagiert, wenn es angegriffen wird und dass es heute vom intelligentesten aller Palästinenserpräsidenten in die Enge getrieben wird, von Mahmoud Abbas, diesem durchtriebenen und moderaten Mann im stets untadeligen Anzug, der gerade unter Berücksichtigung aller Unterschiede im Begriffe ist, der Gandhi Palästinas zu werden. Ich bin weder Antisemit noch Antizionist, aber ich zögere nicht, die Staatspolitik Israels zu kritisieren.

Ein Unwohlsein

Beim Lesen der Kolumnen von Jakob Augstein habe ich, wie gesagt, mehr als einmal echtes Unwohlsein verspürt. Zum Beispiel, als ich „Gesetz der Rache“ vom 19. November 2012 las, dass die jüdischen Fundamentalisten „aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner“ wären. Wirklich? Sicher leben die einen wie die anderen im Schatten Gottes: Haha, das sind also Fundamentalisten. Aber wie viele Selbstmordattentate gehen auf orthodoxe Juden zurück? Wie viele Geiselnahmen? Wie viele Enthauptungen, die live im Netz übertragen werden, wie viele Amputationen von Körperteilen als Strafe für ein gestohlenes Huhn, wie viele Steinigungen von untreuen Frauen? Wie viele Massaker in Gottes Namen?

Unter den Haredim gibt es eine Handvoll Dummköpfe, die würden ein kleines Mädchen anspucken, weil es nicht angemessen gekleidet ist. Aber die große Mehrheit der jüdischen Ultrareligiösen möchte nur in Ruhe gelassen werden, um dem für sie nutzlosen Getriebensein der heutigen Zeit zu entgehen.

Im gleichen Text wird der Gazastreifen mit einem „Gefängnis“ und mit einem „Lager“ gleichgesetzt, einer Metapher, die kein deutscher Journalist arglos verwenden kann. Wenn man diesen Zeilen Glauben schenkt, sind die Israelis die einzigen, die für den Verfall Gazas verantwortlich sind. Was aber ist mit der Hamas, die den schmalen Küstenstreifen seit einigen Jahren verwaltet? Warum verwendet sie Millionen dafür, um im Iran Waffen zu kaufen, anstatt in Gazas Wirtschaft zu investieren? Warum schließt Ägypten regelmäßig seine Grenze zum Gazastreifen, anstatt zum Aufschwung und Austausch beizutragen? Und die ach so reichen Golfstaaten. Warum zieht der Emir von Katar es vor, mit Hunderten Millionen Euro eine Pariser Fußballmannschaft aufzubauen, anstatt das Geld in die wissenschaftliche – und nicht religiöse – Ausbildung der Jugend aus Gaza zu stecken?

Auch der Text „Wem nützt die Gewalt?“ vom 17. September 2012 über die gewaltsamen Demonstrationen gegen die Veröffentlichung des ebenso unnötigen wie schlechten Films über das Leben von Mohammed lässt mich durch die Decke gehen. Der reflexartige Gedanke, dass diese Gewaltakte den Interessen Israels dienen könnten, erscheint mir umso unsinniger, je weniger Worte Augstein über das Treiben der Salafisten und der radikalen Islamisten verliert, die er als „Opfer“ sieht. Er erwähnt sie nicht. Dabei haben doch sie die amerikanischen Botschaften angegriffen und dort Diplomaten getötet! Ihre Vorhaben, ihre Pläne, die sich besonders gegen Frauen und Christen richten, sind für die demokratischen Hoffnungen der arabischen Völker nur tödlich.

Hinter bestimmten Argumenten Jakob Augsteins steckt zudem eine gewisse Naivität. Oder sagen wir lieber, ich will manche seiner Thesen lieber mit einer gewissen Naivität und einer ziemlichen Unwissenheit über die Region und die psychologische Situation der Menschen dort erklären. Zwischen den Jahre 1999 und 2005, war ich als Reporter oft in Nordafrika und dem Nahen Osten unterwegs. Ich habe die Leute dort, also der westlichen Welt gegenüber offene Intellektuelle, oft nach Israel befragt, und als Antwort nur Hass und Groll gehört. Nicht nur dem hebräischen Staat – das war zur Zeit der zweiten Intifada und des Baus der Mauer vorhersehbar –, sondern auch den Juden gegenüber, allen Juden, die „die Welt beherrschen“.

Antisemitismus, nicht nur Antizionismus, wütet in der moslemischen Welt. Die Protokolle der Weisen von Zion finden dort weite Verbreitung, sie sind sogar als TV-Serie herausgekommen! Und zu glauben, dass, wenn Israel die arabischen Revolutionen unterstützen würde („Israels verpasste Chance!“, 15. September 2011), sich wie durch einen Zauber die ganze Situation im Nahen Osten verändern würde, ist in einer so überraschenden Art naiv, dass man sie ebenso als irritierend bezeichnen könnte!

Auch wenn Augstein an Benjamin Netanjahus Drohungen vor der UN-Vollversammlung Anstoß nimmt: Präsident Mahmud Ahmadinedschad sagt allen, die es hören möchten, dass er am liebsten Israel von der Landkarte „fegen“ würde. Er gibt sich alle Mühe, Zweifel über die Ziele seines Atomprogramms zu nähren und macht alles, absolut alles, damit die Welt vermuten kann, diese Ziele seien militärischer Natur.

Ganz gleich, ob man das gut findet oder nicht: Seit jeher besteht Diplomatie aus einer Mischung aus Brutalität und Schläue. Daher erledigt der israelische Premierminister auch in puncto Iran einfach seinen Job. Er zeigt dem iranischen Präsidenten die Grenzen auf, er zwingt ihm ein Kräftemessen auf, spielt eine Partie Poker mit ihm – die, so hoffen wir, nicht in einen Konflikt mündet. Aber ihm bleibt kaum die Wahl.

Dennoch: kein Antisemit

Aber auch wenn ich die Dinge anders sehe, bin ich fest davon überzeugt, dass Jakob Augstein kein Antisemit ist. Er hat übrigens in drei Punkten Recht: Es muss möglich sein, Israel zu kritisieren. Das Land ist keine heilige Kuh. Kritiker Israels sind nicht automatisch Antisemiten, im Gegenteil. Je mehr man andere laut des Antisemitismus bezichtigt, desto mehr banalisiert man diese Art von Kampfansage und spielt letztlich den echten Antisemiten in die Hände.

Aber wer in allem und jedem die Strippenzieher Israels sieht, glaubt, dass Israel den Weltfrieden bedroht und nach Belieben die amerikanischen Politiker oder die deutsche Regierung manipuliert, nährt Hirngespinste und befördert damit Antisemitismus. Die Isralis, linke wie rechte, können Besserwisser nicht ausstehen. Sie hören nicht auf sie, selbst wenn manche der Argumente stimmen. Es sieht so aus, dass Jakob Augstein sich mehr um Neutralität und eine unparteiische Haltung im Nahostkonflikt bemühen sollte, damit er Gehör findet.

In dieser tragischen Geschichte gibt es kein Schwarz-Weiß. Wenn Israelis und Araber miteinander hätten Frieden schließen wollen, wären die Verträge längst unterzeichnet. Also, bitte, in Zukunft doch eine neutrale, unparteiische Haltung. Denn wenn mein Text im Freitag erscheinen kann, müsste Augstein auch dazu imstande sein.

Olivier Guez

Olivier Guez, geboren 1974 in Straßburg, schreibt als Journalist unter anderem für FAS, Tages-Anzeiger, Le Monde, L’Histoire und Politique Internationale. Von 2005 bis 2009 lebte er in Berlin. Im Piper Verlag erschienen die Bücher Die Mauer fällt und Heimkehr der Unerwünschten. Heute lebt und arbeitet er in Paris 

Übersetzung: Caroline Elias
11:10 09.01.2013

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