Haltung statt Häme

„Daily Show“ Jon Stewarts Rücktritt sorgt auch jenseits des Atlantiks für Bestürzung. Weil er etwas wollte, im Zweifel sogar aufklären. Und weil wir hier die „heute-show“ haben
Haltung statt Häme
Versucht, Jon Stewart und die „Daily Show“ zu kopieren, haben sie. Geschafft nicht

Foto; Ethan Miller/Getty Images

Als der Moderator Jon Stewart vergangene Woche seinen Rückzug aus der Daily Show ankündigte, sendete das Schockwellen quer über den Atlantik. Es ist nicht erinnerlich, wann zuletzt eine Personalie aus der fernen US-Unterhaltungsbranche bei uns so aufrichtige Bestürzung ausgelöst hätte. Woran liegt das?

Einerseits wurde die Daily Show weltweit übers Internet als das wahrgenommen, was sie war – ein metaphorisches Maschinengewehr, das mit der scharfen Munition der Satire täglich das Feld der politischen Meinungsbildung bestreichen konnte. Andererseits haben wir hierzulande die heute-show.

Nun ist es immer wohlfeil, eine Kopie gegen das Original auszuspielen. Schließlich muss die heute-show selbst einmal das Ergebnis einer Begeisterung für die Daily Show gewesen sein. Jemand muss sich gesagt haben: „Verdammt, so was sollten wir hier auch versuchen! Das muss doch zu schaffen sein!“ Versucht haben sie’s, geschafft nicht. Dabei gleicht die heute-show ihrem Vorbild in beinahe jeder Hinsicht, vom Titel und dem Design des Studios über die gestellten Einspieler bis hin zu den Übersprungshandlungen, mit denen der Moderator nebenbei seinen Kugelschreiber malträtiert.

Nun dürfte in den USA das flächendeckende Dickicht medialer Desinformation noch ein wenig dichter sein als in Deutschland. Und wo mehr Feind, da auch mehr Ehr. Dabei gelingt es der heute-show ja gelegentlich, aus dem hiesigen Irrsinn noch ein paar Erkenntnisfunken zu schlagen. Ein Charakter wie Gernot Hassknecht enthüllt das Betriebsgeheimnis des klassischen Kabaretts, indem er dessen rechtschaffenes Ressentiment mit seinen Brüllattacken ins Absurde steigert. Und einer so fugenlos seriösen Gestalt wie Martin Sonneborn spricht der Kleinbürger ohnehin gern mal ins noch seriösere heute-Mikro, was er wirklich denkt.

Die heute-show hat das alles und überdies das ZDF im Rücken. Und doch fehlt ihr bei allem Publikumserfolg etwas ganz Entscheidendes – und das ist die Haltung. Als Gesinnung und ethisches Geländer ist Haltung nichts Geringeres als das sittliche Rückgrat, dem der Wille entspringt. Während ein Jon Stewart vor der Kamera bisweilen sogar glaubwürdig an den Verhältnissen verzweifelte, verkörpert und will ein Oliver Welke nichts. Nicht beißen, höchstens bellen, aber auch das vorsichtshalber lieber selbstironisch. „Haltung“, sagte Welke einmal in einem Interview, sei „nicht in Beton gegossen“.

Eine so lauwarme Haltung zur Haltung muss sich zwangsläufig zurechtlegen, wer auf lukrative Verträge als funktionierendes Rädchen der „Blödmaschine“ (Georg Seeßlen) nicht verzichten mag. Was ist der Mann? Solider Sportreporter oder Büttenredner? Moderiert er demnächst auch das Wetter? Bei einem Jon Stewart, Stephen Colbert oder John Oliver wäre eine solche öffentlich-rechtliche Auffächerung in multiple Rollen schlicht undenkbar. Die wollen was, im Zweifel sogar aufklären.

Die heute-show will unterhalten, also Faxen machen und der Freude an Kraftausdrücken freien Lauf lassen. Mangels Haltung aber bleibt als Mittel nur die Häme. Die hat den Vorteil, dass sie sich bequem über großen wie kleinen Blumen des Bösen und des Blöden ausgießen lässt – und die eigene Position als überlegen festigt. So muss man nur noch warten, bis sich ein Politiker verhaspelt. Nur geht es eben nicht darum, dass sich ein Mächtiger versprochen hat. Sondern darum, was er verbrochen hat.

06:00 19.02.2015
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