Haltung, Witz und Glamour

Medien Die Kölner „Stadtrevue“ wird 40. Sollte am Ende nur eine einzige Zeitschrift die Printkrise überleben, dann müsste es diese sein
Linus Volkmann | Ausgabe 36/2016 1

Stadtmagazine in Printform besitzen etwas von einem Prominenten, den man einst angehimmelt hat und um den es mittlerweile stiller geworden ist. Das Alter, der Zeitenlauf, das Internet, Sie verstehen schon. Man entdeckt ihn noch immer mal im Zeitschriftenregal, fällt sein Namen allerdings plötzlich in einem Gespräch, zuckt man kurz zusammen, weil man befürchtet, nun doch mit der Todesnachricht konfrontiert zu werden. Entsprechend groß ist die Erleichterung, wenn es bei dem Impuls der Erwähnung bloß um ein Jubiläum geht. Na, dann: Glückwunsch, Kölner Stadtrevue, zum 40. Geburtstag!

In den 70er Jahren veränderte sich die Medienlandschaft nachhaltig, die Ideen von Studenten- wie Bürgerbewegungen institutionalisierten sich, und so entstanden in vielen Städten alternative „Stattmagazine“, deren Selbstverständnis weit über das einer bloßen Dienstleistung hinausging. Diese unabhängigen Blätter waren darauf aus, Kultur mitzuprägen, gesellschaftliche Diskussionen zu führen, Kommunikation zu ermöglichen – politischer Graswurzelkram dezidiert inbegriffen.

Zu meiner Studienzeit in den 90er Jahren wollte ich unbedingt selbst Teil eines dieser alternativen Medien werden. Eine verhaltensauffällige Schreibe, Interesse an Musik, Ahnung von der Szene: Diesen ganzen Ballast trug ich eitel und als Mehrwert missverstanden vor mir her – und er brachte mir tatsächlich ein Praktikum bei der az Frankfurt ein. Das „az“ stand für „andere Zeitung“. Unter uns: Es ging dort genauso schluffig, verlabert und aufregend zu, wie ich es mir gewünscht hatte. Leider standen in den 90ern die Weichen aber schon auf Ökonomisierung, auch bei solchen selbstverwalteten Stadtzeitungen. Für die az Frankfurt bedeutete das letztlich die Insolvenz, mein Praktikumshonorar erhielt ich nie.

Seitdem sind ungezählte gute (wie auch nicht so gute) solcher Magazine den Bach hinunter- oder in großen Verlagshäusern auf- und dann untergegangen. Selbst die Lifestylevariante Prinz, die vom Hamburger Jahreszeiten Verlag, wo einst auch Tempo erschien, in verschiedenen Regionalausgaben herausgebracht wurde, stellt inzwischen nur noch eine Fußnote in der Mediengeschichte dar.

„Ganz Gallien war von den Römern besetzt?“ Nein, neben anderen Überlebenden (wie dem 1991 gegründeten Leipziger Kreuzer, dem Schädelspalter aus Hannover oder dem ebenfalls fast 40 Jahre alten Falter aus Wien) steht vor allem die Kölner Stadtrevue noch heute für Glanz und Gloria einer einstigen Aufbruchsstimmung im Printmarkt. Ihre Bekanntheit, ihr linker Glamour, ihr Ansehen reichen noch immer weit über die Stadtgrenzen hinaus. Zum Jubiläum titelt das Blatt jetzt mit rotem und schwarzem Stern, symbolisch anarchistisch, sozusagen. Dennoch ist die Stadtrevue mehr als bloß ein vitaler Anachronismus. Das Blatt besitzt hervorragende Autoren, Kompetenz für lokalpolitische Themen, viele Ideen und etwas, das heute von Leserinnen und Lesern wieder verstärkt gesucht wird: Haltung.

Sollte am Ende nur eine einzige Zeitschrift die sogenannte Printkrise überleben, es müsste die Stadtrevue sein. Bis heute ist dieses Magazin jedenfalls die Zierde eines jeden gut informierten WG-Couchtischs in Köln – und ein veritabler Dorn im breiten Hintern des sonst in der Stadt alleinherrschenden Großverlagshauses DuMont.

Alles Gute und ein möglichst ewiges Leben wünschen der Kölner Stadtrevue viele, auch: Linus Volkmann

06:00 21.09.2016

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