Haltungsfrage

NS-Raubkunst Viele Museen hadern damit, die Herkunft zweifelhafter Bestände zu erforschen. Frankfurt geht nun mit gutem Beispiel voran
Alexander Jürgs | Ausgabe 23/2017

Der Erfindungsreichtum der Nationalsozialisten da, wo man die jüdische Bevölkerung auspressen wollte, war so brutal wie grenzenlos. Reichsfluchtsteuer, Judenvermögensabgabe, Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens: So lauteten, im Bürokratendeutsch, die Begriffe, hinter denen sich Enteignungen verbargen – oft auch von Kunst. Spätestens 1938 begann der systematische Diebstahl von jüdischen Sammlungen. Nutznießer waren deutsche Museen.

Der mörderische Antisemitismus und die Raffgier der Nazis brachten Schätze von hohem Wert ein, die Depots füllten sich mit kostbaren Grafiken, Malereien und Skulpturen. Wie viel Raubkunst noch immer in den Sammlungen deutscher Ausstellungshäuser lagert, ist ungeklärt. Weil man es nicht besser weiß, verwendet man meist den Begriff „zahlreich“.

Ein Werk, von dem man sicher weiß, dass es seinem Besitzer, dem Bankier Maximilian von Goldschmidt-Rothschild, unrechtmäßig weggenommen wurde, steht heute in einer Vitrine des Frankfurter Liebieghauses: der Apoll vom Belvedere. Es ist die Kopie einer antiken Marmorskulptur. Der italienische Renaissance-Bildhauer Pier Jacopo Alari Bonacolsi hat sie in Bronze angefertigt: eine Götterfigur in klassischer Pose, den Blick zur Seite gewandt, der faltenwerfende Umhang in Gold. 1938 kam die Plastik in die Frankfurter Skulpturensammlung, die seit 1907 im Liebieghaus, einer schlossartigen, historistischen Villa am Mainufer, untergebracht ist.

Eindeutig bis zweifelhaft heißt die Ausstellung, die nun Geschichten und Besitzverhältnisse hinter solchen Skulpturen erzählt. Organisiert ist sie als Parcours: Die Werke stehen meist an ihrem angestammten Platz im Museum. Auf markanten Tafeln in Weiß und an Hörstationen erfährt man Details über ihre Herkunft. Es ist der Zwischenstand eines Provenienzforschungsprojekts am Liebieghaus: Seit 2015 werden dort alle Werke, die zwischen 1933 und 1945 ans Haus kamen, daraufhin untersucht, ob es sich um Raubkunst handelt.

Jubel über Kunstraubzüge

Zur Erforschung sind alle deutschen Museen verpflichtet – laut „Washingtoner Erklärung“ von 1998. Doch weil dieses von 44 Staaten und zwölf Organisationen beschlossene Abkommen rechtlich nicht bindend ist, gibt es noch – wieder das Wort – zahlreiche Häuser, die die Raubkunst nur stiefmütterlich behandeln. Angst, die eigene Sammlung zu dezimieren, dürfte nicht wenige Museumsdirektoren plagen. Als Förderer der Frankfurter Museen waren jüdische Sammler zentral – auch von Goldschmidt-Rothschild. Als Mäzen unterstützte er den Kunstverein, das Kunstgewerbemuseum oder das mit der Skulpturensammlung verbundene Städel. All das aber zählte nichts, als man sich seiner Sammlung, die etwa 1.400 Objekte umfasste, bemächtigte. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden die Kunstwerke, die von Goldschmidt-Rothschild nicht verkaufen wollte, von der Stadt Frankfurt für 2,5 Millionen Reichsmark erworben. Die Verhandlungen führte Oberbürgermeister Friedrich Krebs am Telefon.

Krebs hatte den Mäzen unter Druck gesetzt: Nur wenn er seine Sammlung freigebe, könne garantiert werden, dass sie nicht geplündert würde. Als von Goldschmidt-Rothschild in den Kauf eingewilligt hatte, wurde sofort ein Schild mit der Aufschrift „Städtischer Besitz“ an seinem Haus angebracht. Von der Kaufsumme blieben ihm, nach Zahlung der Judenvermögensabgabe und der Reichsfluchtsteuer für seine Kinder, noch etwa eine Million Reichsmark. Die wanderten auf ein Sperrkonto. Er, der 1903 in den Adelsstand erhoben worden war, musste sein Anwesen verlassen. Im Februar 1940 starb er. Seine Sammlung wurde nach Kriegsende, anders als die beschlagnahmten Grundstücke, an seine Erben zurückgegeben. Einen Teil der Werke, darunter der Apoll vom Belvedere, konnten die Museen ihnen – diesmal rechtmäßig – erneut abkaufen.

Zwölf Fälle beschreibt die Schau, nicht alle sind so eindeutig wie der des Bankiers. Oft fehlen Quellen zur zweifelsfreien Klärung der Besitzverhältnisse. Einiges wurden in besetzten Gebieten – zu vergleichsweise fairen Preisen, aber zu unfairen, von den Besatzern festgelegten Kursen – gekauft. Es gibt auch rechtmäßig Erworbenes: Dafür steht ein griechisches Grabrelief, das beim römischen Kunsthändler Alfredo Barsanti gekauft wurde – also in einem mit Deutschland verbündeten Staat.

Deutlich wird die ambivalente Position des Direktors Alfred Wolters. Mitglied in der NSDAP war er nie. Als bei der Beschlagnahmeaktion „Entartete Kunst“ moderne Kunst aus Museen verschwand, reichte er gar seinen Rücktritt ein – blieb aber im Amt, weil Bürgermeister Krebs ihn nicht entließ. Dass Wolters Distanz hielt zu den Machthabern, ist sicher zutreffend. Trotzdem jubelte er über deren Kunstraubzüge: Die Einverleibung der Goldschmidt-Rothschild-Sammlung nannte er eine der „großartigsten und erfolgreichsten Erwerbungen, die deutsche Museen je machen konnten“. Seine Freude über die gewonnenen Kunstschätze war größer als die Empathie für die Verfolgten.

Info

Eindeutig bis zweifelhaft. Skulpturen und ihre Geschichte Liebieghaus Skulpturensammlung Frankfurt, bis 27. August 2017

06:00 05.07.2017

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