Hamburgs koloniales Erbe

Aufarbeitung Die erste Stadt in Deutschland will ihre Kolonialgeschichte näher beleuchten. Dazu sind ein Park und Studien geplant

Jenfeld, im Osten Hamburgs: Teile des Stadtteils gelten als sozialer Brennpunkt. In einem kleinen Park stehen Ehrenmale der deutschen Kolonialgeschichte, doch das Eingangstor zum Gelände ist seit Jahren verschlossen. Hier will die Hansestadt ihre Kolonialzeit zwischen 1885 und 1918 in Afrika kritisch aufarbeiten, als erste Stadt in Deutschland überhaupt. Lange wurde die Verantwortung deutscher Kolonialgeschichte verschleppt. „Wir müssen uns dieses Themas endlich annehmen“, sagt Enno Isermann, Pressesprecher der zuständigen Hamburger Kulturbehörde.

Das ehemalige Deutsch-Ostafrika umfasste einst die heutigen Länder Burundi, Ruanda, einen Teil Mosambiks – vor allem aber Tansania. Hier standen während der Kolonialzeit die sogenannten Schutztruppen des Kaisers. 2003 als „Tansania-Park“ geplant, stand das Projekt von Beginn an unter einem unglücklichen Stern. Besonders die sogenannten Askari-Reliefs, zwei meterhohe Denkmäler aus Terrakotta, wurden kontrovers diskutiert. Darauf zu sehen sind schwarze, kaum bekleidete Menschen mit Gepäck auf dem Kopf, die jeweils einem deutschen Offizier und einem einheimischen Askari-Soldaten folgen. Als Askaris wurden afrikanische Soldaten bezeichnet, die Kolonialmächten wie Deutschland, Großbritannien oder Belgien dienten. Enstanden sind die Reliefs 1938, der Bildhauer selbst war Mitglied der Kolonialtruppen. Die Kritik an dem Denkmal: Die deutschen Feldzüge des Ersten Weltkriegs, in denen rund eine halbe Million Afrikaner ihr Leben verloren, würden ideologisch verbrämt, afrikanische Soldaten als Helfer des Deutschen Kaiserreiches stilisiert. Und die Denkmäler zeigten kolonialrevisionistische und nationalsozialistische Auffassungen von Treue und Gehorsam schwarzer Soldaten.

Holpriger Beginn

Damit soll Schluss sein, seit der Hamburger Senat 2014 die Aufarbeitung des kolonialen Erbes anregte. Dafür wurde etwa eine Forschungsstelle um den Historiker und Kolonialismus-Experten Jürgen Zimmerer an der Universität Hamburg eingerichtet. Er soll mit seinem Team die wissenschaftliche Grundlage für ein Erinnerungskonzept erarbeiten. Seit Juli 2010 gibt es eine Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und Daressalam, der tansanischen Metropole am Indischen Ozean. Doch auch die Partnerschaft entwickelte sich von Beginn an holprig: Die Hamburger Seite haderte mit schnell wechselnden Ansprechpartnern in Daressalam – und in Tansania erhoffte man sich mehr finanzielles Engagement von dem Bündnis.

Im Goethe-Institut von Daressalam arbeitet Daniel Sempeho. Er sitzt in dem kleinen Vortragssaal des schmucklosen Bungalows im ruhigen Stadtteil Upanga. Wie kaum ein anderer in Tansania steht er an der Schnittstelle der beiden Länder. Zu Sempeho kommen viel mehr junge Tansanier, die Deutsch lernen möchten, als er Kursplätze anbieten kann. „Vielen Tansaniern ist nicht mehr bewusst, dass die Deutschen hier einst Besatzer waren“, erklärt Sempeho. Was früher war, spiele heute keine Rolle.

Wer sich zu den Schauplätzen deutscher Kolonialherrschaft begibt, der wird überrascht: Hier in Tansania bekommt man eine Idee davon, wie ideologiefrei die Zeit, die einigen in Deutschland als schuldbeladen aufstößt, den Nachfahren der Betroffenen erscheint; wie unbefangen Tansanier mit der gemeinsamen Geschichte umgehen. Julius Nyerere führte als erster Präsident den Großteil Tansanias in die Unabhängigkeit von Großbritannien – und ließ es sich nicht nehmen, zu den Feierlichkeiten 1961 Paul von Lettow-Vorbeck einzuladen, den damals schon über 90-jährigen ehemaligen Kommandeur der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika. Mitten auf einer der wichtigsten Straßenkreuzungen in Daressalam steht das „Askari Monument“, das jene kolonialen Hilfskräfte heroisiert, die für die Europäer kämpften und im Hamburger Stadtteil Jenfeld für Kontroversen sorgten.

Abdallah Ulimwengu, der als Geschichts-Guide Reisende durch Bagamoyo führt, sitzt unter einem gewaltigen Affenbrotbaum und macht Pause. Eine deutsche Reisegruppe streift durch eine verlassene Kolonialvilla in einer der ältesten Siedlungen Tansanias. Ulimwengu sagt, dass es Deutsche waren, die um die Jahrhundertwende eine Eisenbahnlinie nach Zentraltansania bauten. „Die funktioniert noch heute.“ Was in Deutschland Erinnerungen an Hitlers Autobahnbau weckt, wird von den wenigen, die sich in Tansania überhaupt für Geschichte interessieren, als Errungenschaft gesehen. Dass die vielen afrikanischen Toten der deutschen Feldzüge im Ersten Weltkrieg vor allem Zivilisten und Askaris waren, spielt für das Image des fernen europäischen Wirtschaftswunderlandes eine geringe Rolle.

Kapepwa Tambila, emeritierter Geschichtsprofessor in Daressalam, sieht das kritisch. Er ist ein weißhaariger Herr über siebzig, der auch in der Hitze nie ohne Anzug aus dem Haus geht. „Der Umgang deutscher Schutztruppen mit der afrikanischen Bevölkerung ist bis heute in keiner Weise aufgearbeitet worden“, sagt er. Ihn störe es, wenn Tansanier und Deutsche ohne Bedenken über die gemeinsame Geschichte hinweggingen. Kolonialisierung sei keine Einladung zur Tee-Party gewesen: „Als Carl Peters, der deutsche Kolonialist, Afrikaforscher und Rassist, nach Bagamoyo kam, unterzeichnete er gefälschte Verträge mit einigen der Stammesfürsten hier, die keine Ahnung davon hatten, was sie eigentlich unterschrieben. Mit diesen Fälschungen beanspruchte Peters das Land der Stämme, ohne dafür zu bezahlen. Zwar sind die Menschen von damals alle tot, aber Geschichte wird von Historikern bewahrt und muss von ihnen hinterfragt werden. Das ist ihre Aufgabe.“

Fremdenführer Abdallah Ulimwengu hingegen findet, man solle die Geschichte endlich ruhen lassen und sich über ihren Nutzen für die Gegenwart freuen. Zum Beispiel darüber, dass Touristen die Stätten besuchten, die vor langer Zeit einmal von Bedeutung für das ferne Land in Europa waren. „Die deutschen Kolonialherren haben sich beim Aufbau von Verwaltung und Infrastruktur weit mehr um die Entwicklung des Landes gekümmert als deren britische Nachfolger“, sagt der Guide. Dass die Besatzer vor allem an der Ausbeutung der Bodenschätze Tansanias interessiert waren, scheint nebensächlich. Auf einem kleinen Friedhof direkt am Strand von Bagamoyo stehen einige Grabsteine von Deutschen, die hier Ende des 19. Jahrhunderts beerdigt wurden und nun in Frieden ruhen. Palmen rauschen im Wind, der Strand beginnt gleich hinter dem Mäuerchen, das den Kolonialfriedhof umrandet. Von der Moschee wehen die Gebete des Muezzins herüber. Die lokale Mwambao Primary School, erklärt Ulimwengu, wurde dank deutscher Partnerschaften wieder aufgebaut. Etwa 700 Schüler werden dort heute in sieben Jahrgängen unterrichtet – unter ihnen 300 Aidswaisen. 1896 war die Schule von Deutschen errichtet worden. In ihr konnten zum ersten Mal Araber, Afrikaner und Inder zusammen studieren. All dies sei doch der beste Grund, einen Schlussstrich unter die Konflikte der Vergangenheit zu ziehen, findet Ulimwengu.

Geschichtsgarten

Auch in Hamburg-Jenfeld sollen endlich Ruhe und Harmonie beim Thema Gedenkstätte einkehren. Nach jahrelangem Hin und Her wurde der Tansania-Park 2014 in „Geschichtsgarten Deutschland – Tansania. Gedenkort Deutscher Kolonialismus in Afrika“ umgetauft. Dass dort der pragmatische Blick junger Tansanier wie Ulimwengu seinen Platz findet, darf man jedoch bezweifeln. 400.000 Euro stellt die Stadt Hamburg für die Aufarbeitung bereit. Davon soll auch ein tansanischer Doktorand in der Forschungsstelle der Hamburger Uni die fehlende afrikanische Perspektive erarbeiten, die im heutigen Tansania offenbar kaum jemand vermisst. Außerdem sind eine Tagung sowie die Pflege des Parks und der Askari-Reliefs geplant. Es ist unklar, ob der Etat dafür überhaupt reicht. Dabei ist das Hamburger Stadtbild von der Kolonialzeit geprägt, sagt Historiker Zimmerer: „Wir werden 25, vielleicht 30 typische Erinnerungsorte in Hamburg identifizieren. Darunter sind Straßennamen, Denkmäler, der Tierpark Hagenbeck, Firmen. Wir klären, wofür sie stehen. Und das Erinnerungskonzept muss gesamtgesellschaftlich erarbeitet werden, migrantische und postkoloniale Gruppen müssen gehört werden.“

In Jenfeld, im Tansania-Park jedenfalls ist bis heute noch nichts passiert. Die Türen sind verschlossen, das Unkraut wuchert. Der Bezirk Wandsbek, zu dem Jenfeld gehört, hat eine erstaunlich hohe Zahl an Straßen, Plätzen, sogar eine Schule und ein Mausoleum, nach Personen mit unrühmlicher kolonialer Vergangenheit benannt. Männer, die zu den Profiteuren von Sklaventum und Ausbeutung gehörten; Orte, die dennoch in den letzten Jahren nicht umbenannt wurden. Ein Mahnmal für die Opfer des Hamburger Kolonialismus gibt es nicht. Dass es zudem kaum Kooperation zwischen Kultur- und Wissenschaftsbehörde gibt, ist ein zusätzliches Hindernis.

Zimmerer hält vor allem die Rolle der Hamburger Handelskammer und des Senats für entscheidend. Schließlich profitierten Hamburger von den kolonialen Abenteuern. Die Schifffahrtslinien, die nach Daressalam oder zu Ländern wie Kamerun fuhren, waren vorwiegend aus Hamburg. „Kriegsschiffe, Versorgungsschiffe, Postschiffe, all das hat einen Hamburg-Bezug“, erklärt der Wissenschaftler. Zimmerer schlug der Handelskammer ein Forschungsprojekt zur Aufarbeitung vor. Es wurde nicht bewilligt, es seien keine Gelder da, hieß es. Dabei war die Hamburger Handelskammer Ende des 19. Jahrhunderts Brandbeschleuniger für die koloniale Expansion in Afrika. Sie drängte das Kaiserreich zum bewaffneten Schutz deutscher Wirtschaftsinteressen mit Kriegsschiffen und Soldaten. Im April letzten Jahres griff die Presse das Thema auf, passiert ist seitdem nur sehr wenig. Es ist wichtig, dass sich eine deutsche Stadt endlich ihrer kolonialen Verantwortung stellt. Doch es gibt noch viel zu tun.

06:00 14.06.2017

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