Hand gegen Koje

Segeln Segeln ist nur etwas für Reiche? Stimmt nicht. Bei einer Yachtüberführung kann man gratis mitsegeln. Ein Erfahrungsbericht

Segeln gilt als Sport der Reichen oder – neuerdings – auch als Beschäftigungstherapie für überspannte Teenager, die schon mit 14 Jahren allein in einem Boot die Welt umrunden wollen. Man muss aber weder reich noch überspannt sein, um von einem Atlantiktörn zu träumen. Nur wie kommt man auf ein Schiff, wenn man kein Geld hat? Indem man dort arbeitet.

Während ich vergangenes Frühjahr ein Auslandssemester in Toulouse machte, wuchs mein Wunsch, mal „richtig zu segeln“. Auf der Ostsee hatte ich schon ein paar Erfahrungen gesammelt. Ich stöberte eine Weile im Internet und stieß auf der Webseite hand-gegen-koje.net auf eine Anzeige: „Suche Crew zur Überführung einer Yacht von Kiel nach Mallorca.“ Ich bewarb mich mit einer Mail, es gab ein kurzes Telefonat. Nach ein paar Tagen kam die Antwort: „Du bist dabei.“

Bei einer Überführung heuert der Besitzer des Bootes einen Skipper mit Crew an, um seine Yacht von Fremden zum gewünschten Ziel segeln zu lassen. Die Kosten für Essen, Schiffsdiesel und Hafengebühren bezahlt der Eigner. „Hand gegen Koje“ heißt dieses Prinzip. Man könnte auch sagen: Martin Klinge, Unternehmer und Eigner der „Oliano II“, ist ein Mensch, der mehr Geld als Zeit hat. Und ich bin jemand, der mehr Zeit als Geld hat.

Ende Juni ist es dann soweit: Ich fliege nach Hamburg, am nächsten Tag geht es per Mitfahrgelegenheit nach Kiel, mit dem Bus zum Nord-Ostsee-Kanal und dann zu Fuß durch ein staubiges Industriegelände zur Werft. Dort treffe ich Eike, der die Überführung für den Eigner organisiert und mein Skipper sein wird. Wir reden ein bisschen, tasten uns gegenseitig ab. Ich versuche mir an der Pier einen ersten Eindruck von dem Mann zu machen, mit dem ich in den nächsten Wochen auf See sein werde.

Blind Date an der Pier

„Hand gegen Koje“ ist auch ein Blind Date: Ein gewisses Grundvertrauen gehört schon dazu, sich mit Fremden für mehrere Wochen auf hohe See zu begeben. Unterwegs mal aussteigen geht schließlich nicht. Doch ich merke schnell: Befürchtungen sind unbegründet. Eike, ein erfahrener ehemaliger Segellehrer, knapp 50 Jahre alt, braungebrannt, mit Grübchen im Gesicht, ist schon einige Jahre im Yachtbusiness unterwegs. Nach und nach trudeln die übrigen Crew-Mitglieder ein. Christian, 21, gelernter Drucker, ist gerade arbeitslos und hat sehr viel Zeit. Michael, in den Vierzigern, Informatiker, hat für Softwarefirmen Server installiert und will jetzt „mal was anderes machen“. Um uns herum wuseln die Mitarbeiter der Werft und nehmen noch die letzten Arbeiten am Schiff vor. Am späten Nachmittag heißt es: „Leinen los!“

Die Nacht fahren wir unter Motor den Nord-Ostsee-Kanal entlang, am nächsten Morgen bei Hochwasser durch die Schleuse von Brunsbüttel in die Nordsee. Das Wetter ist schön. Keine Wolke am Himmel, dafür leider auch kein Wind, also „motoren“ wir an den deutschen und niederländischen Nordseeinseln nach Westen. Wir fahren im „sicheren Überführungsmodus“, sagt Skipper Eike. Das heißt, dass bei weniger als zehn Knoten Wind der Motor angeworfen wird. Zeit, dahinzudümpeln und auf Wind zu warten, haben wir nicht.

Gefahren wird in abwechselnden Wachen, einer steht am Steuer, während die anderen Crewmitglieder schlafen, essen, kochen oder lesen. An den geänderten Rhythmus von höchstens drei Stunden Schlaf am Stück gewöhne ich mich schnell. In einigen Häfen machen wir nur einen kurzen Stopp, um Diesel zu bunkern und frische Vorräte zu kaufen, in anderen bleiben wir einen Tag oder länger, weil der Motor gewartet wird.

Am zwölften Tag unserer Reise verlassen wir Brest und nehmen Kurs auf den offenen Atlantik. Die Biscaya – in früheren Zeiten Seglergrab genannt – ist auch in Zeiten von GPS-Navigation noch ein berüchtigtes Revier. Das Wetter ist hier oft stürmisch, mit entsprechendem Seegang. Doch wir haben Glück, es ist sommerlich und freundlich. Endlich „Blauwassersegeln“, wie es in der Skippersprache heißt. Die bis zu fünfzig Meter langen und bis zu fünf Meter hohen Atlantikwellen rollen sanft unter der Yacht durch, mittags überreden wir unseren Skipper zu einem kurzen Badestopp, unter uns 4.000 Meter blaue Tiefe.

Nicht nur Urlaub

Aber natürlich ist „Hand gegen Koje“ nicht nur Urlaub jenseits des Massentourismus, sondern zugleich unbezahlte Arbeit. Es gibt viel zu tun an Bord. Und während der Nachtwache muss man am Ruder sitzen bleiben, auch wenn man todmüde ist. Außerdem ist auch nicht immer alles eitel Sonnenschein, es kommt auch zu Spannungen. In einer Nacht streite ich mich etwa mit Christian, ob wir die anderen wecken sollten, weil der Wind zugenommen hat und wir wieder Segel setzen könnten. Christian entscheidet zu warten. Also läuft der lärmende Motor weiter, obwohl der Windanzeiger 20 Knoten anzeigt. Völlig unnötig. Noch beim Wachwechsel Stunden später ärgere ich mich darüber.

Und dennoch: Wenn man im Lauf der Reise schwierige Situationen wie verhedderte Leinen in der Schiffsschraube oder überflutete Toiletten zusammen meistert, schweißt das zusammen. Ich merke auch, wie ich während der Reise eine gewisse Ruhe gewinne. Die täglichen Handgriffe werden vertrauter, das Auf und Ab der Wellen wird zur Normalität, beim Landgang schwankt dagegen der Boden. Nach 2.500 Seemeilen und 25 Tagen erreichen wir schließlich den Hafen von Palma de Mallorca. Die Crew trinkt zusammen ein Anlegerbier, am nächsten Tag sitze ich im Flugzeug nach Berlin. Dort ertappe ich mich, wie ich nach Kurzem bereits nach der nächsten Mitfahrgelegenheit suche. Wann es wieder losgeht? So bald wie möglich.

Moritz Wichmann, 21, studiert Sozialwissenschaften in Berlin. Mit 16 ist er das erste Mal auf der Ostsee gesegelt.

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16:00 05.09.2010

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