Happy End nach Ladenschluss

Emmely Der Arbeitskampf ist zum Lebensthema der Supermarkt-Kassiererin Barbara Emme geworden. Sie hat sich das nicht ausgesucht, es ist ihr zugefallen

Zerzaust, aber glücklich. So sahen sie aus, Barbara Emme und ihr Anwalt Benedikt Hopmann, als sie am vergangenen Donnerstag in Erfurt vor die Presse traten, um zu verkünden, was sich schon wie ein Lauffeuer verbreitet hatte: Wir haben gewonnen! Und so werden sie sich wohl auch immer noch fühlen, die beiden, nach dem langen Weg, den sie zurückgelegt haben in den zurückliegenden zweieinhalb Jahren. Der Freitag (Ausgabe 33/08) berichtete als eines der ersten Medien über „Emmely“ und ihren Fall im August 2008. Da war die sympathische, kämpferische Frau schon in erster Instanz vor Gericht gescheitert; hatte einen Vergleich, den man ihr anbot, ausgeschlagen, denn sie wollte nicht als Diebin dastehen; bezog ALG I und hatte ALG II gleich beim ersten Gang aufs Arbeitsamt mit beantragt, weil sowieso klar war, ohne Hartz IV würde es nicht reichen; da hatte man ihr auch schon mitgeteilt, sie müsse ihre Wohnung gegen eine kleinere tauschen. Es braucht einen langen Atem, wer als geschasste Arbeitnehmerin in diesem Land zu Recht kommen will.

Vom Kopf auf die Füße

Glücklich aber zerzaust. Ganz ohne Blessuren ist Emmely nicht hervorgegangen aus ihrem Kampf. Ob sie die fremden Bons eingelöst hat oder nicht, stand beim Erfurter Bundesarbeitsgericht nun nicht mehr zur Debatte. Dem galt das als bewiesen. Emmely bestreitet es bis heute. Im Berliner Tagesspiegel stand deshalb, sie sei eine Lügnerin. Das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg hatte vor einem Jahr ihre diversen Erklärungsversuche, wie sich das mit den Bons zugetragen haben könnte – teils widersprüchliche Mutmaßungen, zu denen sich Emmely gedrängt sah – als „unkooperatives Verhalten vor Gericht“ gewertet und dies dem Diebstahl-Verdacht nachträglich als weiteren Kündigungsgrund hinzugefügt. Das widersprach nun endgültig nicht nur jedem bodenständigen Rechtsgefühl, sondern auch allen Buchstaben des Gesetzes. Das wurde in Erfurt klar- und vom Kopf auf die Füße gestellt.

Dass das höchste deutsche Arbeitsgericht jetzt zu Emmelys Gunsten entschied, verdankt sie letztlich ihrer langen, stetigen Arbeitsbiografie. Drei Jahrzehnte an der Kasse, zunächst in der HO-Kaufhalle (Ost), dann im Kaiser’s-Supermarkt (West), immer im gleichen Laden. Sie machte die Abrechnungen, dreißig-, vierzigtausend Euro gingen täglich durch ihre Hände. Nie gab es Klagen, die zu einer Abmahnung geführt hätten. Da sei also Vertrauen gewachsen, meinten die Erfurter Richter, und „dieses Vertrauen konnte durch den in vieler Hinsicht atypischen und einmaligen Kündigungssachverhalt nicht vollständig zerstört werden“. Die Frage bleibt, und sie lässt sich auch nicht eintunken in den Schampus, den ich gern auf Emmelys Sieg trinken will: Was werden Arbeitnehmerinnen tun, die nicht seit 31 Jahren in ein und demselben Unternehmen beschäftig sind? Denn das ist die Regel und Emmely die Ausnahme.

Emmely ist ja so etwas wie ein Dinosaurier unter den Kassiererinnen. Zeitarbeitsfirmen haben längst einen Großteil der Frauen unter Vertrag. Muss man also nun nicht nur über eine Lächerlichkeits-Grenze für Diebstahldelikte debattieren, sondern auch über Treuepunkte, die der Arbeitnehmer sammeln und gegebenenfalls verrechnen muss? Ein gemopstes Wurstbrötchen gegen 15, ein geklauter goldener Löffel gegen 200 Jahre ununterbrochene Beschäftigung? Das Gericht in Erfurt jedenfalls hat die gesetzlich vorgeschriebene Abwägung, wie schwer eine Straftat wiege und wie irreparabel das Vertrauen zwischen Arbeitnehmer und -geber nun wirklich gestört sei, tatsächlich einmal vorgenommen. Die 1,30 Euro-Bons wurden auf Justitias schiefe Waage gelegt – und für zu leicht befunden. Eine Abmahnung, meinten die Richter, hätte ausgereicht. Emmelys fristlose Kündigung ist hinfällig.

Eine öffentliche Person

Hinfällig ist damit wohl auch die herrliche Ruhe. Die deutschen Arbeitsgerichte waren Stille gewöhnt. Man argumentierte und entschied im trauten Kämmerlein. Es war bequem und gemütlich. Dass durch dieses Idyll jetzt kräftig der Sturm fuhr, dafür hat Emmely gesorgt. Sie hat Krach geschlagen, ist durch Talkshows getingelt. Sie war bei Kerners Jahresrückblick und in Steinmeiers Wahlkampf-Reden anwesend. Sie ist dabei authentisch geblieben. (Was gäben Herr Steinmeier und ein paar andere dafür?!) Sie hat sich nicht kaufen lassen. Trotzdem: Sie ist jetzt eine öffentliche Person. Was macht die nun, nach dem Finale? Sie fährt nach Paris zu Gleichgesinnten, sie trifft Videokünstler, Journalisten, Politiker. Ihr Leben ist ein anderes. 30 Jahre Plattenbauwohnung, Supermarktkasse und das Zelt auf einem Dauercampingplatz am See. Jetzt ein Radius, der um vieles größer ist. Geht sie wirklich zurück an ihre Kasse? „Zwölf achtzig bitte, sammeln Sie Herzen?“ Kaum vorstellbar. Wird sie hauptberuflich Gewerkschafterin? Das Zeug dazu hätte sie, die Popularität auch. Man kann es Verdi eigentlich nur wünschen. Der Arbeitskampf ist Emmelys Lebensthema geworden. Sie hat sich das nicht ausgesucht, es ist ihr zugefallen. Es ist ihr Schicksal.

Das Engagement für Verdi – daran ließ die Verteidigung von Anfang an keinen Zweifel – war es, das zu Emmelys Kündigung geführt hatte. Die Pfandbons waren nur Vorwand, erfunden oder nicht. Doch falls eine laute Frau durch diesen Schachzug mundtot gemacht werden sollte, dann ging die Sache nach hinten los. Für das „Hier schlägt das Herz“-Unternehmen ist die Karre ordentlich gegen den Baum geknallt. Zum Trost bleibt ein Jahresumsatz von 2,5 Milliarden Euro.

Karsten Laske ist Filmregisseur sowie Drehbuchautor und lebt in Berlin

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13:13 18.06.2010

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