Happy Endzeit

Naiv? Die Sitcom „The Good Place“ spielt im Jenseits und befreit uns vom Zwang zur wohlfeilen Dystopie

The Good Place lässt sich leicht verreißen. Alles, was man an amerikanischen Serien blöd finden kann, nervt auch in dieser NBC-Sitcom, deren dritte Staffel gerade auf Sixx zu sehen ist. Die Menschen sind alle zu schön, die Witze vorhersehbar, die Figuren oft eindimensional. Und alles ist durchdrungen von einem Optimismus und einer gewissen Selbstzufriedenheit, wie man sie eben nur in US-Serien findet. Im intellektuellen Anspruch unterscheidet sich The Good Place allerdings von den meisten Produkten amerikanischer Massenkultur.

Die Pilotfolge beginnt scheinbar alltäglich mit einem Einführungsgespräch zwischen einer gewissen Eleanor Shellstrop (Kristen Bell) und einem weißhaarigen, nicht mehr ganz jungen Mann namens Michael (Ted Danson). Dann stellt sich heraus, dass Eleanor gerade erst bei einem Unfall ums Leben kam und die Szene sich im Jenseits abspielt. Für Eleanor ist es ein Schock, zumal Michael ihr erklärt, dass es im Jenseits tatsächlich Himmel und Hölle, sprich einen guten und einen schlechten Ort gebe. Sie befinde sich in „the good place“.

Eleanors Freude über ihre Ankunft im Himmel ist jedoch gedämpft. Denn ihr selbst ist ziemlich klar, dass sie den Platz im Paradies gar nicht verdient hat. Zum Glück wird man im Himmel mit seinem Seelenverwandten zusammengebracht. Und der von Eleanor, Chidi (William Jackson Harper), war vor seinem Tod Professor für moralische und ethische Philosophie. Weil sich Eleanor ihre Privilegien nicht im Leben verdient hat, muss sie nun im Jenseits nachsitzen. Und so beginnt sie, mit Chidis Anleitung, Aristoteles, Kant, Rousseau, Mill und Kierkegaard zu lesen, und versucht, deren Theorien umzusetzen.

Selbst wenn es gelingt, diese unwahrscheinliche Prämisse als Fiktion zu akzeptieren, klingt der Plan der Theorieumsetzung für alle, die längere Zeit in irgendeiner geisteswissenschaftlichen Fakultät verbracht haben, nahezu absurd. Schließlich gibt es genug Experten für Ästhetik mit schlechtem Geschmack; viele Theoretiker der Poetik, die sich in endlosen, sinnentleerten Sätzen ausdrücken. Und Ethiker, deren fachliches Interesse sich rein auf die Theorie ohne jede Praxis beschränkt. Doch trotz der konzeptuellen Schwäche macht die Serie großen Spaß. Das Drehbuch ist oft hellsichtig und prägnant. Auch wenn viele der Figuren überzeichnete Karikaturen gewisser menschlicher Züge darstellen, findet man in Eleanor und Chidi genug Facetten, um von ihnen fasziniert zu sein.

Und ist die absurde Prämisse wirklich so viel weiter hergeholt als Sartres Behauptung in Geschlossene Gesellschaft, dass die Hölle mindestens teilweise im Stil des zweiten Empire möbliert sei? Oder Thomas Moores Behauptung, dass die Utopie ein Ort sei, wo Sklaven mit goldenen Ketten gefesselt sind? Wenn wir uns mit utopistischer Literatur beschäftigen, akzeptieren wir eine Menge – die Vorstellung, dass man von einem Professor für Philosophie lernen kann, wie man ethisch lebt, ist nur geringfügig absurder als Edward Bellamys Behauptung in Looking Backwards, dass ein gewisser Julien West 1887 einschläft und erst im Jahre 2000 wieder aufwacht.

Gewollt unpolitisch

Der wesentliche Unterschied zwischen The Good Place und anderen utopischen oder dystopischen Welten besteht nicht darin, dass es sich um eine Sitcom handelt. Sowohl Ideal- als auch Schreckenswelten gibt es im Fernsehen zuhauf. Aber während die meisten Utopien und Dystopien letztlich als politische Allegorien dienen, widersteht The Good Place jeder explizit politischen Lesart. Showrunner Michael Schur erklärte im Interview mit dem Online-Magazin Vulture sogar explizit, dass die Serie nicht als Kommentar zur gegenwärtigen politischen Situation zu verstehen sei, „... the show is divorced from [politics] because that’s the whole point of ethics. It doesn’t matter if you like the president or don’t like the president. You should behave the same way and observe the same ethical principles no matter what“.

Vergleicht man The Good Place mit Mike Schurs anderen Serien, fällt das Unpolitische an The Good Place besonders ins Auge. Brooklyn Nine-Nine zum Beispiel, eine Sitcom, die er gemeinsam mit Daniel Goor kreierte, behandelt identitätspolitische Fragen mit einer Subtilität und Intelligenz, die man selbst in der New York Times oft vermisst. Noch direkter wurden politische Themen in der Comedyserie Parks and Recreation verhandelt. Darin geht es um Leslie Knope (Amy Poehler), eine Angestellte in der „Behörde für Freizeit und Erholung“ in Pawnee, einer fiktiven Kleinstadt in Indiana. Knopes Bemühungen werden immer wieder durch die Eigensinnigkeit eines neoliberalen Chefs und einer reaktionären Öffentlichkeit blockiert. Obwohl die reaktionären Vorgänger des jetzigen Rechtsrucks in den USA hier bereits deutlich porträtiert wurden (die Serie endete 2015), bleibt die Grundstimmung in Parks and Recreation stets optimistisch. Die Rechten mögen habgierig und kleinlich sein, die Öffentlichkeit oft dumm und geschmacklos, trotzdem ist der Blick auf sie nie verächtlich. Immer hat man das Gefühl, dass die Menschen eher unbeholfen als böse sind, und oft entpuppen sich selbst reaktionäre Figuren als ehrlich und liebevoll, während die Linksliberalen mit ihrer Herablassung und Naivität von Spott nicht verschont werden. Man kann aus dieser Serie viel lernen über die politische Lage in den USA.

Wie in Parks & Recreation gibt es auch in The Good Place die Weigerung, an das endgültig Schlechte zu glauben. Die Figuren sind kleinlich und selbstbezogen, aber alle bekommen auch Gelegenheit, sich von einer besseren Seite zu zeigen. Schur scheint, trotz Trump und LePen, Brexit und Bolsonaro, am Guten im Menschen festhalten zu wollen. Deshalb reduziert er das Ethische auf intellektuelle Fragen. Und Eleanor muss nur einer Anleitung zum Ethischen folgen, um auch das Gute in ihrem Wesen zum Vorschein zu bringen.

Damit stellt sich die Serie dem vorherrschenden Trend des heutigen „Qualitätsfernsehens“ entgegen. Der beschwört größtmöglichen Realismus, sei es real im Geschichtsschreibungssinn, wie Mad Men, The Deuce oder Deadwood, oder hyperreal in Parabelform wie Westworld, The Walking Dead und The Man in the High Castle. Und zur Realitätsnähe gehören düstere Farben. Wir sollen den jeweiligen Kosmos „authentisch“ erleben und uns an der Gewagtheit des Dargestellten freuen. So glauben wir, uns aus der moralischen Unmündigkeit des klassischen Fernsehens befreit zu haben. Der Pessimismus und die Brutalität dieser Serien beweisen, dass wir in der Lage sind, sie auszuhalten.

Der Optimismus und die unpolitische Haltung von The Good Place wirken naiv. Aber ist es nicht mindestens so naiv, zu glauben, man sei irgendwie am politischen Leben beteiligt, wenn man House of Cards schaut? Wer politische Bildung will, sollte bereit sein, das Sofa zu verlassen und auf die Straße zu gehen. The Good Place verlangt vom Zuschauer nicht, der Ungleichheit und Ungerechtigkeit direkt ins Auge zu blicken. Stattdessen bietet die Serie Unterhaltung und beweist, dass die mit dem Denken gut vereinbar ist. Genau das gibt es vielleicht zu selten. Jeder Showrunner in Hollywood will den Mächtigen die Wahrheit sagen. Nur, dass die Wahrheit manchmal komplizierter ist als ihr gewalttätig inszenierter Anblick.

Viele europäische kulturkritische Strömungen stehen dem Optimismus der amerikanischen Kulturproduktion sowieso skeptisch gegenüber. Dabei wurde ein einfacher Fehler im Englischen zu einem festen Begriff – besonders in Deutschland und Frankreich betrachtet man das „Happy End“ mit Herablassung. Auf Englisch heißt es aber „happy ending“ – es ist ein Prozess, kein aufgepfropftes Resultat. Sicher, das gute Ende vieler Hollywoodproduktionen wirkt oft falsch versöhnlich. Aber echter Optimismus kann auch etwas anderes bewirken – er kann das Denken befördern. Und die Stärke, sich zu ändern. Eine Serie wie The Good Place will nicht zu ernst genommen werden. Sie will trotzdem, frei nach Ernst Bloch, ein Hoffnungsbild sein, das wir gegen die Macht einsetzen können.

06:00 25.12.2018
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