Hardcore-Emanze

Porträt Lars Eidinger spielt Männer mit Profilneurosen – und findet das gesellschaftskritisch. Er selbst lebt gerne unter Spießern

Lars Eidinger blickt einen im Café der Schaubühne an, obwohl er noch gar nicht im Raum ist. Eine Säule vor der Theke ist mit Plakaten von Eidingers Gesicht beklebt, er gilt als Star des Ensembles. An einem Tisch verspeisen ältere Damen Kohlrouladen. Mit einem Plattenkoffer in der Hand kommt Eidinger dann persönlich durch die Glastür. Er trägt Hochwasserhosen, eine alte Lederjacke, ein löchriges T-Shirt, der bewusste Schluffi-Look. In zwei Stunden ist Probe, für das neue Stück hat er aus seiner Plattensammlung daheim noch Musik ausgesucht, erzählt er und erklärt, wie man eine Platte cool aus der Hülle zieht: Man dürfe sie dabei nicht berühren.

Der Freitag: Herr Eidinger, wenn man Bekannten erzählt, dass man Sie zum Interview trifft, sagen viele: Das ist doch dieser Typ aus

Lars Eidinger:

Überhaupt nicht. Ich habe mir den Film neulich noch mal angeguckt. Ich bin stolz, dass er so eine Relevanz hat, dass so viele Leute auch zwei Jahre danach noch darüber reden. Ich dachte, das könnten Filme gar nicht mehr, über die Dauer, die sie im Kino laufen, hinaus zu wirken.

Das bin ja nicht ich, das ist eine Rolle. Dass die Leute darauf reinfallen, nehme ich als Kompliment.

Aber Sie wurden sogar als „Experte für die Unmöglichkeit der Liebe“ zu Interviews eingeladen.

Ja, weil ich mich mit dem Thema beschäftigt habe. Die taz schrieb dann nur über Dämonen – ein Theaterstück, das mit dem Film gar nichts zu tun hat –, ich spielte eine unglaubwürdige Kopie der Rolle aus

Glauben Sie, dass die Figur des Chris in

Ich bin natürlich erst mal von mir ausgegangen und habe gemerkt, dass ich mich in gewissen Situationen wiedererkenne.

In welchen?

Männer machen ihre Karriere immer zum Thema. Frauen halten sich eher zurück. Ich kenne das von mir: Ich verwirkliche mich in meinem Beruf, kümmere mich um meine Karriere. Das ist immer ein Thema zwischen mir und meiner Frau.

Frauen stecken eher zurück?

Bei Frauen ist die Karriere nicht unbedingt ans Selbstbewusstsein gekoppelt, sie können das trennen. Der Mann definiert sich immer über seinen Beruf.

Feministinnen sagen: Gerade weil Frauen ihr Selbstwertgefühl woanders hernehmen, arbeiten sie nicht hart genug an der Karriere und schaffen es zu selten in Führungspositionen.

Dann nehme ich gerade die Haltung einer Hardcore-Emanze ein.

Könnten Sie umgekehrt für Ihre Frau zurückstecken?

Theoretisch lässt sich das leicht sagen, aber das lebe ich überhaupt nicht. In letzter Zeit habe ich einen extremen Karriere-Schub, da wird die Gefahr noch größer, dass ich mich in diesem Kosmos verliere und sich alles nur noch um mich dreht, um meinen Beruf.

In

Ich gehe davon aus, dass es das Grundböse nicht gibt. Die Frage ist vielmehr: Was bringt Menschen dazu, Böses zu tun? Man kann Angelo, den ich spiele, dabei be­obachten, wie er verfällt und seine Handlungen destruktiv werden. Er stolpert über seine eigenen Ideale und wird zerstörerisch. Er will einen Menschen hinrichten, um die Frauen zu schützen. Eigentlich will er die Welt verbessern.

Was sagt das Stück über Geschlechterrollen heute?

Wir haben natürlich über Strauss-Kahn oder Kachelmann geredet, aber im Grunde geht es um das allgemeine Verhalten von Menschen. Da will jemand etwas Gutes, und es verkehrt sich ins Gegenteil. Ich möchte nicht einfach das Böse vorführen. Das Schlimmste ist, wenn Zuschauer sagen: „Guck mal, die Welt ist schlecht!“ Ich will vielmehr, dass der Zuschauer sich wiedererkennt und vor seiner eigenen Schlechtigkeit erschrickt. Ich habe aber keinen missionarischen Anspruch oder möchte Leuten was beibringen.

Lernen Sie etwas beim Spielen?

Immer. Und ich hoffe, die anderen nehmen für sich auch etwas mit.

Die Schaubühne steht in der Tradition des politischen Theaters: In den siebziger Jahren sorgte sie für Skandale. Die CDU wollte Stücke verbieten. Lange her ...

Ich habe ein Problem mit dem Begriff des „Politischen“. Gesellschaftskritisch sind unsere Inszenierungen schon.

Inwiefern?

Ich bekam mal eine E-Mail von jemandem, der Dämonen in Madrid gesehen und sich darin wiedererkannt hat. Er hat danach seine gesamte Lebenssituation infrage gestellt. Wenn man die Keimzelle der Gesellschaft – nämlich Beziehungen – untersucht, kann man mehr erreichen, als wenn man sich immer den großen politischen Systemen widmet. Alles ist im Grunde eine Beziehungskrise, selbst Hamlet. Da geht es mehr um das System Familie als um korrupte Politik.

Zeitlose Familienkonflikte statt konkreter politischer Aus­einandersetzung?

Das ist kein Widerspruch. Als wir

Welche Sätze genau?

Brudermord zum Beispiel. Claudius, der seinen Bruder um­gebracht hat, sagt: ‚Kann man Vergebung erlangen und gleichzeitig die Früchte des Verbrechens ein­behalten?‘ Das hat auf einmal eine ganz andere Bedeutung. Ursprünglich wollten wir ja im Juni dieses Jahres nach Jerusalem und Jenin fahren. Wir haben aber nur das Jerusalem-Gastspiel finanziert bekommen. Die Palästinenser haben uns das übel genommen.

Weil sie das einseitig fanden?

Ja. Thomas Ostermeier hat den Abend dann Juliano Mer Khamis gewidmet, dem Leiter des „Freedom Theaters“ in Jenin, der am 4. April 2011 erschossen wurde. Das war sehr berührend, und die Vorstellung war dadurch emotional dermaßen aufgeladen, dass beispielsweise Urs Jucker, der den Claudius spielt, seine Antrittsrede unter Tränen hielt. Was für ein starkes Bild: Der Bruder, der am Grab desjenigen steht, den er ermordet hat, weint. Dieser Sarg war zum ersten Mal mit einem Menschen verbunden, der für das Gute kämpfte und ermordet wurde.

Wie sind Sie eigentlich zum Theater gekommen?

Ich wollte Schauspieler werden, wusste aber nicht, dass man das studieren kann. Ein Freund von mir hat mir dann von der Schauspielschule „Ernst Busch“ erzählt, und ich habe mich beworben. Derselbe Freund gab seine Wohnung am Ku’damm auf, und so bin ich 1998 nach Charlottenburg gezogen.

Trieb es Sie nie woanders hin?

Ich bin immer froh, wenn ich mal die Möglichkeit habe, aus Berlin rauszukommen, sei es zum Drehen oder für Gastspiele mit dem Theater. Ich lebe nicht in Berlin, weil es keine Alternative für mich gibt, sondern weil es sich so er­geben hat. Ich mag auch München oder Wien gerne.

Sie leben in einem bürgerlichen Viertel, mit Familie und festem Engagement – klingt spießig.

Ich habe auch nie behauptet, dass ich ein Punk bin.

Doch! Sie nannten sich mal den „Punk vom Ku’damm“.

Ich meinte, dass ich mich neben den Spießern in Charlottenburg wie ein Punk fühlen kann, während ich in Kreuzberg eher eine Tasse Latte Macchiato an den Kopf geworfen bekomme, weil ich als Yuppie durchgehe. Ich fühl mich wohl in Charlottenburg, weil ich nicht zu den Leuten gehören will, die nach Kreuzberg ziehen und sich dann darüber aufregen, dass die Hunde nicht angeleint sind und es nachts zu laut auf der Straße ist. Dann frage ich mich immer: Warum ziehen die Leute überhaupt erst dahin?

Wie nehmen Sie den Berliner Wahlkampf wahr?

Ich finde brennende Autos auf jeden Fall aussagekräftiger als diese niveaulosen Wahlplakate. Ich finde erschreckend, für wie blöd man da verkauft wird.

Was sagt uns ein brennendes Auto?

Dass wir im Überfluss auf Kosten anderer leben. Das ganze Stadtbild ist ja nur von Straßen geprägt. Insofern ist das Auto natürlich der Inbegriff eines kapitalistischen Gesellschaftsmodells. Mir gefällt daran, dass der Reichtum plötzlich angreifbar wird.

Es werden aber nicht nur Mercedes, sondern auch Schrottkisten angezündet.

Autos sind per se etwas Schlechtes. Sie machen die Natur kaputt. Da ist es doch nur legitim, im Gegenzug Autos kaputt zu machen. Die Frage ist ja nicht: Schaden Autos der Umwelt? Die Frage ist, warum fahren wir damit rum, obwohl wir wissen, dass es so ist.

Die Schaubühne war lange ein Ensemble ohne Stars. Jetzt sind Sie aber einer.

Mir wurde dieses Etikett ange­heftet. Seit

Sind Ihre Kollegen manchmal neidisch?

Natürlich. Oder meinen Sie, irgendein Kollege will nicht auf das Plakat, auf dem ich bin? Schauspieler ist ein armseliger Beruf.

Das ist doch Koketterie.

Nein, ich empfinde es als kokett, wenn ich von Isabelle Huppert lese: ‚Ich weiß nicht, ob ich eine gute oder schlechte Schauspielerin bin.‘ Es ist doch traurig, dass Schauspieler auf diese Art von Bestätigung angewiesen sind. Ich beneide jeden, der das nicht braucht. Ich brauche das. Ich muss mich darüber aufwerten, dass Leute von außen sagen: Es ist gut, was du da machst.

Es geht nur ums Gefallenwollen?

Nicht nur, aber es ist ein großes Motiv des Berufs. Schauspieler sind Menschen, die das Gefühl haben, nicht zu genügen. Die Bestätigung brauchen. Und das kann man sich auf der Bühne auf relativ primitive und direkte Weise vom Publikum holen. Für mich hat der Beruf auch etwas Therapeutisches. Ich kann mich beim Spielen extremer ausleben, als ich mich das privat jemals trauen würde.

Und abseits der Bühne?

Das kann ich ganz schwer trennen. Wenn ich erfolgreich bin als Schauspieler, wertet mich das auch als Person auf. Ich habe das schon früher beim Tagebuchschreiben gemerkt.

Sie schreiben Tagebuch?

Ich habe aufgehört, als ich bemerkte, dass ich nach dem Motto schreibe: Liebe Nachwelt, schaut mal, was ich für ein toller Typ bin. Es musste immer interessant klingen. Aber beim Tagebuchschreiben muss man ehrlich zu sich selbst sein.

Dazu gehört Mut ...

Ja, heute versuche ich, in Gesprächen ehrlich zu sein. Es ist mutig, Freunden gegenüber die Wahrheit zu sagen.

Weil sie kränken kann?

Aber nur, weil wir es nicht gewohnt sind, mit der Wahrheit konfrontiert zu werden, und sie damit ein ungeheures Gewicht bekommt.

Sie haben gesagt, dass Sie sich im Schauspielkosmos verlieren könnten. Steuern Sie dagegen?

Ich habe eine Familie, eine kleine Tochter und versuche es mir so zu organisieren, dass ich sonntags mit ihr ins Schwimmbad gehe. Wenn ich mit ihr dort bin, ist das für mich viel anstrengender, als auf der Bühne zu stehen. Wenn sie sagt, sie will fünfzehn Mal rutschen, muss ich jedes Mal wieder mit hoch. Ich sehe dann auch die anderen Väter, die keine Lust mehr haben und sich alle überwinden. Aber das Feedback, das ich von ihr bekomme, ist mehr wert als der Applaus auf der Bühne.

Weil Sie ihr dafür nichts vorspielen müssen?

Naivität ist etwas Wunderschönes. Ich bin traurig, dass ich das verloren habe.

Das Kindliche?

Ich meine diese Zeit, in der man noch genau weiß, was gut und böse ist.

Lars Eidinger ist in einer Reihenhaussiedlung in Berlin-Tempelhof groß geworden, als Sohn eines Ingenieurs und einer Krankenschwester. Der 35-Jährige spielte im Schultheater in Woyzeck oder Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui.

Er besuchte später die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, an der er heute selbst unterrichtet. 1999 erhielt er ein festes Engagement an der Berliner Schaubühne und spielte in fast allen Inszenierungen von Thomas Ostermeier, der ihn angstfrei nennt. In Ein Sommernachtstraum steckt Eidinger seinen Penis durch den geöffneten Mund einer Totenmaske: ein kleiner Skandal. 2010 brillierte er als Hamlet, der Breakdance tanzt, und als Muttersöhnchen in Dämonen. Berühmt wurde Eidinger durchs Kino: 2009 hat Maren Ades Film Alle anderen den Silbernen Bären gewonnen. Seitdem gilt Eidinger als der Protagonist hadernder Männer. Er spielte in Verhältnisse und in einigen Episoden des Polizeiruf 110. Der Endzeit-Thriller Hell startet am 22. September, im Moment dreht Eidinger mit Regisseur Hans Christian Schmid ein Familiendrama, in dem er 2012 zu sehen sein wird. Als DJ hat er Autistic-Disco-Partys in der Schaubühne veranstaltet und beteiligt sich an der Musik von Inszenierungen.

Mit der Opernsängerin Ulrike Eidinger ist er verheiratet, sie haben eine Tochter und wohnen in Berlin-Charlottenburg.

Im Verlag Theater der Zeit ist vor Kurzem das Interview-Buch Eidinger backstage erschienen.

Das neue Shakespeare-Stück Maß für Maß feiert am 17. September in der Schaubühne Premiere. ML

14:00 16.09.2011

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