Harem

Berliner Abende Kolumne

Das Ticket lockte schon seit Monaten. Ich hatte es hinter den Spiegel im Badezimmer gesteckt, damit ich mich jeden Morgen darauf freuen konnte. Als Daniel das längliche Papier mit dem schmalen Silberstreifen fand, gab er sich belustigt: "Ach nein", sagte er gedehnt, "ist ja süß." Er wischte die vom Duschen beschlagene Hornbrille frei und sah mitleidig auf mich hinab: "Und da gehst du dann hin wie ein Teenager und schmachtest?" Altersmäßig gesehen wäre das Tarkan-Konzert mehr was für ihn gewesen. Aber versuchen Sie mal, einem Kulturwissenschaftler, der auch noch in einem Sonderforschungsbereich "Kulturen des Performativen" über "Die schöne Stimme" arbeitet, zu erklären, dass Tarkan auch eine hat.

Ich sang mit Engelszungen, doch es half nichts. Nicht, dass Tarkan eine klassische Gesangausbildung bei der berühmtesten Operndiva der Türkei hinter sich hat, Harfe spielt und die legendäre Sezen Aksu ihm schon mal einen Song schreibt. Nicht das Argument von der Bedeutung der Massenkultur für die Herausbildung einer türkischen Zivilgesellschaft. Daniel musste zwar zähneknirschend zugeben, dass Tarkan nicht schlecht aussieht: "Gott - sexy ist er schon". Aber die süffisante Herablassung, mit der er meinen Liebling bedachte, war natürlich die Rache für den Sarkasmus gewesen, mit dem ich ein paar Tage vorher sein Idol in den Staub des Landes Brandenburg getreten hatte: "Typische Tuntenkrankheit: kleines Ego, große Diva" entgegnete ich kurz und gemein auf sein Outing als Callas-Fan. quel sacrilège! Wo er auch noch am selben Tag Geburtstag hat wie die Göttliche. Danach hing der Haussegen natürlich ein paar Tage schief.

Am Samstag war es dann soweit. Daniel war out of town, zu seinenEltern geflüchtet. Und ich hatte nach drei Tagen Kongress im "Café Moskau" genug von den durchgeknallten postkommunistischen Russen mit angegrautem Rauschebart und dem Simultan-Gezirpe aus dem Kopfhörer. Zwar wurde es gerade dramatisch. Slavoj Zizek schrie die arme Chantal Mouffe, die die totale Stimmlosigkeit der Linken in der Welt beklagte und nach einer "legitimen Form für den Ausdruck des Antagonismus mit den Verhältnissen" suchte, mit wild wehenden Haaren an: "I totally agree with you. But what does it mean - politically?" Ich wollte noch hinterherrufen: "und emotionally?" Da kam die SMS von Schwester Sevgi: Es sei schon ziemlich voll. Ich solle mich beeilen. Also nichts wie ab!

Ich brauchte dem türkischen Taxifahrer, der neben dem Kino International vor sich hin dämmerte, nur "Max-Schmeling-Halle" sagen, sofort saß er wie elektrisiert im Sitz, warf eine Kassette ein und brauste auf dem kürzesten Weg Richtung Prenzlauer Berg. Im Rückspiegel begegneten sich zwei Blicke wortlosen Einverständnisses. Süß umspielten orientalische Klänge meine Vorfreude. Istanbul, ah Istanbul hätte ich wie Sezen Aksu weinen mögen. Antagonismus? Sind die verrückt?

So sanft, wie mich dann zwei Stunden später Tarkan aus seinen Smaragd-Augen anstarrte, hat mich noch kein Türke angeschaut. Auf dem Laufsteg war er ganz weit nach vorne gekommen. Nur zu mir! Er hatte die Augen mit den langen, schwarzen Wimpern so vieldeutig niedergeschlagen, dass ich Granitbrocken der Kritik dahin schmolz wie türkischer Honig in der Sonne. Es hat mich gar nicht gestört, dass er ein wenig moppeliger ist als vor fünf Jahren und zwei Lieder mit dieser unvorteilhaften grauen Weste bestritt. Er hüpfte, lachte und schwitzte wie ein gut gelaunter Döner. Und er hat eben einfach wirklich, was ich sonst sofort aus jedem Artikel als Klischeebild herausredigiere: ein "verschmitztes" Lächeln. Ich habe noch drei der silbernen Plättchen aufgehoben, die auf uns hernieder regneten. Vielleicht können die Daniel davon überzeugen, was bei Tarkan alles abgeht. Gülcin strich mir den letzten Glimmer aus den Haaren. "Schön, dass Tarkan jetzt nach London zieht" summte Sevgi träumerisch, "dann ist er ein bisschen näher bei uns". Und Ceren war ziemlich nahe daran, ihren neuen Liebhaber Sultan, eigentlich kein schlechter Musiker, per Handy abzuservieren: "Er hat einfach nicht so eine Bühnenpräsenz".

Beim Mitternachtsdrink im Prenzlauer Berg kamen wir uns dann ziemlich verloren vor mit dem ganzen Tarkan im Bauch. Um den Helmholtzplatz flanierte der langweilige Westen. Alle monogam und kinderlieb, still zufrieden wie nach einem Candlelight-Dinner. Doch wir schwebten innerlich immer noch im polygamen Osten. Einen Abend lang gab es einen Harem in Berlin, der sich ganz und gar freiwillig zusammen gefunden hatte. Der Sultan des Schmachtpop knickte die Hüften, strich sich über den Bauch, lüpfte für einen kurzen Moment das T-Shirt und ließ seinen Nabel kreisen. Tausende seiner Liebsten warteten verzückt im Dunkeln. Er hätte jede(n) von uns haben können.


00:00 18.06.2004

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