Hart am Rand

Wohnen Nur privilegierte Moskauer können sich die Mieten ihrer Stadt noch leisten. Der von Putin geplante Abriss der Plattenbauten verschärft die Lage, erzählen Bewohner

Die Wohnungsfrage habe sie verdorben, urteilte Michail Bulgakow in seinem Roman Meister und Margarita von 1966 über die Moskauer. Auch heute gibt es in der russischen Hauptstadt kaum ein Thema, das kontroverser debattiert wird. Als der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin im Mai 2017 das größte Abrissprogramm der jüngeren Geschichte ankündigt, strömen mehr als Zehntausende Demonstranten auf die Straße. Denn betroffen sind die „Chruschtschowki“, fünfgeschossige Plattenbauten mit winzigen Wohnungen, die um 1960 während der Amtszeit des KP-Generalsekretärs Nikita Chruschtschow eilig und in Serie errichtet wurden. Die in die Städte drängende Landbevölkerung musste versorgt werden. So wurden die Bauten Teil der Moskauer Identität. Auch ältere Gebäude aus der Stalin-Zeit, die „Stalinki“, stehen jetzt auf der Abrissliste. Sie sollen durch moderne Neubauten ersetzt werden, manche mit mehr als 20 Etagen und einem sogenannten Euro-Remont, also mit europäischen Standards wie regulierbaren Heizungen. Bewohnerinnen und Bewohner fürchten, dass sie umgesiedelt werden. In dem Staat, der erst seit wenigen Jahren das Recht auf Eigentum kennt, ist die Angst vor Enteignung und Zwangsumsiedlung noch immer gegenwärtig. Eigentlich sollte das landesweite Renovierungsprogramm, das ursprünglich von Wladimir Putin vorgeschlagen wurde, dessen Popularität erhöhen. Dann entwickelte es sich – kurz vor der anstehenden Wahl am 18. März – zu einem Politikum. Nach massiver Kritik der Zivilgesellschaft mussten die Behörden Dutzende Änderungen am Entwurf vornehmen und Garantien einräumen. Putin sah sich gezwungen, die Bürger zu besänftigen. Den Mieterinnen und Mietern wurde versprochen, dass sie in eine Wohnung in der Nachbarschaft umziehen können.

Die Wohnraumfrage ist in der Ära Putin, ähnlich wie in den Zeiten der Sowjetunion, ein Spiegelbild der politischen Stimmung. Die Umwandlung vom sozialistischen Städtebau hin zum Kapitalismus und dem freien Mietmarkt brachte viele und sehr unterschiedliche Wohnformen zutage. Während die Gewinner der wilden 1990er Jahre in privilegierten Prachtbauten leben, müssen sich Einkommensschwache mit kleinen Wohnungen in marodem Zustand zufriedengeben. Andere wiederum entwickeln kreative Lösungen, um an erschwinglichen Wohnraum zu gelangen.

Der Hobbit

Filzige blonde Dreadlocks, eine rosa Wollmütze, ein langer roter Bart und zerfledderte Lederschuhe: Juri lebt in einer Erdhütte an der Fernstraße M8 zwischen Moskau und Jaroslawl. Sein treuer Begleiter, ein Hase mit weißem Fell, hüpft im Gras herum. „Früher verbrachte ich zehn Jahre in Moskau. Ich schloss mein Studium ab, lebte in einer Wohnung und arbeitete als Jurist im Büro“, erklärt der 42-Jährige. „Danach bin ich immer fauler geworden.“ Es frustrierte ihn, dass ein großer Teil seines Gehalts für die Miete draufging. Er hatte schließlich immer weniger Geld und wollte auch keines mehr verdienen. Juri entschied, obdachlos zu werden.

In der Nähe einer Tankstelle entdeckte er ein Stück Land. Zunächst errichtete er eine Art Indianerzelt, das nach einem Unfall abbrannte. Dann grub er über Jahre hinweg eine Erdhütte. Dort gibt es ein Bett, Hunderte Bücher, bunte Zeichnungen, Porträts russischer Schriftsteller, orientalische Teppiche, einen Ofen mit Sauna – und es gibt Solarzellen auf dem Dach. Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny, der wegen einer Bewährungsstrafe von der Präsidentschaftswahl ausgeschlossen wurde, ist für Juri der einzige Mann, der gegen Putin aufstehen kann. Juri betreibt einen YouTube-Kanal mit mehr als 60.000 Abonnenten. Er gibt Ratschläge, wie man ohne klassischen Strom Kaffee kocht, Essen zubereitet, wie man Holz fällt oder wie sich Regierungsgegner bei Demonstrationen verhalten sollten. Juri versteht nicht, warum ein junger Mensch mit guter Ausbildung unter dem Existenzminimum leben muss. Und er hofft auf Veränderung: „Alexej Nawalny ist ein Symbol für den Wandel.“

Die Arglosen

Anastasia, Amira und Warwara (18) leben in einem Wohnheim der Lomonossow-Universität in Moskau. Sie studieren Geografie und bezahlen jährlich 1.000 Rubel Miete – rund 14 Euro. Von außen wirkt das Gebäude wie ein Gefängnis: graue Wände, Gitterstäbe, vergilbte Pflanzen und strenge Kontrollen. Doch in den Zimmern sieht es ganz anders aus. Dort gibt es große Betten, Wandschränke, Ess- und Schreibtische, ein sauberes Bad und einen Hausmeister, der binnen eines Tages alles repariert. „Wir haben ziemlich gute Bedingungen“, sagt Anastasia. „Wenn ihr in andere Wohnheime geht, werdet ihr schockiert sein“, erklärt Warwara. Ab und zu gebe es Kakerlaken, scherzt Amira. Ihre Zukunft wollen die Frauen in Russland verbringen. „Ich versuche, in Moskau zu bleiben“, sagt Anastasia. Sie hat blonde Haare und hält einen Plüschhai im Arm. „Hier gibt es viele Jobs. Aber die Wohnungen sind sehr teuer.“ Auch Warwara will in Russland bleiben. „Wahrscheinlich ziehe ich nach Sibirien.“ Und für Amira steht fest: Nach dem Studium geht es in den Norden, in die Teilrepublik Komi oder nach Archangelsk.

Alle drei sind glücklich im Wohnheim, obwohl es strenge Regeln wie Alkoholverbot gibt. Der günstige Preis lässt darüber hinwegsehen. Auf die Frage, was die Frauen mit einer Million Dollar anfangen würden, kommen sie ins Träumen. „Nach Norwegen gehen“, sagt Warwara. „Aber was ist mit Mutter Russland?“, fragt Amira verwundert. „Es sind doch eine Million Dollar!“ Alle lachen. „Vielleicht Großbritannien“, überlegt Anastasia. Dann fällt ihr die Sprachhürde ein. „Selbst wenn ich wegfahre, dann nicht für eine lange Zeit. Am Ende ruft die Heimat.“

Die Yuppies

Schaut man aus dem Fenster in der 13. Etage, sieht man die Skyline der Stadt und den Moskauer Kreml. Das junge Paar, Anna und Artemi, wohnt in einer der „Sieben Schwestern“, die im Auftrag Stalins erbaut wurden.„Die sieben Hochhäuser im Zuckerbäckerstil sind ein Symbol der Stadt, wenn nicht gar der Nation“, erklärt Anna (23). Das zwischen 1948 und 1954 entstandene Gebäude befindet sich in einer der teuersten Gegenden Russlands. Vor dem Haus gibt es Parkplätze.

Anna hat ein schmales Gesicht, trägt zartes Make-up und Lippenstift, der zum roten Abendkleid passt. Ihr Handgelenk ziert eine goldene Armbanduhr. Sie arbeitet als Managerin bei einem renommierten Staatschor und teilt sich die Zweizimmerwohnung mit ihrem Lebensgefährten. Artemi (33) trägt kurze Haare, Kinnbart, ein Hemd und orangefarbene Designerjeans. Er ist Chef eines aufstrebenden Marketingunternehmens. Auf dem Tisch steht eine Vase mit einem Blumenstrauß in sanften Herbstfarben. Bücher, Ölmalereien, ein Klavier aus Holz. Die Wohnung wirkt wie aus der Zeit gefallen, ein Hauch von Biedermeier in einem Relikt der Sowjetunion. „Bis zum Roten Platz sind es nur zehn Minuten zu Fuß. Das ist eine sehr bequeme Lage für Geschäftstreffen“, sagt er. „Ohne seine Arbeit kann Artemi nicht leben“, scherzt Anna. Heute Portugal, übermorgen New York. Sie reisen gerne und oft, sehen sich als Kosmopoliten. Sie serviert Schokolade und Tee in einem Service aus Porzellan. Eine Wirtschaftskrise wollen Anna und Artemi in ihrem Umfeld nicht bemerkt haben. „Manche Menschen leben gut, manche leben schlecht“, sagt Anna. „Das wird immer so sein, in jedem Land.“

Die Besorgte

In zwei Jahren soll der Plattenbau, in dem Tanja lebt, abgerissen werden. Die junge Frau mit Kurzhaarschnitt und grünen Strähnen im blonden Haar träumt von einem Leben in Europa. „Dort gibt es Menschenrechte, eine starke Wirtschaft, soziale Garantien und Toleranz. In Russland läuft gerade alles in eine umgekehrte Richtung“, sagt die 34-Jährige mit einem offenherzigen Lächeln. „Ich kenne zu viele Leute, die einen ausgeprägten Hass haben, vor allem auf Schwule, Lesben und Transgender.“ Tanja vergleicht ihre Wohnung wegen der kompakten Größe mit einem Wandschrank. Obwohl sie sich 28 Quadratmeter mit ihrer Lebenspartnerin teilt, fühlt sie sich wohl. Tanja arbeitet als Texterin bei einer Werbeagentur und kommt gut über die Runden. „Ich gehöre zur russischen Mittelschicht“, betont sie.

Wirtschaftlich gehe es vielen Russen besser als vor 20 Jahren. Doch sie sei besorgt über die Propaganda in den staatlichen Medien und die aufkeimende Religiosität in der Gesellschaft. Auch das Moskauer Abrissprogramm sieht Tanja kritisch. Im Prinzip sei es gut, dass baufällige Häuser komfortableren weichen sollen. Doch die Politik habe bei der Kommunikation vollkommen versagt. Es sei zu bezweifeln, dass die Wohnungseigentümer angemessen entschädigt werden. „Vielleicht mit dem schlechtesten Ort im schlechtesten Viertel“, sagt sie sarkastisch. Dann erzählt sie von einem Aktivisten aus dem Bekanntenkreis, der Petitionen organisiert hatte. Er sei nachts auf dem Nachhauseweg erstochen worden. Für die Zukunft des Landes zeichnet Tanja ein düsteres Bild: „Wir verwandeln uns langsam in ein zweites Nordkorea.“

Der Künstler

Ein rätselhaftes Haus im Moskauer Stadtzentrum. Es wurde 1917 kurz vor der Oktoberrevolution gebaut, und die Eingangstür zum Atelier, das der Künstler gleichzeitig als Unterkunft verwendet, steht für Besucher immer offen. Als wir gegen Nachmittag eintreten, liegt Andrej (43) auf seinem Bett. „Ich bin gerade aufgewacht.“ Er setzt sich mit nacktem Oberkörper an den Bettrand und raucht eine Zigarette. Tattoos mit Tribalmustern zieren die muskulösen Arme. Hinter der Hornbrille wandern seine Augen unruhig durch den Raum. Er nimmt eine Dose Kondensmilch vom runden Holztisch und löffelt sie aus. Man kann in Andrejs Welt Verstörendes entdecken: Installationen mit Gasmasken, Zeichnungen von Fantasiewesen mit erigierten Penissen, an sozialistischen Realismus angelehnte Figuren, Farbkleckse, antike Möbel und Schallplatten. Genie und Wahnsinn.

Eigentlich hätte das Haus, das nie ganz fertiggestellt wurde, in den 1990er Jahren abgerissen werden sollen. Doch das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Der russische Maler Jewgeni Lansere, Mitglied der berühmten Künstlervereinigung „Mir Iskusstwa“ (Welt der Kunst), arbeitete dort von 1934 bis 1946 in einer Werkstatt. Nach einer Legende gaben die Beatles in den 1960er Jahren im Keller des Hauses ein geheimes Konzert für Leonid Breschnew. Nach einem Protest der anliegenden Bewohner, an dem auch Andrej teilgenommen hatte, legte die Stadtverwaltung ihre Abrisspläne vorerst aufs Eis. Er weiß zu schätzen, dass er gegen geringes Entgelt als Künstler arbeiten darf. Doch Andrej weiß auch, dass es bloß eine Frage der Zeit ist, bis ein Investor das Gebäude abreißen lässt.

Text: Thorsten Gutmann, Fotos: Mario Heller
06:00 18.04.2018
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