Hart an der Grenze

SELBSTweltBILDNISSE Wie das Kino in Slowenien EU-Beitritt und Multikulturalismus reflektiert

Sloweniens Filmindustrie, die jährlich gerade vier lange Spielfilme produziert, in der Mehrzahl low-budget-Produktionen, fällt zum einen in der internationalen Festivalszene immer wieder durch kleine frische Filme auf wie Janez Burgers lakonische Milieustudie Müßiggang (1999) über die Tagediebereien und hausgemachten zwischenmenschlichen Probleme dreier ewiger Studenten. Zum anderen zeigt das kleine Land durch Teilnahme an internationalen Koproduktionen wie dem Auslands-Oscar-Preisträger No Man´s Land (2001) auf dem globalisierten Filmmarkt Präsenz. In ihren Filmen diskutieren slowenische Filmemacher heute - neben existenzialistischen Diskursen wie in Burgers aktuellem Spielfilm Ruinen oder in Hanna Slaks Geschwisterdrama Blinder Fleck - das neue slowenische Selbstverständnis zwischen europäischer Gegenwart, jugoslawischer Vergangenheit, ethnischer Selbstdefinition und multikultureller Realität.

Schon Ende der achtziger Jahre machten die Aktionen der Rockgruppe Laibach, die auf provokative Weise mit den Symbolen des Faschismus spielte, um damit totalitaristische Strömungen im eigenen Land zu geißeln, "Neue Slowenische Kunst" in der ganzen Welt bekannt. Hier wuchs - von den Laibach-Musikern bis zu dem sperrigen Philosophen Slavko Zizek - eine Querdenkergeneration heran, die erkannt hatte, dass zwischen Kapitalismus, Sozialismus und Titos "drittem Weg" oft nur die Persiflage bliebt, um am Kern der Gesellschaft zu rühren.

Inzwischen sind die Probleme von Sloweniens intellektuellen Eliten weltlicher geworden. Auf den Landkarten der internationalen Menschenschmuggler verlaufen einige Pfade der Ost-West-Passage mitten durch ihr Land. Zwar ist die junge Republik noch nicht Mitglied der Schengen-Staaten, doch zeichnet sich die Pförtnerrolle an der Südostflanke der EU ab. Einer der ersten Filmemacher, der sich mit dieser neuen Position Sloweniens beschäftigte, war Zelimir Zilnik. In seinem Film Festung Europa (2000) stranden die Protagonisten, durchaus der alltäglichen Realität entsprechend, auf der Suche nach einem besseren Leben im slowenisch-italienischen Grenzgebiet, werden zwischen Triest und den westslowenischen Grenzprovinzen hin- und her- und schließlich abgeschoben. Ähnlich ergeht es der menschlichen Fracht, die von Ludvik und Rudi in Damjan Kozoles Ersatzteile Nacht für Nacht von der kroatischen zur italienischen Grenze gefahren wird. Sloweniens Beitrag für den Berlinale-Wettbewerb 2003 wird immer da besonders markant, wo der Schlepper-Alltag aus der Kollegenperspektive erzählt wird und Kozoles Akteure zu Identifikationsfiguren avancieren. Zu denen, die wie Tomaten von Ost nach West verfrachtet werden, gehört ein mazedonisches Pärchen - ehemals Mitbürger im selben Staatsverband, heute durch den Visumszwang aus der auf Flexibilität setzenden Weltgesellschaft exmatrikuliert.

Die gut bewachten Grenzen Sloweniens haben sich von Westen nach Osten verschoben. Auf der einen Seite ist die Grenze zu Italien durchlässig geworden. Die neue Grenze verläuft zwischen Slowenien und Kroatien und teilt damit ein Gebiet, das seit Jahrhunderten zum selben Kulturkreis gehört. Maja Weiss zeigte 2001 in Der Grenzhüter, wie junge Slowenen heute die Nachbarschaft mit den einstigen Landsleuten in Kroatien betrachten. Die drei jungen Frauen aus Ljubljana, die sich in Weiss´ Film zu einer Paddeltour auf dem Grenzfluss Kolpa aufmachen, vermuten in den Wäldern der Nachbarrepublik "Kriegsveteranen, die noch immer mit dem Messer rumrennen". Mit einer Mischung aus großstädtisch-studentischer Arroganz und paranoiden Ängsten, die sich in dem kriminalistischen Plot mehr und mehr bewahrheiten, erkunden sie Grenzbereiche ihrer eigenen Psyche und der ihres Landes. Am Ende treffen die drei Frauen auf harmlose Kroaten und einen unangenehmen rechtslastigen Lokalpolitiker aus dem eigenen Land, der sein Wahlvolk mit nationalistischen Parolen gegen Andersdenkende aufstachelt.

Mit solchen Themen hat das zeitgenössische slowenische Kino neue Inhalte geprägt. Im Fokus steht das offensichtliche Defizit, mit der plötzlichen Multikulturalität umzugehen, die als Nebenprodukt der staatlichen Unabhängigkeit ins Land kam. Mit einem Mal wurden Zehntausende von Bewohnern Sloweniens zu Staatenlosen, weil sie einst aus familiären oder beruflichen Gründen aus den Nachbarrepubliken des vormaligen Jugoslawiens zugezogen sind. Dimitri Anakievs Dokumentation Ausradiert führt aus der Betroffenenperspektive einige Fälle vor, in denen langjährige Bewohner Sloweniens aufgrund ihrer ethnischen Herkunft willkürlich aus dem Einwohnerregister gestrichen und damit zu juristischen Un-Personen werden. Ein großer Teil dieser Menschen wartet noch heute, Monate nach dem EU-Beitritt Sloweniens, auf die Klärung damit verbundener Rechtsansprüche bis hin zu Rentenzahlung und Reisefreiheit.

Immer wieder kommen in neueren slowenischen Filmen die Vorurteile gegen die ehemaligen Landsleute aus Bosnien und Herzegowina zur Sprache. In Auf der Sonnenseite (2003) beschreibt Miha Hocevar die Erlebnisse zweier bosnischer Kriegswaisenjungen, die erst für die Ferien, dann dauerhaft zu Verwandten ins reiche Ljubljana umziehen müssen und dort mit den Vorbehalten ihrer neuen Nachbarn konfrontiert werden. In der Geschichte quälen sich diejenigen durch die sommerliche Hitze, die nicht das Geld oder die Zeit für einen Urlaub haben - ein Portrait der Langeweile in den Neubaublocks am Rande der Stadt, in der der "Abschaum aus dem Süden" schon mal für ein wenig Abwechslung herhalten muss. Die leisen Töne, mit denen Hocevar fast beiläufig inszeniert, stehen in krassem Kontrast zu Vinko Möderndorfers Film Vororte (2004), der seine Gesellschaftsbeschreibung ebenfalls in einer randstädtischen Siedlung verortet. Möderndorfer zeigt vier Männer um die 50, die sich in ihren durch permanenten Alkoholkonsum verwässerten Gesprächen ein extravagantes Sexualleben zusammenphantasieren, um daraufhin verbal über Ausländer herzufallen. Die Ausländer, das sind in diesem Fall Neboijsa und Jasmina, ein junges Paar, das vor kurzem aus Bosnien-Herzegowina gen Norden gezogen ist. Möderndorfers Protagonisten hatten im alten Jugoslawien ihren Platz, ein geregeltes, wenn auch fremdbestimmtes Leben. Im neuen Slowenien sind sie verloren. Mit dem Staat, dessen frisch erworbene Unabhängigkeit sie ständig feiern, können sie nichts anfangen, bewegen sich pathologisch zwischen Selbstbefriedigung, Gewaltphantasie und Bluttat - Hooligans im Frührentneralter, die sich hinter einer Fassade nationalistischer Statements verstecken. Die Holzschnittartigkeit jedoch, mit der Möderndorfer seine Protagonisten beschreibt, entspringt der gleichen hochmütigen Haltung, mit der die drei Abenteuerinnen in Der Grenzhüter der Landbevölkerung begegnen. Wie Weiss verschiebt Möderndorfer den rassistischen Ungeist in die Hinterwälder der Republik und merkt dabei nicht, wie er zur Zufriedenheit eines selbstgenügsamen urbanen Publikums neue Klischees inszeniert und damit einen verhängnisvollen Graben zwischen Stadt und Land aufreißt, der nicht nur in Slowenien gesellschaftliche Milieus wie Welten voneinander trennt.

Bleibt Branko Djuric. Der populäre bosnische Schauspieler (No Man´s Land), der in seiner Wahlheimat Slowenien ein populäres Kabarett betreibt, realisierte mit Weichkäse und Marmelade eine Komödie über das Verhältnis der Slowenen zu ihren "ausländischen" Mitbürgern. Djuric selbst spielt einen Bosnier, der wider Willen in genau die kleinkriminelle Karriere gezwängt wird, die im allgemeinen Vorurteilskanon immer wieder kolportiert wird. Weichkäse und Marmelade wurde in Slowenien, in dem einheimische Filme kaum ein größeres Publikum finden, zu einem der erfolgreichsten Filme der letzten Jahre. Kann sein, dass, wie es eine slowenische Kollegin vermutete, die Slowenen einfach nur "ihren" Djuric lieben. Kann auch sein, dass man auf diese zwischenethnische Sollbruchstelle der slowenischen Gesellschaft lieber das Pflaster der Ironie klebt, als sich eingehender damit zu beschäftigen. Die Verschiebung der Grenzen jedenfalls wird im slowenischen Film noch länger Thema bleiben.


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00:00 10.12.2004

Ausgabe 38/2020

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