Hart gelandet

Porträt Muhammed Faris flog 1987 als erster Syrer in den Weltraum, in seiner Heimat feierte man ihn als Helden. Heute ist er der höchstrangige Deserteur des Assad-Regimes
Rosie Garthwaite | Ausgabe 12/2016
Hart gelandet
Der prominente Kosmonaut lebt heute im Exil in Istanbul

Foto: Emre Rende/The Guardian

Der Neil Armstrong der arabischen Welt hat sein Büro in einem baufälligen Haus im Istanbuler Stadtteil Fatih, das auch Klein-Syrien genannt wird. Muhammed Faris ist ein Geflüchteter wie so viele hier, und wie bei so vielen Geflüchteten liegt sein Leben in Trümmern. Ein Leben, in dem er Kampfpilot und Raumfahrer war, militärischer Berater des Assad-Regimes, Dissident, Rebell, Deserteur.

In Syrien gilt Faris als Nationalheld, ein Flughafen, eine Schule und etliche Straßen sind nach ihm benannt. An der Wand seines Büros hängen noch die Ehrenmedaillen für seine Leistungen als Kosmonaut. Hier, hunderte Kilometer von seiner Geburtsstadt Aleppo entfernt, kämpft er für einen demokratischen Wandel in Syrien, „mit Worten, nicht mit Waffen“.

Grüße aus Moskau

1985 war Muhammed Faris einer von vier jungen syrischen Männern, die sich für das Interkosmos-Trainingsprogramm qualifizierten, ein Angebot der Sowjetunion für Verbündete. Zwar war damals schon ein Araber im All gewesen, Sultan bin Salman al-Saud, ein Spross der saudischen Königsfamilie, aber noch kein professioneller arabischer Astronaut.

Die Bande zwischen Syrien und der Sowjetunion waren seinerzeit eng. Moskau hatte Staatschef Hafiz al-Assad – Baschars Vater – 1970 geholfen, sich an die Macht zu putschen. Im Gegenzug durften die Sowjets im Hafen von Tartus einen Flottenstützpunkt einrichten, den Russland bis zum heutigen Tag nutzt.

60 syrische Kandidaten hatten sich am Kosmonauten-Trainingszentrum Juri Gagarin bei Moskau beworben, Faris hatte es unter die letzten vier geschafft. Zwei von ihnen waren Alawiten, so wie die Assads, einer war Druse, und er, Faris, war Sunnit. Die Anhänger der sunnitischen Glaubensrichtung machten über 80 Prozent der Bevölkerung Syriens aus und galten dem alawitischen Regime als Bedrohung. Faris war ein reiner Zählkandidat. Assad senior schickte sogar eine Delegation nach Moskau, damit bei der Auswahl des Raumfahrers nichts schiefging.

Doch dann fiel der höchstrangige Anwärter, ein alawitischer Oberst, wegen gesundheitlicher Probleme aus. Der Druse fiel durch die letzte Prüfung. Von den verbleibenden zwei Bewerbern war Faris eindeutig der besser Geeignete. Allerdings, sagt er, hätte es die syrische Regierung „leichter über sich gebracht, mich zum Premierminister zu ernennen, als zu ihrem ersten Mann im Orbit“. Die Russen aber überstimmten Assads Delegation kurzerhand und entschieden sich für Muhammed Faris. Im Juli 1987 flog er zur Raumstation Mir.

Sojus TM-3, 1987: Alexander Wiktorenko, Muhammed Faris, Alexander Alexandrow

Foto: Sov Foto/UIG/Getty Images

„Diese sieben Tage, 23 Stunden und fünf Minuten haben mein ganzes Leben verändert“, sagt Faris. Zusammen mit den russischen Kollegen beschäftigte er sich an Bord der Raumstation mit wissenschaftlichen Experimenten – und er fotografierte Syrien vom All aus. „Wenn du einmal die ganze Welt durch ein Fenster gesehen hast, gibt es kein ‚Wir gegen die‘ mehr.“ Noch während der Mission beschloss Faris, den Armeedienst zu quittieren und fortan seine Mitbürger in Naturwissenschaften und Astronomie zu unterrichten. „Ich wollte den privilegierten Ausblick weitergeben, den ich genossen hatte.“

Als er zur Erde zurückkehrte, war er ein Nationalheld. Muhammed Faris kam aus bescheidenen Verhältnissen und hatte erst zwei Jahre vor seiner Auswahl für das Programm die Pilotenprüfung abgelegt. Jeder einzelne Schritt auf dem Weg zu den Sternen war für ihn hart erkämpft. Nun bat Faris den Präsidenten, ein nationales Institut für Weltraumforschung zu gründen, damit andere Syrer ihm nachfolgen konnten. Assads Antwort war ein entschiedenes Nein.

„Er wollte, dass sein Volk ungebildet und zerstritten blieb“, sagt Faris, „denn so sichern Diktatoren ihre Macht. Schon der Gedanke an die Horizonterweiterung, die ein Weltraum-institut den Menschen bringen könnte, war gefährlich.“ Stattdessen wurde Faris an die Luftwaffenschule versetzt und brachte hunderten junger Männer bei, Kampfjets zu fliegen. Er hatte einen hohen Rang, aber er fühlte sich kaltgestellt.

Als Hafiz al-Assad im Sommer 2000 starb und sein Sohn Baschar die Regierung übernahm, zählte Faris zu den Ersten, die er empfing. „Wie sein Vater war auch Baschar ein Feind der Gesellschaft“, sagt er. Als Leiter der nationalen Luftwaffenschule wurde er zum Militärberater befördert und hoffte, von diesem Posten aus endlich den Absprung an die Universität zu schaffen. Doch dann dehnte sich der Arabische Frühling auf die gesamte Region aus.

Gastmannschaften im Orbit

Interkosmos war ein wissenschaftliches Programm, das die Sowjetunion nach dem Start der ersten Sputnik 1957 ins Leben rief, um nichtsowjetische Technik in die Raumfahrt einzubinden. Im Zuge dessen wurde auch Raumfahrern anderer Nationen die Reise ins All ermöglicht, die Gastkosmonauten kamen unter anderem aus Kuba, Ungarn und der Mongolei.

1978 flog der Tscheche Vladimir Remek als erster Gastkosmonaut zur Orbitalstation Salut 6, ihm folgte im selben Jahr der DDR-Bürger Sigmund Jähn, der erste Deutsche im Weltraum. 1988 flog Abdul Ahad aus Afghanistan als Letzter im Rahmen von Interkosmos ins All. Im Handbuch Raumfahrer von A bis Z. Ein Wissensspeicher von Peter Stache, das zuletzt 1990 im Brandenburgischen Verlagshaus erschien, sind für alle Raumfahrer der USA, der UdSSR und der Gastländer das Jahr ihres ersten Einsatzes, die Zahl der Raumflüge, Gesamtflugzeit und -strecke, die Zahl der Erdumkreisungen sowie Zahl und Dauer der Außenbordaufenthalte vermerkt. Über den syrischen Kosmonauten Muhammed Achmed Faris erfährt man dort, dass er an Bord der Raumstation Mir 1987 die Erde 126 Mal umkreiste und über fünf Millionen Kilometer im Weltraum zurücklegte.

„Reichlich zwei Prozent“ der Gesamtflugzeit im All, so steht es im Handbuch, entfiel bis zum Jahr 1989 auf Raumfahrer, die nicht aus den Vereinigten Staaten oder der Sowjetunion stammten. Nur eine Frau wurde im Rahmen von Interkosmos nie ins All geschickt. Christine Käppeler

„Monatelang blieben die Proteste friedlich“, betont Faris. Er und seine Frau schlossen sich in Damaskus den Demonstranten an. Von Assad-Anhängern wurden sie deswegen bedroht, sie machten aber weiter. „Das waren doch alles meine Leute, unsere Leute.“ Faris und seine Frau brachten die Reformwünsche der Protestierer direkt bei der Staatsführung vor, sie forderten sie zu einem moderaten Wandel auf, doch „die Assads hielten sich für Götter“.

Als der Bürgerkrieg begann, musste Faris mit ansehen, wie seine Schüler einer Gehirnwäsche unterzogen wurden, damit sie fortan ihre eigenen Freunde bekämpften. „Ihnen wurde gesagt, wenn ihr nicht angreift, werden die Rebellen euch töten.“ Heute sind einige seiner besten Schüler in Assads Armee aufgestiegen, sie wachen über Flughäfen und Regierungsgebäude; die meisten aber sind fort. „An Assads Seite sind fast nur die Alawiten geblieben.“

Faris begann wenig später seine eigene Flucht zu planen. „Vier Mal waren wir so weit, aber ich habe gesehen, wir würden nicht durchkommen. Wir haben sehr viele Routen geprüft.“ Mit seinen drei Kindern und seiner Frau wollte er nichts dem Zufall überlassen. Am Ende, im August 2012, packten sie ihr Auto so voll es ging, ohne Verdacht zu erregen, und fuhren über die türkische Grenze. Bis heute ist Faris der hochrangigste Deserteur des Assad-Regimes.

In seinem Istanbuler Büro bewahrt der 64-Jährige auch die Medaillen auf, die ihm die UdSSR verlieh: den Lenin-Orden und sogar den Helden der Sowjetunion, die höchste Auszeichnung des Staats. Ehemalige Kollegen und Freunde in Russland haben angeboten, ihm zu helfen. Doch nie käme er auf den Gedanken, dort um Asyl zu bitten. „Putin ist nicht die Sowjetunion. Diese Russen sind Mörder und Verbrecher, an ihren Händen klebt das Blut von über 2.000 syrischen Zivilisten.“

Gegen Brüssel

Seit seiner Ankunft in der Türkei ist er zu zahlreichen Konferenzen nach Russland eingeladen worden, aber er sagt immer ab: „Erst müssen sie mit ihren Angriffen in Syrien aufhören. Das Problem ist, ich verstehe ihre Denkweise – und deshalb kann ich leider nicht ihr Freund sein.“

Einige europäische Organisationen haben versucht, ihn für Flüchtlingshilfeprojekte anzuwerben. Doch auch das macht ihn misstrauisch, er glaubt, sie wollen ihn für ihre politischen Zwecke einspannen. Über die europäischen Regierungen und die USA sagt er: „Als sie gebraucht wurden, haben sie nicht eingegriffen. Und sie sind gegen meine Ideale, also kann ich dort nicht leben.“

Fürs Erste bleibt er, wo er ist. Regelmäßig konsultiert ihn die türkische Regierung, wenn es um die Rechte syrischer Flüchtlinge geht, und mit seinen alten Bekannten bei der türkischen Luftwaffe erörtert er die militärische Lage. Außerdem ist Faris Mitglied des Nationalen Koordinationsrats für demokratischen Wandel in Syrien, einer Gruppe, die für gewaltfreien Widerstand gegen Assad eintritt und sich in Spanien trifft.

„Mein Traum ist, bei mir zu Hause im Garten zu sitzen und draußen Kinder spielen zu sehen, ohne Angst vor Bomben. Mir ging es nur um eine bessere Zukunft für meine Kinder, aber die Einmischungen von außen haben die Revolution kaputtgemacht.“ Mit Tränen in den Augen spricht er von der Frühzeit der Proteste. Er glaubt, der Aufstieg des IS sei in Teilen anderen Staaten anzulasten, etwa Saudi-Arabien und Pakistan, und er sagt, er wisse keine Lösung für die gegenwärtige Situation. Sicher ist er sich allerdings, „dass nicht Religion und Waffen der Ausweg sind, sondern Hoffnung“.

Immer wieder spricht er von der Tapferkeit der Menschen in seiner Heimat Aleppo, einer der ältesten dauerhaft besiedelten Städte der Welt. „Die syrische Kultur ist 10.000 Jahre alt. Sie wird die Assads überleben, sie hat schon Schlimmeres überstanden.“ Die Tage Aleppos jedoch scheinen gezählt, außer der Hoffnung bleibt schon jetzt nicht mehr viel von der Stadt übrig. „Aus der Ferne, als die Erde so klein war, spürte ich tief im Herzen, dass ich da unten etwas ausrichten könnte“, sagt Muhammed Faris. „Aber nein, so leicht ist das nicht.“

Rosie Garthwaite war als Kriegsreporterin unter anderem im Irak. 2011 erschien ihr Handbuch für die gefährlichsten Orte der Welt

Übersetzung: Michael Ebmeyer

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