Hart sind die anderen

Porträt Sebastian Gemkow will in Leipzig mit moderat konservativen Ansichten Oberbürgermeister werden

Ein bislang eher unauffälliger sächsischer Justizminister, der seit Dezember ein noch unauffälligerer Wissenschaftsminister ist, schickt sich an, für die CDU das Rathaus von Leipzig zu erobern. Mit 31,6 Prozent zog Sebastian Gemkow im ersten Wahlgang der Leipziger Oberbürgermeisterwahl vergangenen Sonntag knapp und überraschend an Amtsinhaber Burkhard Jung (SPD) vorbei, denn Leipzig ist eine SPD-Hochburg.

Am meisten verblüfft schien die zuletzt nicht gerade erfolgsverwöhnte CDU selbst. Wohl war ihr Kandidat vom Leipziger Kreisverband mit einem Ergebnis von 99 Prozent nominiert worden. Als kurz vor Weihnachten aber Ministerpräsident Michael Kretschmer (ebenfalls CDU) seinen bisherigen Justizminister zum Wissenschaftsminister berief, schien klar, dass niemand in der Union an einen Erfolg in Leipzig glaubt. Welchen Sinn hätte ein Ministeramt auf Abruf für ein Vierteljahr gehabt? Nun besteht Interpretationsbedarf zu Gemkows vorläufigem Erfolg. „Sicherheit war relevant und ein kommunales Thema“, so Christian Hartmann, Vorsitzender der CDU-Fraktion im sächsischen Landtag und selbst Polizist. Jeder denkt dabei an die Silvesterkrawalle im linken Szenestadtteil Connewitz. Kürzlich folgten dort weitere Ausschreitungen bei einer Demonstration gegen das Verbot der Plattform „linksunten.indymedia“. Zuvor gab es Anschläge auf Baustellen und sogar eine Attacke gegen eine Immobilienmaklerin in deren Wohnung, offenbar verübt von linksautonomen Kämpfern.

Ja, Sebastian Gemkow hat daraus ein Wahlkampfthema gemacht. Und er hat gemeinsam mit Innenminister und Parteifreund Roland Wöller zum Ärger von SPD und Grünen während der laufenden Kenia-Koalitionsverhandlungen am 6. November 2019 eine „Soko LinX“ gegründet. Mehr ein symbolischer Akt, der in Leipzig bestehende Einheiten im Kampf gegen eine „linksextremistische Szene“ bündelt.

Als studierter Jurist ist der erst 41-jährige Gemkow, der mit 20 der CDU beitrat, ein Vertreter des Rechtsstaates. Aber er ist kein Haudrauf. „Nicht härter, aber konsequenter“ solle man durchgreifen, sagte der bekennende Christ in einem Wahlforum des MDR. Vor allem stellte sich Gemkow vor die Polizisten, ließ es menscheln, sah in ihnen auch Bürger, „die sich abends an den Küchentisch setzen wollen“. Er ist ja auch in der schwierigen Lage, der Regierungspartei CDU anzugehören, die bis vor einem halben Jahrzehnt den öffentlichen Dienst in Sachsen kaputtgespart hat. Es fehlt in Leipzig nicht an vorbildlichen kriminalpräventiven Maßnahmen, es fehlt an Polizeibeamten.

Für Sebastian Gemkows Achtungserfolg kann auch nicht allein sein spektakuläres 21 mal 20 Meter großes Wahl-Poster am Technischen Rathaus verantwortlich sein. Vielleicht ist es für seinen Kontrahenten Jung inzwischen auch von Nachteil, 14 Jahre lang die immer schwerer gewordene Amtskette getragen zu haben. Im Gegensatz zu Jung ist Gemkow ein Leipziger Urgewächs und wohnt bis heute ungeachtet seiner Dresdner Regierungsämter im Leipziger Süden. Die Wohnung muss übrigens umgeräumt werden, denn in diesen Tagen erwarten er und seine aus Lettland stammende Frau ihr viertes Kind. Auf diese Wohnung gab es 2015 einen üblen Anschlag mit Buttersäure und Pflastersteinen, bei dem glücklicherweise niemand verletzt wurde. Kein linksextremes Verbrechen, wie sich später herausstellte, sondern eine irrtümliche Nazi-Attacke, die einem linken Onlineversand im Nachbarhaus gelten sollte. Allerdings wurden beim Strafverfahren Verbindungen des Täters zu Gemkows ehemaligem Kanzleipartner Denis van Ngoc bekannt.

Zwei weitere Ereignisse warfen einen Schatten auf den Aufstieg des ehemaligen Justizministers. Als sich der nach etlichen Fahndungsfehlschlägen gefasste Terrorverdächtige Dschaber al-Bakr 2016 in einer Leipziger Zelle erhängte, übernahm der Minister zwar die politische Verantwortung, trat aber nicht zurück. Im selben Jahr musste er einräumen, dass bei der Observierung der Fangruppe „Ultra Youth“ des Fußballklubs Chemie Leipzig auch Berufsgeheimnisträger wie Ärzte, Journalistinnen und Steuerberater in unverhältnismäßiger Weise abgehört wurden.

Geschadet hat es ihm offenbar nicht. Für Gemkow spricht sein Habitus. Der schwarze Bart, auf den er allerdings eher verzichten würde als auf Fleischspeisen, die markante Brille, mit der er geboren zu sein scheint, strahlen Seriosität und Ruhe aus. Dazu kommt die Familiengeschichte: Den Urgroßonkel Generalmajor Hans Ost richteten die Nazis als Widerständler hin. Vater Hans-Eberhard war bis 1994 Ordnungsbürgermeister in Leipzig und nahm den elfjährigen Sebastian 1989 mit auf die Leipziger Montagsdemonstrationen. Zum MDR-Wahlforum brachte der OB-Kandidat ein Stück der Berliner Mauer mit, weil ihn dieser Aufbruch geprägt habe.

Sebastian Gemkow ist spürbar ein Konservativer, aber alles andere als ein Reaktionär. Im Wahlkampf trat er bei den Zentralthemen Wohnen und Mobilität für sozialen Wohnungsbau ein, freute sich über die städtische Wohnungsbaugesellschaft LWB, wollte aber auch Investoren nicht verschrecken. „Die Menschen zu erziehen, ist in meinen Augen der falsche Weg“, kommentiert er Pläne, den Auto-Individualverkehr zurückzudrängen.

Für einen Durchmarsch Gemkows auf den Leipziger Oberbürgermeistersessel am 1. März spricht dennoch nicht allzu viel. Ein erneuter Erfolg wird davon abhängen, ob die ebenfalls stimmstarken Kandidatinnen von Linken und Grünen zugunsten von Amtsinhaber Jung zurückziehen werden.

Michael Bartsch arbeitet als freier Journalist und Autor in Sachsen

06:00 27.02.2020

Ausgabe 14/2020

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