Hartgesottene Fürsorge

IM KINO Clint Eastwood gibt sich in seinem Film "Million Dollar Baby" so versteckt warmherzig wie er früher offen unergründlich war

Der Boxfilm ist ein kurioses Genre: Kaum je geht es um den Sport an sich. Im klassischen Hollywoodkino steht er für die rabiate Variante des amerikanischen Traums. In seiner Dramaturgie von Aufstieg und Fall, vom Widerstreit zwischen Integrität und Korruption fungiert er, dem Gangsterfilm nicht unähnlich, als Gleichnis für die Gesellschaft. Der Titel eines Klassikers des Genres, Body and Soul, benennt treffend diese zweifache Agenda, psychologische Motive in physische Energie zu übersetzen.

Der Ring dient vorrangig als Terrain, um über die Widrigkeiten der eigenen Herkunft zu triumphieren - die Protagonisten sind praktisch ausnahmslos underdogs und gehören ethnischen Minderheiten an -, Vergeltung zu üben für die Ungerechtigkeiten des sozialen Gefüges. Auch Million Dollar Baby respektiert den allegorischen Gehalt des Genres, aktualisiert ihn, indem er dem Traum vom Erfolg eine ungeahnt verzweifelte, trotzige Komponente verleiht. Der Ehrgeiz von Maggie Fitzgerald (Hillary Swank), Boxerin zu werden, ist eine Wette gegen die Wahrscheinlichkeit. Mit Anfang 30 ist sie eigentlich längst zu alt für eine Karriere im Ring. Aber zugleich erscheint es in Clint Eastwoods Film wie ein Frevel, diesen Ehrgeiz versiegen zu lassen, sich die Chance zu vergeben, die eigene white trash-Herkunft wie eine alte Haut abzulegen. Die Rechnungen, die sie im Ring zu begleichen hat, gehen fortan einen eigensinnigen Wettstreit ein mit den Lektionen, die ihr der Trainer Frankie Dunn (Eastwood) nach langem Widerstand - er weigert sich zunächst, eine Frau zu unterweisen- vermitteln will.

Eastwoods Film scheint aus einer anderen Kino-Epoche in die Gegenwart hineinzuragen, eine Patina liegt über den Bildern, denen sämtliche kräftige Farben entzogen sind, als wollte sich der Film dem Schwarzweiß der klassischen Boxerfilme annähern. Ein Erzählkommentar aus dem Off gemahnt an den romantischen Fatalismus des Film noir; die Düsternis, auf die der Regisseur seit jeher seine Kameraleute einschwört, unterstreicht diesen Pessimismus. Die Figuren sind vom Leben angezählt, Scrap, der Spitzname von Dunns einzigem Freund (Morgan Freeman), lässt sich mit Schrott übersetzen.

Frankies zögernder, vorsichtiger Boxstil müsste ohnehin in diesem uramerikanischen Genre als Makel erscheinen, denn er scheut das Risiko, nachdem vor 23 Jahren Scrap bei einem Kampf ein Auge verloren hat. Seither ist er gewissermaßen der Broadway Danny Rose unter den Boxtrainern geworden (eine willkommene Gelegenheit, um auf die von der Kritik stets unterschätzte Verwandtschaft der Autoren Eastwood und Woody Allen hinzuweisen), dem die Schützlinge abhanden kommen, sobald ein aggressiverer Manager ihnen einen Titelkampf verspricht.

Technik und Strategie des Boxens spielen in Eastwoods Film indes eine für das Genre ungewohnt tragende Rolle, er handelt von Lernprozessen, von Regeln, deren Folgerichtigkeit und Weisheit man erst auf den zweiten Blick begreift. Dem Zuschauer gewähren diese Lebenslektionen das Privileg, sich nach einer Weile als ein Eingeweihter zu fühlen. Paul Haggis´ Drehbuchadaption der Kurzgeschichten von F.X. Toole liefert unverhoffte Innenansichten des Boxsports. Toole war das gut gehütete Pseudonym von Jerry Boyd, der mit 40 Jahren ins Boxgeschäft einstieg, um von seiner Alkoholsucht loszukommen. Zu alt, um als Fighter in den Ring zu gehen, machte er sich in Los Angeles einen Namen als Trainer und cut man (das ist derjenige, der in der Ecke Verletzungen pflegt und Blutungen stillt), bevor er im Alter von 70 Jahren seine ersten Geschichten veröffentlichte. Frankie Dunn ist in vieler Hinsicht ein alter ego des Autors, auch er pflegt einen verstohlen intellektuellen Zeitvertreib, lernt Gälisch, um Yeats im Original lesen zu können.

Regeln und Strategien des Boxsports dienen mithin als Metapher: für das Wechselspiel aus Deckung und Angriffslust, für den Impuls, eine existenzielle Lähmung zu überwinden. Ein eigentümlicher Generationenvertrag wird ausgehandelt in Million Dollar Baby, bei dem die Weitergabe von Erfahrungen sich allmählich als eine Liebeserklärung zu erkennen gibt. Ihre Reflexe und Worte belegen die innere Verwandtschaft von Maggie und Frankie. Seit seinem Western Der Texaner (1974), insgeheim bereits seit den ersten Episoden des Dirty Harry-Zyklus, kreisen Eastwoods Filme um die Idee der Ersatzfamilie. Sein Kino ist bevölkert von verlorenen und adoptierten Töchtern; selbst in Liebesgeschichten wirkt er seither wie ein mitunter linkischer Mentor.

Als Regisseur ist Clint Eastwood in einem Stadium angelangt, in dem er mit jedem neuen Film ein klareres Licht auf die vorangegangenen wirft. Die Spannung, die in seinen Filmen der frühen siebziger Jahre herrschte - wann die Figur ihre Autarkie aufgeben würde -, hat er schlüssig in die Gegenwart überführt. Die warmherzig hartgesottenen Dialoge, die er mit Scrap und bald auch mit Maggie austauscht, zeugen von dem Wunsch, sich nicht ertappen zu lassen beim Ausdruck von Gefühlen. Es sind kunstvoll verschleierte Wortwechsel, die die Unergründlichkeit respektieren, die einst Eastwoods Markenzeichen als Westerner und Polizist war, diese aber längst als rührend anachronistisch überführen. Eine glaubhafte Fürsorglichkeit hat sich in seine Kinofigur hineingedrängt; das bärbeißige Zögern gegenüber Maggie war nur aus der Furcht geboren, sich rückhaltlos hinzugeben. Das Altern gerät ihm längst nicht mehr zur Koketterie - wenn es dem skeptischen Katholik Frankie Schwierigkeiten bereitet, sich beim Beten hinzuknien, dann erzählt Eastwoods Körperspiel auch von der spirituellen Leere, die seine Figur weder durch die täglichen Besuche in der Messe noch die hartnäckigen Fragen nach den Glaubensmysterien, mit denen er den Priester peinigt, zu füllen weiß. Die unbeantwortet retournierten Briefe, die er an seine leibliche Tochter schickt, sind eine Buße, die er sich allwöchentlich auferlegt. Worin ihr Zerwürfnis begründet ist, verrät dieser Film, der Geheimnisse zu wahren weiß, nicht. Allein das Gewicht von Verlust und Verantwortung will er spürbar werden lassen. Die Frage nach Schuld und Erlösung bedrängt Eastwood stärker von Film zu Film. Am Ende, als Frankie an einem moralischen Dilemma zu zerbrechen droht, scheint er ihm eine Ausflucht zu gewähren, die Ahnung eines Happy End. Aber das Alterswerk dieses einstmals kaltblütigsten aller Hollywoodstars lässt keinen Zweifel daran; er glaubt an die Unentrinnbarkeit des Gewissens.


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00:00 25.03.2005

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