Andreas Busche
20.04.2011 | 10:00

Hass-Rap und Anarcho-Humor

Film Der islamische Radikalfundamentalismus in seiner ganzen Absurdität: "Four Lions" ist eine Art Dschihad-Version des Slapstick-Klassikers "Der Partyschreck"

Als ideologische und diskursive Figur ist der religiöse Fundamentalist im Grunde eine Zumutung. Der aufgeklärte westliche Blick muss an diesem Weltbild schier verzweifeln, das sich a priori aus allen Sinn- und Bedeutungszusammenhängen eines irgendwie rational fundierten Wertekanons ausgeklinkt hat. Die Satire benötigt ein Mindestmaß an argumentativer Fallhöhe, zumindest aber eine verbindliche Streitposition; ohne diese kommt auch eine politische Kritik nicht aus. Der britische Regisseur Christopher Morris verkehrt mit seiner Terroristen-Farce Four Lions diese Erkenntnis ins Extrem. Wo sich kein Sinn mehr herstellen lässt, wird letztlich auch der Kausalzusammenhang von Aktion und Reaktion außer Kraft gesetzt. Der terroristische Anschlag wird zum Bewährungstest für Handlungslogik und den gesunden Menschenverstand. Four Lions schert sich nicht um Islamismus-Diskussionen oder ideologische Verwerfungen. Morris’ Terroristen sind komplette Vollidioten, in Wort und Tat. Aus den Mündern solcher Narren entlarvt sich der islamische Radikalfundamentalismus in seiner ganzen Absurdität, wenn einer der Attentäter einen Anschlag auf eine bekannte britische Drogeriekette vorschlägt, weil dort Kondome verkauft werden.

Aber Entlarvung ist nur ein willkommener Nebeneffekt. Auch die echten Mudschaheddin im pakistanisch-afghanischen Grenzland halten die Löwen aus dem fernen Sheffield für einen Witz. Nachdem Omar eine Panzerabwehrrakete in das eigene Lager gejagt hat (die amerikanische Drohne, die er ins Visier genommen hatte, besorgt den Rest), beschimpft einer der afghanischen Gotteskrieger ihn als „verdammten Mr. Bean“. Damit legt Morris die richtige Fährte. In England, dem Mutterland von grandiosem Anarcho-Humor wie „Little Britain“, Ali G/Borat und „Facejacker“, zeigt man sich politisch naturgemäß wenig diplomatisch. Die Figur des Gotteskriegers verfügt an sich ja schon über eine gewisse Brisanz; als Zielscheibe von Spott und Parodie ist er – unter Todesandrohung sozusagen – eigentlich sakrosankt. Four Lions kommt da genau zum richtigen Zeitpunkt: als ein Affront gegenüber Innere-Sicherheit-Apologeten und rechtskonservativen Panikmachern.

Politisch aber bleibt Morris’ Film weitgehend harmlos, eine Art Dschihad-Version von Blake Edwards Slapstick-Klassiker Der Partyschreck. Wie einst Peter Sellers spielen die Löwen ihren Irrsinn runter, ohne eine Miene zu verziehen. Omar gewinnt dabei als Einziger der vier etwas Profil. Zu Hause warten Frau und Sohn, der ihn abends fragt, ob er seinen heiligen Krieg schon gewonnen habe. Er ist die ideologischste Figur, interessanterweise aber auch die einzige halbwegs vernunftfähige. Während der Konvertit Barry Moscheen sprengen will, um die islamische Welt gegen den Westen aufzuwiegeln, und Hassan auf YouTube Hass-Raps veröffentlicht, zeigt sich Omar zielgerichtet.

Doch auch sein Scheitern ist programmiert. Zum großen Showdown kommt es während eines Kostümmarathons, den die vier Löwen in Ninja-Turtles- und Bären-Verkleidungen bestreiten. Hier schießt ein Polizist versehentlich einen Chewbacca nieder, weil Star Wars-Filme offensichtlich nicht auf dem Trainingsplan der Polizei stehen. Überhaupt fällt die Zahl der menschlichen und tierischen Opfer in Four Lions erstaunlich hoch aus – reziprok zum Erkenntnisgewinn für die andauernde Radikalismusdebatte. Oder wie es einer der Löwen treffend formuliert: „Ich bin verwirrt, aber ich bin mir nicht ganz sicher.“