Hasswichser

Hip-Hop Weite Teile des deutschen Raps sind sexistisch, die Industrie schützt ihre Künstler. Wie lange noch?
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Realness bis zum Rechtsanwalt: Zwischen Kunst und Künstler soll kein Blatt passen

Collage: der Freitag

Deutschland hat ein Problem mit Musikpreisen. Deutschrap hat ein Problem mit Sexismus. Beide Umstände haben die hiesigen Kulturdebatten der letzten Jahre mitbestimmt – aber erst die Macher der Hype Awards sollten darin Potenzial für Synergie-Effekte erkennen. Deshalb wurde vergangene Woche der erste deutsche Hip-Hop-Award („Die Straße hat ihren Preis“) erstmals verliehen. Es gab einen Festakt in Berlin, mit Stargästen und teilweise live gespielter Musik. Die Halle war nach Veranstalter-Angaben ausverkauft, die Spannung groß.

Letzteres lag jedoch nicht allein am zu erwartenden Spektakel, sondern auch an Dingen, die sich bereits im Vorfeld der Veranstaltung ereignet hatten. In 19 Kategorien sollten Preise an besonders hypewürdige Künstlerinnen, Newcomer, Crews und Produzenten vergeben werden, aber auch an Hip-Hop-Schaffende mit dem richtigen Youtube- oder Instagram-„Grind“. Als einen solchen identifizierte eine Jury aus 14 Experten und drei Expertinnen unter anderen John-Lorenz Moser alias Bonez MC. Der Hamburger Rapper schaffte es unter die fünf Nominierten in der Kategorie „Hype Instagram Account“ – obwohl zu seinem Insta-Grind nicht zuletzt die Verhöhnung von Opfern häuslicher Gewalt gehört. Sollte dieser Typ wirklich mit einer vergoldeten Hype-Kette nach Hause gehen?

Straftäter auf der Shortlist

Am Ende eines Abends, der sich in paradoxer Weise ebenso hochnotpeinlich wie ereignislos gestaltete, stand fest: Er sollte nicht. Per Online-Abstimmung entschieden die Teilnehmer, dass der Berliner Luciano das beste Instagram-Profil aller Rapper unterhält. Bonez MC, heißt es, sei nicht mal in der Halle gewesen.

Der Echo setzte Verkaufserfolge mit Preiswürdigkeit gleich – und brachte sich durch das starre Beharren auf diesem Totschlagargument selbst in die Lage, Auszeichnungen an die Südtiroler Rechtsrock-Band Frei.Wild oder die Auschwitz-Verniedlicher Farid Bang und Kollegah vergeben zu müssen. Die Hype Awards, organisiert von einem Verbund aus Berliner Konzert-, Promotion- und Werbeagenturen, wollten smarter agieren und zumindest die Vorauswahl der Nominierten einer Jury überlassen. Über die Preisvergabe sollte anschließend ein Fan-Voting entscheiden.

Nachdem die Jury jedoch Bonez MC sowie in einer anderen Kategorie den verurteilten Sexualstraftäter 6ix9ine aus New York auf die Shortlists für die Awards gehievt hatte, sahen sich die Hype-Macher offenbar nicht imstande, den drohenden PR-Schaden aus eigener Kraft zu verhindern. Oder hielten sie ein Einschreiten schlicht für unnötig? Was ihnen entgegenwehte, war jedenfalls kein typischer Social-Media-Shitstorm, sondern ein eher laues Twitter- und Medienlüftchen.

Als der Echo immer wunderlicher wurde, stürzte sich nicht nur die Gesamtheit des deutschen Feuilletons mit angespitzten Bleistiften auf ihn. Auch Popschaffende gaben ihre Preise zurück oder distanzierten sich von der Veranstaltung. Mit den Hype Awards setzte sich vornehmlich der Musikjournalist Johann Voigt vom Magazin Vice auseinander – etwas später auch einige Rap-Medien. Eine breitere Debatte über Deutschrap und seinen Umgang mit Sexismus und sexualisierter Gewalt konnten sie mit ihren Artikeln nicht auslösen.

Dabei gäbe es durchaus Redebedarf. Wie in den meisten anderen Ländern ist Hip-Hop auch in Deutschland das stärkste Zugpferd der Musikindustrie, die letzte größere Ausprägung dessen, was man früher einmal als Jugendkultur bezeichnete. Immer selbstbewusster emanzipiert sich „die Szene“ (in Wahrheit besteht sie aus zahlreichen Klein- und Kleinstszenen) von den alten Instanzen der Branche, bringt eigene Entscheidungsträger, Rekordkünstler und Strukturen hervor. Auch die Hype Awards sind Ausdruck dieses neuen Selbstverständnisses: ein Preis, der seinen Wert nicht zuletzt in der Abgrenzung vom Pop-Mainstream sucht. Während solche Entwicklungen offenbar unaufhaltsam voranschreiten, gibt es von der Auseinandersetzung mit Sexismen im Deutschrap keine nennenswerten Fortschritte zu vermelden. Vor knapp zwei Jahren brandete eine kurze Diskussion auf, nachdem Journalistinnen wie Helen Fares, Lisa Ludwig und Visa Vie von negativen Interview- und Backstage-Erfahrungen mit Rappern sowie dem Kommentarspaltenhass von deren Fans berichtet hatten. Im Zuge des Echo-Debakels wurden einige Monate später die Texte von Farid Bang und Kollegah nicht nur auf ihren antisemitischen, sondern auch auf ihren sexistischen Gehalt untersucht.

So schnell, wie diese Untersuchung aufkam, versandete sie auch wieder. Dabei hätte sie ins Licht einer breiteren Öffentlichkeit rücken können, was ohnehin alle wissen, die sich ernsthaft mit Deutschrap beschäftigen: Unter Hip-Hop-Schaffenden und ihren Geschäftspartnern herrscht mindestens stillschweigende Akzeptanz für Texte, die häusliche Gewalt und Vergewaltigungen als Ausdruck männlicher Überlegenheitsfantasien feiern: rape culture in Reinkultur. Kaum ein Rapper, der mit solchen Texten aufgefallen ist, musste sich bisher Sorgen um Plattenverträge, zukünftige Festivalauftritte oder seinen Platz in der Deutschrap-Hierarchie machen.

Die Hype Awards haben es versäumt, mit ihrer ersten Veranstaltung ein Zeichen gegen diesen Zustand zu setzen. Dass trotzdem andere Zeiten anbrechen könnten, zeigt der Fall des Rappers Kristoffer Jonas Klauß alias Gzuz. Wie auch Bonez MC gehört Gzuz zur Hamburger Crew 187 Strassenbande. Die Songs des sechsköpfigen Kollektivs triefen vor Gangster-Romantik und Heldenpathos: Ihre Aufstiegsgeschichten zwischen Zuchthaus und Mercedes-Barkauf illustrieren sie mit allerlei Statussymbolik, Alk-Ausschweifungen und Kollateralschäden. Klassischer Gangsta-Rap also.

Dann kommen die Anwälte

Die besten Rapper balancieren mit einem solchen Programm auf dem schmalen Grat zwischen wirkmächtiger Beschreibung und (oft ebenso wirkmächtiger) Überhöhung ihrer Lebensrealität. Gzuz rappt davon, Frauen in Parklücken „wegzuknallen“ und ihnen „in die Fresse zu wichsen“. Mit seinen bisherigen beiden Soloalben, die in Kooperation mit dem Tonträger-Marktführer Universal erschienen sind, stieß er vor bis in höchste Regionen der Charts. Fans seiner Musik ignorieren die misogynen Inhalte oder berufen sich auf bekannte Verteidigungsmuster: alles Kunstfreiheit, Übertreibung, Zuspitzung, vielleicht sogar Satire.

Die ohnehin schwierige Trennung von Werk und Künstler ist im Fall der 187 Strassenbande jedoch explizit unerwünscht. Das zeigt nicht nur der Instagram-Account von Bonez MC, sondern auch das Interviewgebaren der Crew, mit dem sie immer wieder auf die ultimative Authentizität ihrer Inhalte pocht. Alles sei so gemeint, wie es gerappt wird, vieles auch so passiert. Was das konkret bedeuten könnte, zeigte im vergangenen Mai abermals eine Recherche des Vice-Magazins. Diese enthüllte, dass Gzuz im vergangenen Jahr eine Besucherin des Splash-Festivals in Gräfenhainichen sexuell belästigt hat. Von der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau wurde er deshalb mit einem Strafbefehl belegt.

Die Berichterstattung über solche Fälle gestaltet sich nach wie vor schwierig. Mehrere Medien, die über weitere Vorwürfe gegenüber dem Hamburger Rapper berichteten, erhielten Unterlassungsaufforderungen von Anwälten. Viele Artikel wurden daraufhin wieder gelöscht, sogar bild.de nahm einen Bericht offline. In einschlägigen Deutschrap-Kreisen ist ein solches Prozedere nicht unüblich: Meist fehlen den berichtenden Magazinen und Onlineportalen die Ressourcen, um sich auf langwierige und womöglich teure Rechtsstreitigkeiten einzulassen. Die Unterstützung der Industrie war Rappern, die unter Beschuss geraten sind, bisher ohnehin sicher. Auch deswegen bleibt ein #MeToo des Deutschrap, wie es das Online-Magazin rap.de forderte, bislang aus.

Der Fall Gzuz illustriert den Status quo in weiten Teilen der Deutschrap-Landschaft. Könnte er sich als Auslöser eines langsam einsetzenden Umdenkens erweisen? Die Veranstalter des Splash-Festivals ließen verlauten, Gzuz nicht mehr einladen zu wollen. Das größte Rap-Event des Landes distanzierte sich von einem seiner erfolgreichsten Rapper. Ob damit ein Präzedenzfall geschaffen wurde, bleibt abzuwarten. Im baden-württembergischen Straubenhardt fand am Wochenende nach den Hype Awards das Happiness-Festival statt. Auch durch die Petition einiger Besucher ließen sich die Organisatoren nicht davon abhalten, ihre Bühne für Gzuz zu öffnen.

Daniel Gerhardt war bis Ende 2018 Chefredakteur des Pop-Magazins Spex

06:00 21.07.2019
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