Hat Peter Brook uns das Theater der Zukunft geschenkt?

Vermächtnis Vergangene Woche starb der Regisseur Peter Brook mit 97 Jahren in Paris. Er gehörte einer vergessenen Ära des Theaters an, doch sein Ansatz hat ein Revival verdient
Der britische Regisseur Peter Brook ist mit 97 Jahren verstorben
Der britische Regisseur Peter Brook ist mit 97 Jahren verstorben

Foto: Lionel Bonaventure/AFP via Getty Images

Eigentlich hatte ich Peter Brook fast vergessen. Den „Jahrhundertregisseur“ und den „einzigartigen Theaterzauberer“, wie er nun noch einmal in den Nachrufen genannt wurde. Vergangene Woche ist er mit 97 Jahren in Paris verstorben. Als ich die Nachricht auf Twitter las, hatte ich zugegebenermaßen diesen unschönen „Ach, ich wusste gar nicht, dass der noch lebt“-Moment. Was vielleicht, abgesehen von seinem hohen Alter, auch ein Ausdruck dafür ist, wie sehr Brook bereits zu Lebzeiten einer schon längst vergessenen Ära des Theaters angehörte.

Dass Theater die vergänglichste aller Künste ist, kann man nämlich sehr eindrücklich erleben, wenn zum Beispiel junge Schauspielstudierende bei Namen wie Peter Brook, Ariane Mnouchkine, Peter Stein oder Heiner Müller sagen, die kenne doch „keine Sau“. Habe ich in echt so erlebt. Oder, Lieblingsbeispiel, der Regisseur Ersan Mondtag, der zu Beginn seiner Karriere bei einer Podiumsdiskussion mal recht zuversichtlich gestimmt war, dass „in zwanzig Jahren niemand mehr den Namen Friedrich Schiller“ kennen würde. (Jetzt sind es sogar nur noch fünfzehn!) Das ist andererseits aber auch das Schöne, dass jede Generation sich immer wieder von Neuem hinstellt und verkündet: Schaut mal her, Leute, wir haben etwas Großartiges erfunden, es ist ein RAD!

Peter Brook hat das Theaterrad auch neu erfunden. 1972 war das, als er seine experimentelle Forschungsreise durch die Sahara Westafrikas unternahm. Er wollte mit seiner Pariser Truppe, die damals bereits berühmt war, herausfinden, wie maximal reduziert Theatermittel sein können. Und ob es so etwas wie eine Universalsprache des Theaters geben könnte, sodass alle Menschen auf der Welt sie verstehen. Sie wollten einen Teppich ausrollen und losimprovisieren, so hatten sie sich das überlegt. Die erste Demutserfahrung ihrer „Forschung“ war dann gleich der Denkfehler, Theater wäre auf der ganzen Welt dasselbe.

Peter Brooks Theater des leeren Raums

Die Menschen, denen sie dort etwas vorspielen wollten, kannten gemeinsames Singen, Tanzen und Erzählen, aber kein Ich-spiele-was-und-du-schaust-zu. Der Teppich der Europäer wurde gestürmt von Leuten, die unbedingt mitmachen wollten bei dem Spiel, was wiederum Brooks DarstellerInnen (darunter auch die junge Helen Mirren) zutiefst kränkte und im Anschluss zu einigen Nervenzusammenbrüchen führte. Miterlebt und aufgeschrieben hat das alles der amerikanische Kritiker John Heilpern, nachzulesen ist es in dem tollen Buch Die Konferenz der Vögel. Die Geschichte von Peter Brook in Afrika. Der einfache Teppich als Ort der Handlung ist in vielen Inszenierungen von Peter Brook geblieben nach dieser Reise, die als Wendepunkt in seinem Schaffen gilt. Als Zauberer wird er bezeichnet, weil er eine nahezu asketische Form von Theater entworfen hat, bei dem das hauptsächliche Erleben im Publikum selbst stattfindet, in dessen sinnlicher Einbildungskraft. Beschrieben hat er seine Vision in dem Theorie-Klassiker Der leere Raum, den jeder theateraffine Mensch, der was auf sich hält, im Regal stehen hat.

Ich male mir aus, dass in einigen Jahren jemand das „klimaneutrale Theater“ erfindet. Da hieße es dann: Mensch, man müsste einfach mal nur einen Teppich ausrollen, mehr nicht, alles Unnütze weglassen, irgendwie. Theater in einem leeren Raum stattfinden lassen und alles spielt sich in den Köpfen der Leute ab, wie krass wäre das denn?

Und wie schön wäre es, wenn sich dann doch noch jemand erinnert und sagt: Das gab es doch schon, das ist doch Peter Brook. Ich würde es seinen Ideen wünschen, denn wer weiß, vielleicht ist sein Theater ja nur vermeintlich vergangen, vielleicht hat er uns ja tatsächlich das Theater der Zukunft geschenkt.

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