Hat Wolfgang Thierse recht?

Wir-AGs Gefährden radikale Forderungen von Minderheiten den „gesellschaftlichen Zusammenhalt“? Ja, meint der blinde Pfarrer i. R. Helmuth Zedlitz

Zum Wesen einer Hauptsache gehört es, dass möglichst viele sich darum kümmern, es wahrnehmen und vielleicht auch wahr machen. Es kommt auch vor, dass eine Sache sich so lange aufbläht, bis sie eben zur Hauptsache wird. Die Medien tragen ihren Teil dazu bei. Auch ich gehöre einer Minderheit an. Ich bin blind seit Geburt, nunmehr 84, habe in verschiedenen Städten gelebt, und ich habe drei Kinder.

Welche Bedeutung hat meine Blindheit in meinem Leben gehabt? Ich hatte und habe mit ihr zu leben, und doch hat sie mich nicht daran gehindert, mitten in der Gesellschaft zu leben. Anders gesagt: Ich wollte nicht, dass meine Blindheit zur Hauptsache wird, dass sie demnach mein ganzes Leben bestimmt und dass jeder nur sie von mir zu sehen bekommt. Natürlich ist sie, meine Blindheit, zunächst einmal das Augenfälligste, vor allem dann, wenn ich den Stock trage. Das aber bedeutet nicht, dass ich nur daraus bestehe! Einmal deutlich gefragt: Was ist von mir, was ist von uns allen zu sagen? Ist es nur und ausschließlich die Blindheit, ist sie unsere einzige Eigenschaft?

Warum mir diese Frage so wichtig ist? Wenn Blindheit, wenn Behinderung zur Hauptsache wird, stehen wir der übrigen Gesellschaft gleichsam als Andere gegenüber und erwarten von ihr, dass sie uns gerecht wird, dass sie möglichst viele, wenn nicht alle Forderungen erfüllt, die wir an sie haben. Wir sind aber ein Teil dieser Gesellschaft, was bedeutet, dass wir auch zu geben haben und nicht nur zu nehmen. Ja, ich erwarte jeden Monat den Nachteilsausgleich, der mir zusteht. Aber: Hat nicht die Gesellschaft, haben nicht meine Gesprächs- und sonstigen Partner das Recht, auch von mir etwas zu erwarten? Im Beruf gilt das sowieso, aber es gilt auch darüber hinaus. So wenig, wie wir es ertragen, dauernd auf unsere Blindheit festgelegt zu werden, so wenig gilt auch, uns selber darauf festzulegen, also nur mit Ansprüchen und Forderungen zu kommen. Wir sollten es zum Beispiel den Medien nicht „erlauben“, immer nur die Fordernden zu sein! Wir haben etwas zu sagen in die Gesellschaft hinein, jeder das Seine und wir alle das Unsere. Gerade dann und dort, wo uns andere zu einer Gruppe machen wollen, die für sich allein steht, sollten wir unsere Zugehörigkeit betonen, unsere Zugehörigkeit zum System gleicher Rechte und gleicher Pflichten, unsere Zugehörigkeit zu dieser Gesellschaft. Dazu dient ja der Nachteilsausgleich, damit wir diese Rechte wahrnehmen können. Das heißt aber auch, dass ich Rechte anderer als gleichwertig betrachte. Und wenn sie in Konflikt mit meinen Rechten kommen, muss ein Konsens gefunden werden. Ein Beispiel: Für uns Blinde wird der künftige Verkehr mit den selbstfahrenden Autos ein großes Problem werden, denn man hört sie nicht. Sollen wir also auf ein Verbot drängen? Ich denke nicht, dass ein so radikaler Schritt gut wäre. Eine Lösung muss freilich gefunden werden.

Welche Kräfte werden bei uns die Oberhand gewinnen? Mit Wolfgang Thierse hoffe ich, es sind jene Kräfte, die das Leben unseres Gemeinwesens nähren und fördern. Die zentripetalen Kräfte sollten dagegen schwinden, vor allem auch angesichts der künftigen großen Menschheitsaufgabe, angesichts also des Klimawandels, der keine noch so lautstarke Gruppe, überhaupt keinen von uns auslässt.

Info

Lesen Sie hier das Contra-Argument des queeren Schriftstellers Donat Blum zu diesem Debattenbeitrag

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06:00 21.03.2021

Ausgabe 37/2021

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