Hau drauf und Schluss

Literatur Daniel-Pascal Zorn spürt der Gewalt nach – und findet sie überall
Hau drauf und Schluss
Maskierte Gewalt? Fans des Karlsruher SC verdecken während einem Spiel ihre Gesichter als Widerstand gegen eine Kamera-Gesichtserkennung

Foto: Imago Images/Stockhoff

Gewalt ist da als Machtmittel am wirksamsten, wo sie ausbleibt. Wird sie ausgeübt, schränkt sie Handlungsspielräume nämlich radikal ein. Als letztes Mittel muss Gewalt so lange ausgeübt werden, bis sie ihre Ziele endlich erreicht hat. Das setzt die Macht selbst unter Zwang. Demokratien bevorzugen daher alternative Machttechniken, um ihre Bürger zu disziplinieren – Überwachungsapparaturen etwa, die den Ausbruch von Gewalt verhindern und staatliche Eingriffe erübrigen sollen. Sanktionen sollen der Selbstkontrolle weichen.

Die Geschichte des Umbaus von Machttechniken zugunsten der Tabuisierung roher Gewalt ist oft erzählt worden. Daniel-Pascal Zorn greift sie erneut auf. Er geht von einer grundlegenden Verwandtschaft zwischen Gewalt und Geheimnis aus: Denn Gewalt muss sich verbergen. Physische Gewalt stellt für Zorn dabei nur eine Sonderform dar, zu der andere Formen der Gewalt in einem negativen Abhängigkeitsverhältnis stehen. In dem Maße, in dem sie zurückgedrängt werde, brächen sich andere, weniger offensichtliche Formen Bahn. Meinungsfreiheit – als Abwehr staatlicher Gewalt –, ermögliche neue, kommunikative Gewalt.

Die moderne Arbeitswelt kenne heute zwar keine Leibeigenschaft mehr, führe aber, gerade durch flexible Strukturen, zu unbezahlten Überstunden und werde so zur Quelle struktureller Gewalt. Die Freiheit schließlich, sich alles kaufen zu können, habe die Kehrseite, dass „wir“ uns gewaltsam einreden, all das haben zu wollen, „was die Werbung uns verspricht“. Die freie Gesellschaft sei also mitnichten „so frei, wie viele denken“.

Diese wenig mitreißende Binsenweisheit dekliniert Zorn in 28 essayistischen Kapiteln durch, die nach der Empfehlung des Autors „literarisch“ gelesen werden sollen. Mit Darstellungsform und Lektüreanweisung ist das noble Anliegen verbunden, „dass dieser Essay nicht gewalttätig ist und sich auch nicht so liest“. Allerspätestens hier beginnen die Probleme. Zorns Versuch, ein „Bildnis“ vom Geheimnis der Gewalt „in all seinen schillernden Facetten“ zu präsentieren, bleibt nicht dabei stehen, funktionale Äquivalente zur physischen Gewalt in modernen Gesellschaften zu bestimmen. Er weitet den Begriff auf alles Mögliche aus. Weder unterscheidet Zorn Gewalt und Macht, noch differenziert er zwischen Rhetorik, Manipulation, Propaganda, Selbstdisziplinierung, Weltbildern, Mythen oder Ideologien. Gewalt ist „plötzlich überall“.

Aber kann man jede Form von Unfreiheit oder Autorität Gewalt nennen? Sind Zitationspraktiken in der Forschung, philosophische Systeme oder Schönheitsideale wirklich „gewalttätig“? Ist jede Kommunikation, die auf rhetorische Mittel zurückgreift, gewaltsam?

Wer so argumentiert, erklärt die Gewalt nicht bloß zum ubiquitären Phänomen, das sich kaum eingrenzen lässt. Er unterwirft sie auch der Willkür subjektiver Maßstäbe und Gefühlslagen. Zorns Befund, niemand könne dem Gewaltvorwurf entkommen, ist Folge der eigenen Theorie. Es scheint für ihn schlechthin keinen legitimen Standpunkt zu geben, von dem aus jemand gewaltfrei handeln könnte: Unternehme man den Versuch, gewaltfrei zu kommunizieren, so laufe man Gefahr, anderen seine Vorstellungen von Kommunikation „aufzuzwingen“. Ebenso führe jeder Versuch, das „Geheimnis der Gewalt zu lüften“, zu neuer Verschleierung, ergo Gewalt. Zorns Lösung, um diesen „Teufelskreis“ zu durchbrechen, bleibt ebenso unbefriedigend. Sie besteht darin, die eigene Gewaltsamkeit anzuerkennen: „Wir sind das Geheimnis der Gewalt. Unsere Bereitschaft, sie bei anderen zu beklagen und sie dennoch selbst einzusetzen, und unsere Fähigkeit, diese Spannung zu überspielen, ermöglichen Gewalt.“

Info

Das Geheimnis der Gewalt Daniel-Pascal Zorn Klett Cotta 2019, 189 S., 20 €

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