Hauchzart

ALLTAG Ein kleiner Streifzug durch die Geschichte des Nylonstrumpfes

Warum stürmten fashionable Ladies am 15. Mai 1940 die amerikanischen Warenhäuser? Was trieb die Fans von Rita Hayworth, Jean Harlow und Vivien Leigh zu Tumulten und Handgreiflichkeiten, die nur durch ein massives Polizeiaufgebot gebremst werden konnten? Well, an diesem Tag gelangten die ersten synthetischen Damenstrümpfe in die amerikanischen Geschäfte, weshalb der "Nylon-Day" in die Annalen der US-Geschichte einging. Obwohl das Objekt der Begierde stolze 250 Dollar je Paar kostete, waren innerhalb von vier Tagen die ersten vier Millionen produzierter Damenstrümpfe ausverkauft.

Unter dem Slogan "Ein besserer Faden für ein besseres Leben" wurde Nylon auf der New Yorker Weltausstellung 1939 von der Weltfirma DuPont präsentiert. Ein alter Menschheitstraum - nämlich unabhängig von der Natur in ausreichender Menge Textilien produzieren zu können - war in Erfüllung gegangen. Die gewählte Produktbezeichnung "Nylon" wurde scherzhaft als Abkürzung für "Now you lousy old Nipponese" interpretiert; ein Signal des geplanten Krieges mit Japan?

Etwa zur gleichen Zeit arbeitete die IG-Farben-Tochter ACETA in Deutschland an der Entwicklung einer neuen Kunstfaser, bei deren Entdeckung der Zufall eine entscheidende Rolle spielte. Der Forschungsleiter Paul Schlack hatte am Abend des 29. Januar 1938 den chemischen Ausgangsstoff Caprolactam angesetzt und auf 240 Grad erhitzt. Über Nacht verwandelte sich die chemische Suppe durch Polymerisation in die außerordentlich reißfeste und hochelastische Faser namens "Perlon", die als "Reichspatent 748253" strengster Geheimhaltung unterlag. Als die DuPont-Direktoren im Sommer 1938 zu Lizenzgesprächen nach Berlin kamen, war das Staunen über das Konkurrenzprodukt groß. Da Perlon und Nylon von ihrer chemischen Struktur her fast identisch und für die Kundinnen nicht zu unterscheiden waren, einigten sich die beiden Chemieriesen schnell: Sie tauschten die Formeln und Patente aus und setzten ein Vertragswerk auf, das die Aufteilung der Märkte regelte.

Im Sommer 1938 stolzierten also die ersten Berlinerinnen in transparenten Perlonstrümpfen über den Ku´damm, doch bevor die Damenwelt von der neuen Strumpfmode richtig Besitz ergreifen konnte, verschwanden diese aus den Regalen - die Kriegswirtschaft brauchte das Perlon für Fallschirme, Flugzeugreifen, Pistolengriffe und Moskitonetze. Textilien gab es nur mehr auf Bezugsschein. Schadhafte Kleidung musste möglichst lange repariert werden. Von Damenstrümpfen wird berichtet, dass das mehrmalige Stopfen an Ferse und Fußspitze sogar beim Gehen Schmerzen verursachte. Nicht zuletzt deshalb griffen die Frauen in wärmeren Jahreszeiten lieber zu Söckchen oder färbten, um Kunstseidenstrümpfe vorzutäuschen, ihre Beine mit Kaffeesatz oder Kaliumpermanganat und zogen mit dem Augenbrauenstift eine Strumpfnaht.

Der Versorgungsnotstand hielt auch in den unmittelbaren Nachkriegsjahren an. Über Bezugsscheine wurden Flüchtlinge und Ausgebombte mit dem Nötigsten - also auch mit Textilien - versorgt. Gefragt war die Kunst der Improvisation, um alte Fallschirme, Zuckersäcke und Wehrmachtsuniformen in Blusen, Kleider und Damenhosen zu verwandeln. Dabei sahen die Frauen, wie bei der Autorin Ursula von Kardorff nachzulesen, "aus wie Streichhölzer, so dünn; unsere Kleider waren immer noch kniekurz und vor den Strumpfleitern (Laufmaschen), mit fehlfarbenem Garn und dem Fleiß Penelopes immer wieder hochgezogen, bekamen die Männerblicke etwas Resignierendes."

Das Ende nationalsozialistischer Schreckensherrschaft ging auch mit der Abwicklung der IG Farben und der Demontage ihrer Fabrikanlagen einher. Während sich die führenden Manager vor dem Nürnberger Militärgerichtshof verantworten mussten, starteten die amerikanischen Nylons ihren Siegeszug durchs zerbombte Europa. "Nylon war ab 1945 keine Marke mehr, es war ein Nimbus" schreibt der Spiegel in den fünfziger Jahren. Die amerikanische Kunstseide war über Bezugsscheine nie - auf dem Schwarzmarkt nur sehr teuer erhältlich und wurde neben Zigaretten, Chewinggum, Konserven und Schokolade zur Ersatzwährung. Die meisten Nylontextilien kamen durch amerikanische Care-Pakete in weibliche Hände. Manche Frauen gelangten auch über Liebesdienste für US-Soldaten an die begehrte Ware. Dass sich bis heute der Mythos der "Nylon-Prostitution" in der Geschichtsschreibung und Literatur so hartnäckig hält, ist vermutlich jedoch auf eine eher männliche Sichtweise zurückzuführen.

1950 startete in Deutschland die Produktion von Perlonstrümpfen, die man, weil der Name sich durchgesetzt hatte, weiterhin als "Nylons" bezeichnete. Hergestellt wurden sie an Flachwirkstühlen, wo das Arbeitsstück in Form gebracht und anschließend an der Wadenseite zusammengenäht werden musste. Die berühmten Nahtstrümpfe waren anfangs nicht elastisch genug, um sich jeder Beinform anzupassen. So legte man zunächst genormte Größen fest. Um das "Normalbeinmaß" zu ermitteln, startete der Strumpfhersteller ARWA im Oktober 1951 seine größte Marktanalyse. Rund 100.000 Damen sandten ihre Maße ein, mit dem Ziel deutsche "Beinkönigin" zu werden. Anhand dieser Daten konnte das Durchschnittsbein junger Frauen berechnet und die Strumpfgrößen endgültig festgelegt werden.

Mitte der fünfziger Jahre expandierte der Strumpfmarkt gewaltig. Damals verbrauchten westdeutsche Frauen im Durchschnitt jährlich acht Paar Strümpfe. Mit Blick auf Amerika, wo die Vergleichszahl bereits bei 12 Paar lag, rechneten sich die Hersteller steigende Absatzzahlen aus. Derartige Prognosen scheiterten jedoch am unverwüstlichen Material Perlon, das durch normales Tragen kaum zu verschleißen ist. Einzige Gefahrenquelle waren die berüchtigten Laufmaschen, die die Frauen gewohnheitsmäßig und geduldig stopften. Mit der Erfindung des französischen "Maschenaufhebers" entstanden überall kommerzielle Laufmaschendienste, die für wenig Geld die vergleichsweise teuren Strümpfe reparierten. Um ihren Absatz zu erhöhen, brachten die Strumpf-Produzenten ihrerseits immer feinere und dünnere Beinwaren auf den Markt. "Je dünner, desto eleganter", hieß es in der Werbung und natürlich hatten die ultradünnen Strümpfe den Nachteil, noch schneller kaputt zu gehen.

Die Perlonstrümpfe der Nachkriegszeit hatten sich als Prestige- und Luxusobjekt durchgesetzt, selbst "Durchschnittsfrauen" waren bereit, in neu erwachter Lebenslust einen Teil des mühsam verdienten Einkommens für kunstseidene Strümpfe auszugeben. Zur weiblichen Grundausstattung, die der damals noch gänzlich unbekannte Modeschöpfer Christian Dior bereits 1947 in Paris unter dem Label "new look" vorstellte, gehörten das obligatorische Jackenkleid oder Kostüm, ein sportlicher und ein eleganter Rock, einige Blusen und Pullover sowie das kleine "Schwarze" - ein Kleid von schlichter Machart, das mit einem Schmuckstück, Chiffontuch, Bolero und anderen modischen Accessoires verwandelt werden konnte. Elegante Stöckelschuhe mit Pfennigabsatz oder mit halb-hohen Absätzen rundeten das Bild ab. Auf der Strumpfskala dominierten braun-beige Töne, die mit exotischen Namen wie Muskat, Mallorca, Sioux und Inka, die Kundinnen anlockten.

Nur wenige Frauen hatten für die Mode die passende Idealfigur. Modellierende Büstenhalter und synthetische "Edelformer" mit Perloflex-Stäbchen ließen Fettpölsterchen verschwinden, wobei sie angeblich nur einen "milden Zwang" ausübten. In der Praxis ent-puppten sich die Miederwaren der fünfziger Jahre als gepanzerte Liebestöter.

Die Werbewirtschaft vermittelte das Bild, einer appetitlich hergerichteten Frau. Allerdings herrschte kriegsbedingt ein großer Männermangel! Um so notwendiger war das gepflegte Outfit. Kosmetika, Strümpfe und Kleidung orientierten sich an den Phantasien der zumeist mächtigen und finanziell potenten Männer. Die Filmschauspielerin Olga Tschechowa im O-Ton: "In dem scharfen Existenzkampf der Gegenwart muss sich fast jede Frau der Umwelt im bestmöglichen Aussehen zeigen. Auch sollte uns allen daran liegen, dem Mann unserer Wahl so schön wie möglich zu erscheinen." Von der postulierten Sexualmoral in eine passive und zurückhaltende Rolle gedrängt, galt es den wohlgeformten Körper geschickt in Szene zu setzen, wobei die schlanken Beine gewissermaßen die tragenden Bestandteile bildeten. Hohe Stöckelschuhe und Nylonstrümpfe wirkten als erotischer Blickfang. "Im Hinblick auf den männlichen Zuschauer erwies sich die Strumpfnaht als besonders bedeutsam", schreibt die Kulturhistorikerin Susanne Buck, "denn sie bildete eine klare, optisch abtastbare Linie, die den Blick unwillkürlich nach oben lenkte. Bezeichnenderweise konnte ein Betrachter die Strumpfnähte nur dann in Augenschein nehmen, wenn die Frau von ihm abgewendet und seinen Blicken gewissermaßen passiv ausgesetzt war, wenn sie beispielsweise auf der Straße vor ihm herging und dabei angeblich mit geschlossenen Augen fühlen konnte, wenn sie bewundert wurde."

Die Naht entwickelte sich zum Fetisch der deutschen Strumpfindustrie. Die nahtlosen Strümpfe, die 1958 erstmals auf den Markt kamen, taten die Hersteller als kurzlebigen Modeflop ab. Kostspielige rundstrickende Zylindermaschinen dafür zu kaufen, erschien vielen als Fehlinvestition. Statt dessen importierten sie sogar die ausrangierten Flachwirkstühle aus den USA. Die ökonomischen Folgen waren verheerend und sogar dem Spiegel eine Titelstory wert: "Zahlreiche Fabrikanten waren in der letzten Woche genötigt, große Mengen ihrer unverkauften Ware zu Preisen, die 30 bis 40 Prozent unter den Gestehungskosten liegen, an Warenhausbesitzer zu verschleudern, um ihre leeren Lohn- und Gehaltskassen aufzufüllen. Schuld an diesem Tiefgang ist die Überproduktion von Strümpfen herkömmlicher Art, für die sich die westdeutsche Damenwelt immer weniger begeistert, sie wendet ihre Gunst vielmehr einer Spezies hauchzarter Beinhüllen zu, die im Jargon der Strumpfverkäufer als ›Mannesmann-Strümpfe‹ bezeichnet werden, weil sie nämlich genauso nahtlos sind, wie die weltbekannten Rohre des Düsseldorfer Stahlkonzerns." Dass die Frauen so schnell bereit waren, sich von den männerbetörenden Nahtstrümpfen zu verabschieden, deutet darauf hin, dass ihnen die praktische Handhabung der nahtlosen Strümpfe verlockender erschien als die erotisierende Wirkung auf das starke Geschlecht.

Während noch der Wettstreit um die Naht tobte, wurde in Frankreich die erste Feinstrumpfhose produziert. Mit Zeitverzögerung kam 1960 auch der erste "Strumpf bis zur Taille" in deutsche Geschäfte. Das Kaufinteresse fiel unerwartet gering aus. Unattraktiver, undurchsichtiger Kräuselkrepp konnte mit den edlen, transparenten Perlonstrümpfen nicht konkurrieren.

Den Durchbruch aber brachte der Minirock. Nachdem die neue Mini-Kollektion des französischen Stardesigners André Courrèges ausgerechnet im Winter (1963) präsentiert wurde, war klar, dass der neue Look nur mit Hilfe der Strumpfhosen den ersten Frost überstehen könnte. Schrille Hippy-Mode ersetzte das Idealbild der "vornehmen Lady". Den neuen Frauen passte der Seidenstrumpf im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr, er hatte sich überlebt. Beinahe unbemerkt und mit wenig Wehmut auf Seiten der Frauen vollzog sich der Abschied. Die spindeldünne Twiggy und Barbie-Puppen prägten fortan das Leitbild der neuen Frauengeneration, die statt Büsten-, Hüft- und Strumpfhalter lieber auf Diäten setzte. Anders als die Perlonstrümpfe sind die Strumpfhosen nicht mit erotischen Attributen besetzt und auch für diejenigen, die immer noch gerne Hauchzartes um die Beine tragen, hat die Entwicklung der Chemiefasern die "Urprodukte" Perlon und Nylon längst überholt. So sind die echten Nylons nur noch vereinzelt über Internetanbieter und - wie ehedem - sehr teuer zu erstehen.

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