Hauptsache, das Hirn blinkt

Rituale Die Definition psychologischer und soziologischer Begriffe wird zunehmend Ansichtssache. Großzügige Auslegungen bringen mehr Geld

Rituale sind ein bisschen wie Urlaub in fernen Ländern. Sie sind meist fremd und ziemlich weit weg. Hawaianische Hochzeiten, das traditionell begangene Aschurafest, bei dem sich Schiiten selbst verwunden, oder das Wandlungsritual vom Mädchen zur Frau der indigenen Völker, zum Beispiel. Rituale wie diese sind in unserer Kultur dagegen selten – zumindest erscheint es so.

Umso erstaunlicher, wie rege die Forschung auf diesem Gebiet voranschreitet. Ethnologe Axel Michaels von der Universität Heidelberg beobachtet hierzulande eine zunehmende Fülle von Ritualen. „Rituale sind in modernen Gesellschaften sogar häufiger als in traditionellen Kulturen“, behauptet er, und bezeichnet das gemeinsame Tatort-Schauen, das Schenken einer Rose, die jährlichen Abiturfeiern und das Maibaumaufstellen als klassische Rituale, ebenso wie unsere Hochzeitsfeiern, die Kommunion und Olympische Spiele. Ja, auch die Fußball-WM sei ein einziges Ritual.

Michaels versteht sich dabei auch noch als Verfechter eines engen Ritualbegriffs; andere verleiben dem Begriff noch weit mehr Aktivitäten ein. Birgitt Röttger-Rössler etwa, Ethnologin an der Freien Universität Berlin, erhebt auch die Gute-Nacht-Geschichte zum Ritual. Ihr Berliner Kollege Christoph Wulf aus dem Sonderforschungsbereich „Kulturen des Performativen“ erkennt sogar im Zähneputzen ganz deutlich eine rituelle Handlung.

Von solcher Zerfaserung ist auch Michaels nicht begeistert, denn damit geriete fast jedes Handeln zum Ritual. „Dann wird es schwammig.“ Zudem blüht auch in der Literatur babylonische Sprachverwirrung. Auf der Suche nach tragfähigen Definitionen überformen und erweitern Wissenschaftler auch hier die Begriffe.

Michaels glaubt nicht mehr an eine Einigung: „Jeder kann als Ritual bezeichnen, was er möchte. Menschliches Verhalten kann nicht sauber definiert werden.“ Er selbst erklärt Rituale als förmlich festgelegte Handlungsabläufe, die regelmäßig wiederholt werden. Sie hätten einen „Modus der Überhöhung“, der sich insbesondere in „Bezug auf eine transzendente Welt“ ausdrücke und sie bewirkten eine „Transformation der Teilnehmer des Rituals“.

Routine ist auch ein Ritual

Natürlich ist diese Definition so abstrakt wie unscharf. Sie trifft deshalb wohl auch auf das zu, was Jürgen Häusler in Firmen beobachtet. Der Unternehmensberater in Zürich erkennt zum Beispiel die Präsentation von Marktforschungsergebnissen als Firmenritual. „Die Tür geht auf. Hunderte von Charts. Ein Vierteljahr später wiederholt sich das.“ Managern gegenüber hat Häusler das noch nie als Ritual enttarnt, lieber spricht er von Routine. Erst im wissenschaftlichen Dialog setzt er Routine plötzlich mit Ritual gleich. Häusler hofft auf neue Forschungsprojekte.

Er ist nicht der Einzige, der den Begriff des Rituals nach seinem eigenen Bedürfnis auslegt. Neurobiologin Hannah Monyer aus Heidelberg erforscht Veränderungen im Gehirn, die durch Lernprozesse entstehen. Ohne Lernen gebe es ja keine Rituale. „Rituelles Verhalten muss mit besonderen Gedächtnisstrukturen verbunden sein“, resümiert Michaels.

Solche Hypothesen sollen Forschungsprojekte mit neuer Stoßrichtung rechtfertigen: „Wir wollen die Ritualforschung hinführen zu Methoden der strikt empirischen Wissenschaft, etwa der experimentellen Hirnforschung“, beschreibt es Michaels. Es soll sogar ein eigener Wissenschaftszweig, die Ritualwissenschaft, gegründet werden. So bringt man das Forschung auf Expan­sionskurs – dabei gibt es das Fach längst. Vor 40 Jahren ging sie aus der Religionswissenschaft hervor, als man im Zuge des aufblühenden Tourismus die Rituale fremder Kulturen entdeckte: indische Totenkulte etwa, nepalesische Übergangsriten oder muslimische Hochzeitsfeiern. Die Forschung explodierte. Die Skepsis schlug in Euphorie um. Inzwischen wird der Begriff auf weitere Lebensbereiche ausgedehnt: auf Bildung und Erziehung, auf Therapien, und nun auch noch auf Unternehmen. Und diese Forschung wird auch finanziert.

In der Beliebigkeit liegt aber auch Tücke: Wenn moderne Gesellschaften angeblich mehr Rituale praktizieren als früher, wie lassen sich diese zählen, wenn jeder darunter etwas anderes versteht? „Das lässt sich objektiv nicht prüfen“, räumt Michaels ein. Es gebe eben zu viele Rituale: Begrüßungen, Nachrichten, Feste, auch Diplomatie und das Militär seien voller Rituale. Das meiste davon lässt sich allerdings auch als Symbol für die Zugehörigkeit zu einer Gruppe verstehen. Die Forscher strapazieren den Ritualbegriff über. Der einzige Gewinn: Freiheiten in der Forschung.

Belege aus dem Scanner

Begriffserweiterung ist indes auch auf anderen Forschungsfeldern bewährte Praxis. Psychologen sprechen neuerdings von „komplizierter Trauer“ bei Trauernden, die ohne Therapie nicht mehr aus der Trauer herausfinden. Dem Schweizer Psychologen Hansjörg Znoj zufolge ereilt die Krankheit etwa 15 Prozent der Trauernden. Die kalifornische Hirnforscherin Mary Frances O’Connor konnte in Hirnscans sogar neurobiologische Belege für die Existenz des Leidens finden: Das Belohnungssystem der Betroffenen weicht von dem Gesunder ab, und wie so oft reicht der Scanner-Fund als Beweis dafür, dass es die komplizierte Trauer gibt. Auch den Glauben und das Glück hat man auf diese Weise gefunden. Kein Wunder, dass man nun auch Rituale im Gehirn verorten möchte.

„Komplizierte Trauer“ ist jedenfalls eine neue Diagnose, die gute Aussichten in Forschungsförderung und Medien hat. In George Bonanno regt sich dennoch Widerstand: „Komplizierte Trauer – das ergibt keinen Sinn“, kritisiert der New Yorker Trauerexperte. „Trauer kann eine Depression auslösen. Aber das würde ich dann auch so nennen.“ Der Begriff der komplizierten Trauer verändere dagegen das Verständnis von Trauer an sich. Der negativ besetzte Gefühlszustand wird nochmals abgewertet, während Werbung und Ratgeberliteratur zum unablässigen Glücklichsein missionieren. „Die Funktion von Trauer ist aber, unseren Fokus nach innen zu richten, sich damit auseinander zu setzen, dass zum Beispiel ein Mensch gestorben ist, um über eine schmerzliche Erfahrung hinweg zu kommen“, stellt Bonanno klar. Paradoxer Weise wird das Unvermögen, Trauer als normalen Prozess zu begreifen, oft auf verloren gegangene Riten zurückgeführt.

Auf den Sinn der Rituale, ihre Verbindung zu Emotionen, ihre Bedeutung für Übergänge im Leben, weisen viele Forscher hin, aber als Definitionskriterium für ihre eigene Forschung ziehen sie sie nur selten heran. Im Grunde ist alles ein Ritual, was sich so regelmäßig wiederholt wie eine Fernsehserie oder ein Familienfest. Wo aber sind Übergänge und Emotionen, wenn Weihnachten nur noch Beschenken ist und die Maikundgebung eine Spaßrandale? Irgendwann müssen auch Forscher einesehen, dass wir weniger Rituale haben, als uns lieb ist.

Susanne Donner ist freie Journalistin und Gutachterin für den Wissenschaftlichen Dienst des Bundestags

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12:00 25.07.2010

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