Hauptsächliche Nebensache

Konstruktionsfehler Ein ­Begriff schreibt seine eigene ­Geschichte: Was alles in „Migrationshintergrund“ steckt - und warum es ein Fortschritt wäre, ihn aus dem Sprachgebrauch zu streichen

Der Begriff „Migrationshintergrund“ wird heute vielfach verwendet. In ihm wird die Metapher der Migration durch die Kombination mit der Metapher des Hintergrunds vom tatsächlichen Erfahrungsbezug der bezeichneten Person entkoppelt und stattdessen genealogisch an die Erfahrung eines Vorfahren gebunden. Diese Bindung kann sich an willkürlichen und variablen Merkmalen manifestieren: „Physiognomie“, „Hautfarbe“, „Name“, „Sprache“, „Religion“, „Einstellung“, „Vorlieben“. Sie ist losgelöst von Raum und Zeit, also unabhängig vom Ort der Sozialisation oder der Geburt – und von der Frage, wie lange es her ist, dass ein Vorfahre den permanenten Wechsel des Wohnorts vorgenommen hat.

Zumindest verspricht „Migrationshintergrund“ das semantisch. Eine numerische Schranke vermag das Statistische Bundesamt festzusetzen, indem es etwa in einer Fußnote vermerkt, alle nach 1949 nach Deutschland Eingewanderten und ihre Nachfahren hätten einen Migrationshintergrund. Die Festsetzung bleibt künstlich, von Fußnote zu Fußnote änderbar – wie Politiken und Interessen. Der Begriff selbst, von solchen Festsetzungen vielleicht nicht unbeeinflusst, schreibt dagegen seine eigene Geschichte.

Ein Wort, einmal geschrieben oder gesprochen, kann niemals zurückgenommen werden. Fortan bleibt die Möglichkeit bestehen, dass es in den Sprachgebrauch aufgenommen wird. Mit welchem Sinn es sich dann füllt, zu welchem Begriff es wächst, kann sicher beeinflusst werden – kontrollierbar ist es nicht. Von Mund zu Mund, von Gebrauch zu Gebrauch, in Schule, in Medien, am Stammtisch, auf Vorträgen, unter Freunden, in der Familie wird bei jeder Reproduktion des Wortes sowohl der Begriff als auch der Gegenstand variiert.

Ein gewisser Charme

Einen migrantischen Hintergrund hat so ziemlich jeder Mensch in diesem Land. Auf dieser Bedeutungsebene grenzt der Begriff „Migrationshintergrund“ keine Gruppe ein, ab oder aus: Die Migrationserfahrung der Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern steht im Hintergrund. Sie findet sich nicht krampfhaft thematisiert, widerspricht nicht dem „Deutschsein“ – gleich, wie und von wem dieses mit Inhalt gefüllt wird. So bleibt dem Begriff ein gewisser Charme, weil ihm die Idee eines ursprünglichen Pluralismus innewohnt.

Diese Bedeutungsebene fällt im täglichen Sprachgebrauch jedoch kaum ins Gewicht. Es ist eine gänzlich andere Konnotation von „Hintergrund“, die zum Tragen kommt, den Begriff eine eigentümliche Veränderung durchlaufen lässt: Beschreibt er im wörtlichen Sinne eine Nebensache, nämlich das, was hinter dem Betrachteten steht, meint er metaphorisch eine »erst allmählich erkennbare Hauptsache [oder einen] verborgenen Zusammenhang«, wie es im Deutschen Wörterbuch von Lutz Mackensen heißt. Die Semantik des Wortes verkehrt sich durch die Metaphorisierung ins Gegenteil; die Nebensache wird zu einer Hauptsache.

„Gastarbeiters“ Enkel

Der Hintergrund rückt ins Aufmerksamkeitsspektrum und wird identisch mit dem Vordergrund. Eine Art Quarantänezelle, unmöglich sie zu verlassen. Überspitzt gesagt: Die „Gastarbeiterin“ gebar einen „ausländischen Mitbürger“, dessen Tochter sitzt im „Migrationshintergrund“ fest. Was den „Migrationshintergrund“ von seinen begrifflichen Vorgängern, Gesinnungsgenossen und Wegbegleitern „Gastarbeiter“, „Ausländer“, „ausländischer Mitbürger“ unterscheidet, ist die Idee des Zeitlosen: Im „Migrationshintergrund“ ist das Migrantische von der Migrationserfahrung entkoppelt. Somit ist das Wort – anders als „Ausländer“ und „ausländischer Mitbürger“ – auf den ersten Blick zwar frei von früheren Widersprüchen und klingt zudem sozial erwünscht. Andererseits ist der Begriff permanent gültig, weil davon unabhängig, wie lange es her ist, dass ein Vorfahre eingewandert ist. Die Veränderung der Bezeichnungen scheint eine paradoxe Entwicklung widerzuspiegeln, einen Prozess der Annäherung und gleichzeitigen Konstruktion des „Anderen“.

Von dieser Konstruktion hängt ab, wer unter dem Begriff „Migrationshintergrund“ zu subsumieren ist. Die Publizistin Hilal Sezgin bezweifelt etwa, „dass man bei einem aus den USA stammenden Biochemiker oder einem französischen Kleinunternehmer von einem Migrationshintergrund spricht.“ Geht es jedoch um jene, die einst als „Gastarbeiter“ bezeichnet wurden, dann stehen im „Hintergrund“ der Migration Italien, Türkei, Spanien, Griechenland (auch: Marokko, Tunesien, Portugal, Jugoslawien). Deren Kinder gehören zu denen, die als „Menschen mit Migrationshintergrund“ bezeichnet werden.

In der Kulturszene kam es, wenn es darum ging, Missstände anzufechten und Rechte einzufordern, zu einer starken Solidarität unter den Kindern der einstmaligen „Gastarbeiter“. In einem immer gewichtigeren geopolitischen Kontext wird in einigen Teilen der Gesellschaft der „Migrationshintergrund“ zunehmend bedeutsamer. Anderen wiederum wird „Migrationshintergrund“ zugeschrieben, obwohl – wie beispielsweise bei Afrodeutschen, deutschen Sinti und Roma oder Adoptivkindern aus Korea – weder deren Eltern noch Großeltern eingewandert sind.

Segregationsinstrument

Die soziale Konstruktion „Migrationshintergrund“ ist nicht homogen, und sie ist nicht ungebrochen. Im Gegenteil gibt es viele Menschen und Organisationen, die ihr entgegenarbeiten und versuchen, sich für alternative Positionen starkzu machen. Aus diesem Grund wird das Wort mitunter auch in einem positiven Kontext verwendet – vor allem als Antwort auf seine Negativnutzung. Letztendlich jedoch bleibt es das herrschende soziale Konstrukt, das sich im dominanten Sprechen reproduziert. Erst eine Veränderung beziehungsweise Auflösung der Machtverhältnisse könnte dem Begriff „Migrationshintergrund“ eine andere soziale Funktion zukommen lassen. Bis dahin bleibt er ein soziolinguistisches Segregationsinstrument, mit dem sich die Zugehörigkeit von bestimmten Menschen auf allen Gesellschaftsebenen permanent negieren lässt.

Den Begriff „Migrationshintergrund“ aus dem Sprachgebrauch zu streichen, wäre vermutlich ein Fortschritt, aber keine Lösung. Solange das Konstrukt des „Anderen“ gebraucht wird und das Denken beherrscht, lassen sich beliebig viele andere Worte finden, die die Idee dahinter transportieren. Ein neueres Wort, das allmählich die Funktion von „Migrationshintergrund“ übernehmen könnte, ist „Zuwanderungsgeschichte“. Mit „Geschichte“ gelingt, ähnlich wie mit „Hintergrund“, die körperliche Entkoppelung von der tatsächlichen Migrationserfahrung bei gleichzeitig genealogischer Bindung. Natürlich bringt jedes Wort eigene Konnotationen mit.

Lösungsansätze

„Geschichte“ mag etwas sanfter klingen als „Hintergrund“, beansprucht aber mehr Objektivität. Ein zusätzliches Negationsmoment von Zugehörigkeit offenbart sich im Präfix „zu“. Jemand, der zuwandert, kann auch schnell wieder abwandern, hat es nicht in die Bevölkerung hineingeschafft. Dies zeigt ein sprachlich-gedanklicher Umweg: Das Auswandern beschreibt eine größere Dimension, das heißt, seine Heimat verbindlich verlassen. Anders das Abwandern, das der Zuwanderung vorausgeht. Im Abwandern steckt die latente Unterstellung eines nichtigen Grundes, im zweiten Wort die latente Negation einer Realität: der Einwanderungsgesellschaft.

Zivilgesellschaftlichen Organisationen, vor allem Migranten-Selbstorganisationen, kommt deshalb eine besondere Rolle zu: Ihr Agitationsbereich beschränkt sich längst nicht mehr allein auf Migrationspolitik, hat sich auf Bildung und Partizipation der Nachkommen von Menschen, die einmal Migranten waren, erweitert. Aus diesem Grund müssen solche Organisationen gegen Strukturen und Mechanismen kämpfen, die die Position von Menschen in einer soziokulturellen Hierarchieordnung determinieren – gerade dort, wo sich diese Ordnung im Sprachgebrauch festgesetzt hat. Das fängt bei einer bewussten Wortwahl von Multiplikatoren in Gesprächen und Veröffentlichungen an und kann über Arbeitsgemeinschaften und Projekte weitergeführt werden. Vorbildlich ist in dieser Beziehung die Media-Watch-Seite derbraunemob.de, wo man sich nicht nur Informationen zu bestimmten Begriffen verschaffen kann, sondern wo ein unreflektiertes Sprechen und Schreiben öffentlich kritisiert wird.

Problematischen Sprachgebrauch gibt es zuhauf. Darunter fallen binäre Oppositionen wie „Minderheit“ und „Mehrheit“: Wenn in Berlin 49 Prozent der Bevölkerung aus migrantischen Familien stammen, kann dann wirklich noch von einer Minderheit gesprochen werden? Darunter fällt auch der Begriff „Migrationshintergrund“.

Weg mit ihm.

Gekürzter Vorabdruck aus Wie Rassismus aus Wörtern spricht. Ein kritisches Nachschlagewerk, herausgegeben von Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard. Das Buch erscheint am 24. Juni im Unrast-Verlag.

Deniz Utlu, geboren 1983 in Hannover, erhielt für seine literarischen Arbeiten dieses Jahr das Arbeitsstipendium des Berliner Senats. Zuletzt erschienen seine Prosaminiaturen im Manifest der Vielen (Blumenbar 2011) und Texte über seine Schwarzwaldreise in Der Kuckuck aus dem Uhrwerk (Centaurus 2011)

10:50 28.06.2011

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