Hauptstadtflucht verjährt nicht

Berliner Abende Kolumne

Mit den Jahren wird das Leben einer Durchschnittsautorin ohne eigenes Zutun immer seltsamer. Man wird plötzlich rückwirkend in die Biographien von NobelpreisträgerInnen und anderen Literatur-Stars verstrickt, und ab und an kriegt man eine Mail aus Berlin. Der berühmte Kolumnist M. meldet sich, ein Freund aus alten Tagen, wo man die Welt gemeinsam hasste und sich gegenseitig die Steigbügel zur Himmelsleiter hielt. Ein Highlight für ein Landei wie mich, das mitten in einem schwäbischen Kaff hockt - in einem Erdgeschossbüro, das auf eine Arztpraxis hinausgeht. Von früh bis spät: arme, alte und kranke Menschen. Und fünfmal am Tag läuten die Kirchturmglocken; wenn es eine Trauerfeier gibt, einmal mehr.

Ich habe gerade meine Favoriten für die nächste Beerdigung gezählt, als heute früh eine Mail von M. kam:

Liebe Uta,

wenn Du mal Zeit hast, sag doch, warum Du von Berlin nach Sch. gezogen bist.

A: Wegen eines Mannes

B: Aus Liebe zur Natur

C: Weil es da billiger ist

D: Wegen der Familie

E: Wegen eines Jobs

Buchstabe reicht! Dann weiß ich Bescheid!

Herzlich grüßt M.

Ich war platt. Ich habe nur drei Jahre in Berlin gewohnt, und mein Umzug (oder Rückzug) nach Sch. ist zweieinhalb Jahre her. Die Sache müsste verjährt sein, und das wäre sie auch, wenn es nicht die Hauptstadt gewesen wäre, die ich verlassen habe. Denn offenbar geht M. wie die Mehrheit der Deutschen automatisch davon aus, dass es das Größte ist, in der Hauptstadt zu leben, und dass es nicht an ihr liegen kann, wenn man derselben den Rücken kehrt.

Jeder, der in Berlin lebt, weiß, wie es dort ist. Normalerweise reicht es sogar, früher einmal dort gelebt zu haben, denn entgegen den landläufigen Gerüchten verändert sich die Hauptstadt kaum. Sie ist nahezu resistent gegen jeglichen Wandel, zudem hat sie an vielen Stellen etwas komplett Entlegenes, und somit kann man in völliger Hauptstadtferne im Zentrum der Hauptstadt leben.

So gesehen, hat M. Recht, wenn er nach einer Ewigkeit immer noch haltlos nach den Ursachen forscht. Es ist unnötig, aus Berlin zu flüchten, denn die Umstände, die man dort antrifft, gibt es anderswo auch. In Berlin ist es wie überall. Mit dem einen Unterschied, dass man dort stets etwas erwartet. Anfangs, als ich in der Hauptstadt lebte, war ich voller übertriebener Hoffnung. Jederzeit hätte etwas über die Maßen Beglückendes passieren können ... Bis ich einsehen musste, dass nichts geschieht.

Nun will M. endlich wissen, warum ich damals nach Sch. gegangen bin:

A: Wegen eines Mannes - richtig.

B: Aus Liebe zur Natur - richtig.

C: Weil es da billiger ist - richtig.

D: Wegen der Familie - richtig.

E: Wegen eines Jobs - richtig.

Wahnsinn! Alles trifft zu. M. hat fünf Richtige! Aber wie kann er glauben, dass ein "Buchstabe reicht", und schon weiß er "Bescheid"? Gerade die Punkte A, B und E sind dringend erläuterungsbedürftig! Auch D erweist sich als überaus kompliziert. Einfach ist nur C.

Wie kann M. mit Hilfe von fünf läppischen Buchstaben erfassen, worum es geht? Und wieso meint er dennoch, ich bräuchte "Zeit", um ihm den Grund für den Wegzug zu liefern? Welche tiefere Weisheit steckt dahinter? Vielleicht die, dass ich mich entscheiden soll? Muss ich zwischen A, B, C, D und E wählen? Gut, dann nehme ich E. Ich bin umgezogen, weil es sich auf die eigene Arbeit negativ auswirkt, wenn man die Impulse der andern schließlich nicht mehr begreift.

Zunehmend hat mich am eigentlich stoischen Berlin irritiert, dass ich die galoppierende Aufregung immer weniger verstanden habe. Die Mauer war längst gefallen - worauf warteten die Leute denn noch? All diese phantasierten Auf- und Umbrüche erschienen mir am Ende rabiat befremdlich. Denn die zu Ossis und Wessis verniedlichten Hauptstädter reagierten immer hektischer und hysterischer, weil sie überall Bedeutung witterten. Sie waren sensationsverwöhnt und weigerten sich, das unerschütterlich Gleichförmige ihres wiedervereinigten Daseins hinzunehmen.

Hier auf dem Land weiß ich ziemlich genau, warum mein Nachbar so wenig will und denkt. Ich kenne die Beschränktheit im Dorf. Die jahrhundertealte Erwartungslosigkeit ist das, was ich am Provinzleben genieße. Alles um einen herum wirkt stumpf und berechenbar, nur die Autos auf der Hauptstraße glänzen. Ob M. das kapiert? Wahrscheinlich wird er denken, da fehlt etwas! Genau. Da fehlt Punkt sechs: Buchstabe F.

F: Aus Neugier. Ich bin aus Neugier nach Sch. gezogen, lieber M. Denn dort, wo die eigene Begriffsstutzigkeit mitsamt der ihr zugrunde liegenden Überforderung aufhört, fängt die Poesie des Alltags schon an.


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00:00 05.11.2004

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