Haus am Märkischen Meer

Mosaik Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung"sucht das Große im Kleinen

Die Ouvertüre zu Jenny Erpenbecks neuem Roman handelt vom Eis, das sich vor etwa dreißigtausend Jahren durchs Märkische schiebt, einen See hinterlässt, der später "Märkisches Meer" oder Scharmützelsee heißen wird "Dann wurde es nach und nach still, und das Eis begann seine Arbeit, den Schlaf." Es ist eine furiose poetische Eröffnung. Der Leser weiß sofort, dass alles Folgende, was im Kleinen beschrieben ist, das Große und Ganze meint.

Vorab: der Roman hält, was er mit der metaphorischen Höhe des Anfangs verspricht: die Doppeldeutigkeit der Heimsuchung, die ein schweres Unglück bedeutet und ebenso auf jene neutestamentarische Geschichte zielt: nachdem Maria vom Engel verkündet wurde, dass sie einen Gottessohn gebären würde, besuchte sie das Haus der schwangeren Elisabeth, welcher vor Freude über den göttlichen Gruß das Kind im Bauch hüpfte. Diese "Heimsuchung" ist eine jener Bibelszenen, in der sich große Ereignisse im Häuslichen abspielen. Oder: die Welt im Dorf erfasst, ein literarisches Muster, das besser funktioniert, als jede globetrotterische Allerweltsprosa, die nur Oberflächen bedient.

Die Erzählerin sucht das Haus am See "heim" und erzählt dessen Geschichte, seine Bedeutsamkeit und sein Unglück. So einfach, so großartig. Es ist nicht sicher, ob es für den Roman wichtig ist, zu wissen, dass es dieses Haus wirklich gab, dass es auch die Erpenbeck´sche Familiensaga ist, die abgehandelt wird. Da selten Namen genannt werden, soll es bei dem Zauber der Verschlüsselung bleiben, denn Jenny Erpenbecks Vorzug ist, dass sie zwar von sich, aber niemals Privatprosa schreibt.

In den sandigen Gefilden der Mark Brandenburg spielt die deutsche Geschichte ihr komisch-tragisches Spiel: im Haus am See, das vom Kaiserreich bis ins heutige kapitalistische Makler-Zeitalter vor allem Prominentensitz war. Da ist zunächst die Figur des Gärtners, der Zeit übergreifend stets anwesend ist, jedem Hausherrn auf seine Weise dient, aber sich heraushält aus Diskussionen um Welt und Politik. Dabei ist er Kenner des Sees und weiß um dessen tiefliegende Geheimnisse: unterseeische Gebirge, die sich Gurkenberg, Schwarzes Horn, Keperling, Nackliger oder Bulzenberg nennen. Zeitenlos beschneidet der Gärtner die Bäume, bessert aus, erneuert, und wenn es sein muss, hält er Wacht über das Areal der scheinbaren Idylle.

Da gibt es am Anfang den Architekten, dessen Beruf Heimat planen ist, und der ein Haus maßschneidert nach den Bedürfnissen seines Herrn. In der Nazizeit hatte er das Haus jüdischen Tuchfabrikanten abgekauft. Die Juden wurden vergast, das Haus ging ans Deutsche Reich. Glück und Katastrophen verbaute der Architekt Stein um Stein. Er baute vor allem für seine Frau, eine affektierte, verwöhnte und in ihrer Einsamkeit tragische Figur. Als 1945 die Sowjetarmee dem Nobelbau nahte, versenkte der Architekt seine Wertsachen im See und vergrub sie im Garten. Für die junge DDR kaufte er (weil es im Osten keine gab) im Westen Schrauben von seinem privaten Geld, weil er das Plansoll erfüllen musste. Der Baumeister wurde deswegen aus dem Land gejagt ...

Nach dem zweiten Weltkrieg belagerten das Haus die sonderbarsten Menschen, zum Beispiel Rotarmisten, die in ihrer Zerstörungswut dem Motto folgen: Je reicher die Häuser, in denen sie Quartier machen, desto mehr wird geschissen, als müsse auf diese Weise irgend etwas, das aus dem Lot ist, wieder richtig gerückt werden. Jenny Erpenbeck schildert auf drastische Weise die Vergewaltigung eines Soldaten, der eine deutsche Frau im Kleiderschrank gefunden hatte. Atemstockend liest man jene Szene, aber fragt sich bald: wer ist wer bei diesem grausig-lustvollen Vorgang, und die Frage nach irgendeiner Schuld stellt sich als eine historische.

Später wohnte im Haus am See eine Schriftstellerin, die als Kommunistin unter den Nazis in die Sowjetunion emigriert und nun zusammen mit ihrem Mann zurückgekehrt war. I-c-h k-e-h-r-e h-e-i-m tippt sie in ihre Schreibmaschine, aber diese Heimkehr hat etwas unechtes, befremdliches: Eine Kommunistin, die den Arbeitsalltag der Arbeiter beschreibt, lebt in einem großbürgerlichen Haus mit Gärtner und Köchin, weit weg von jeder Realität. Die Sehnsucht der Schriftstellerin nach wirklicher Heimkehr erlag den Zwängen des politischen Systems, der wachsenden Verzweiflung, dem Selbstbetrug, den sie und ihr Mann sich nie eingestehen konnten. Damals haben sie das Schweigen gelernt, und dieses Schweigen war nach allen Entbehrungen das größte Geschenk an ihren Traum, der so groß blieb, dass jeder einzelne Genosse ganz allein war, wenn er darin umherging. Man hat wohl kaum jemals etwas so genaues, dem Irrtum und Verrat des Kommunismus "gerecht" werdendes gelesen, wie in diesem von Erpenbeck verfassten Kapitel über die Schriftstellerin (ihre Großmutter). Keine renitente Besserwisserei, kein überhebliches Aburteilen, sondern ein leiser, ja zärtlicher Kommentar zur Katastrophe, die eine ganze Generation betraf.

Im Laufe des Romans verändert sich das Haus. Mit jedem neuen Hausherrn wird es erneuert, bröckelt gleichzeitig, wird ausgebaut, verscherbelt und schließlich vom modernen glazialen Zeitalter der Bodenspekulanten zu Schutt gemacht. Aber das Haus bedeutet immer auch Heimat und somit Lebensraum.

Die Heimsuchung der Jenny Erpenbeck ist eine faszinierende Außen- und Innenschau von Landschaft, Ereignissen und Personen, die dem literarischen Mosaik, aus dem wir Geschichte erfahren können, viele wichtige Steine hinzugibt. Kommentarlos dringt sie in die Tiefe ihrer Figuren. Wie Kleist oder Büchner hat sie den gerechten Blick, der noch aus den abgründigsten Wesen rührende Gestalten entstehen lässt. Erpenbecks Stil ist reif, klar, sinnlich, direkt, poetisch, ohne Ambitioniertheit. Komik, Tragik und Spannung heißen die Säulen ihres literarischen Bauwerkes. Kein Wort ist zu viel, nichts ausgespart, was wichtig wäre. Man merkt der 1967 geborenen Autorin das innere Drängen an, erzählen zu müssen. Das ist rar in der jungen deutschen Literatur, die so oft nicht weiß, wohin sie sich wenden soll. Jenny Erpenbeck hat in ihrem Roman nichts gesucht, sie hat gefunden. Nicht nur deswegen ist Heimsuchung mehr als nur lesenswert.

Jenny Erpenbeck Heimsuchung. Roman. Eichborn Berlin, Berlin 2008, 191 S., 17,95 EUR

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