Haus des Lebens

Alltagswelt Deborah Levy schafft mit ihrer Prosa neuen Wohnraum für Frau und Mann
Haus des Lebens
Als ihre Ehe zerbrach, zog Deborah Levy samt Töchtern in einen heruntergekommenen Wohnblock im Norden Londons

Foto: dpa

Wo hört das Private auf, ab wann verwandelt es sich in Literatur? Mit anderen Worten: Worin liegt die Faszination dieser intimen Alltagsbeobachtungen, die eine über 60 Jahre alte Autorin in ihrer Autobiografie anstellt? Weil eine der hochkonzentrierten Episoden dieses analytischen Memoirs davon erzählt, wie Deborah Levy ihre krebskranke Mutter, die nicht mehr essen oder trinken kann, mit Eis am Stiel in den Tod begleitet – genau wie man einst selbst? Weil man auch als Mann mit fast 50 ähnliche Zweifel und Ängste hegt, wenn plötzlich das Leben aus den Fugen geraten ist, und man es mit dem unabdingbaren Mörtel der Vergangenheit neu verfliesen muss? Oder weil man – ganz banal – die schwärmerische Griechenland-Liebe mit der dreimal für den Booker Prize nominierten britischen Autorin teilt?

Ihr Feminismus ist subtil

Solch eine identifikatorische Lesart entzöge sich der Komplexität dieses nunmehr auf einen dritten Band angewachsenen autobiografischen Projekts, das mit Was ich nicht wissen will (2013) begann, mit Was das Leben kostet (2018) weitergeführt und nun mit Ein eigenes Haus vorläufig komplettiert wurde. Levy macht das Private auf eine geheimnisvolle, oftmals surreale Weise zu etwas Universellem, auch weil man ihrem autofiktionalen Ich nicht so leicht auf die Schliche kommt. Dass Levy – stilistisch gesehen – leicht daherkommt, trügt. Erst beim Lesen merkt man, wie langsam und vorsichtig man durch die Seiten hindurchkriecht. Ein Pageturner ist genau das Gegenteil dieser drei Teile, die zusammengenommen weniger als 500 Seiten ergeben. Also nicht einmal einen Band ihres berühmten männlichen Autofiktionskollegen Karl Ove Knausgård füllen würden. Gleichwohl behandelt die 1959 geborene Levy auf ihre Weise genau die Themen, die auch den Norweger umtreiben: Sterben, Leben, Lieben, Spielen, Kämpfen oder Träumen.

Levy wuchs im Südafrika der Apartheid auf, wo ihr Vater, ein Mitglied des Afrikanischen Nationalkongresses, vier Jahre als politischer Gefangener in Haft musste; er wurde freigelassen, als Levy neun Jahre alt war. Die Familie zog 1968 nach England. Von Herkunft, Identität, von Frauen, die kein Zuhause haben und nicht wissen, wo sie es suchen sollen, handelt der erste Teil ihrer Autobiografie, eine spielerische Replik auf George Orwells Essay Warum ich schreibe. Dort notiert er, „dass meine Bücher immer dann leblos geworden sind, wenn ihnen eine politische Absicht fehlte und ich mich in gedrechselte Passagen, nichtssagende Sentenzen, schmückende Beiworte und ganz allgemein in Geschwafel verlor“.

Levy befolgt dieses Dogma auf ihre Art, vermeidet aber das ausdrücklich Politische. Ihr Feminismus ist subtil, auf humanistische Weise hinterfragt sie ständig patriarchalische Gesellschaftsstrukturen: „Den Mund aufmachen, das heißt nicht lauter sprechen, es heißt: sich das Recht nehmen, einen Wunsch zu äußern.“ Expliziter wird Levy nur in Interviews: „Wenn das Patriarchat das Haus ist, dann sollten wir es niederreißen und neue Häuser errichten“, sagte sie jüngst.

In ihren Zwanzigern begann Levy (ihre Werke erscheinen auf Deutsch bei Aki, Hoffmann & Campe, KiWi, Kampa und bei Wagenbach) zu veröffentlichen: Romane, Theaterstücke, Gedichte, Short Storys. Sie heiratet und bekommt zwei Töchter. Als sie auf die 50 zugeht, zerbricht ihre Ehe. Das herrschaftliche Haus der Familie wird verkauft, sie zieht mit den beiden Töchtern in einen heruntergekommenen Wohnblock im Norden Londons. Die Kinder gehen langsam ihre eigenen Wege. Davon handelt der zweite Teil der Autobiografie. Was wird jetzt aus dem Rest ihres Lebens? Kann Levy ein neues Zuhause, eine „Im(aginär)mobilie“ schaffen, und was für ein Haus würde das sein, in dem nur eine einzige Frau lebt? Dies wiederum sind die Fragen, die sie in ihrem neuen Buch Ein eigenes Haus stellt, dessen englischer Titel Real Estate viel mehr Raum für wortspielerische Assoziationen lässt: „Man ist immer irrealer als die anderen“ war etwa rückblickend das Motto von Was das Leben kostet, es stammt von ihrer Lieblingsautorin Marguerite Duras.

Dass Levy ständig Zitate wegweisender Autor*innen einstreut, wirkt zunächst enervierend, aber jedes Zitat ist genau platziert, ergänzt die Gedanken. Diese Technik wendet Levy nicht in ihrer fiktiven Welt an. Etwa in ihrem durch Zeit und Raum springenden Roman Der Mann, der alles sah. Die Geister der Vergangenheit hüpfen auf dem berühmten Zebrastreifen in der Londoner Abbey Road herum, durchstreifen das Ost-Berlin des Jahres 1988, um ins Brexit-Großbritannien zurückzukehren. Levy stiftet gern Verwirrung: Schwimmt da die Leiche eines Bären im Pool? Nein, es ist eine Jane-Birkin-hafte junge Frau, und sie ist nicht tot in dieser sommerlich flirrenden Côte-d’Azur-Novelle Heim schwimmen. Leidet die herrschsüchtige Mutter in der spanischen Sommerhitze an einer Lähmung ihrer Beine, oder ist es Einbildung? Darum geht es in der eindrucksvoll beschriebenen Mutter-Tochter-Beziehung in Heiße Milch. Man sollte Levys (auch sehr witzige) Prosa am besten mit ihrer Autofiktion zusammen lesen. Die mit Symbolkraft aufgeladenen Bilder überschneiden sich wie in Wachträumen mit Levys Alltagswelt.

Die Kinder versorgen

In all ihren männlichen Figuren – das sagt sie inmitten des unaufhörlichen Zirpens der Grillen auf Hydra in einem Interview (zu sehen auf der Kampa-Verlagsseite) – stecke auch ein Teil von ihr. Klar, auch sie bewegen sich in den begrenzten Möglichkeiten des Lebens. Der Unterschied beginnt in der Realität: „Ich musste schreiben, um meine Kinder zu versorgen, und ich musste alles Schwere selber schleppen. Freiheit ist nie umsonst. Wer je um Freiheit gerungen hat, weiß, was sie kostet“, heißt es einmal. Oder prägnanter: „Ich war die Frau. Ich war der Mann.“

Ein eigenes Haus Deborah Levy Barbara Schaden (Übers.), Hoffmann und Campe 2021, 224 S., 24 €

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06:00 08.12.2021

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