Hausautor:innen

A–Z Würden unsere Autorinnen und Autoren nicht längst für uns schreiben, wir würden sie zu uns holen. In unserem Wochenlexikon stellen wir ihre jüngst erschienenen Bücher vor
Hausautor:innen

Foto: Alex Welsh/NYT/Redux/laif

A

Aua Die Fähre versinkt nicht einfach, sondern verschwindet spurlos. Infolgedessen schwärmt Militär aus und Judith, die mit dem Schiff verschwunden wäre, wäre nicht ihr Ticket geklaut worden, versteckt sich vor suchenden Hunden in einer Höhle. Dann geht sie zu Fuß von Bratislava nach Wien zurück, immer im Wald, so auch durch den Auwald, der dem Roman von Jana Volkmann (Verbrecher Verlag) den Titel gibt. Ein Ort, der wehtut, fällt der Tischlerin zum Namen des Waldes ein. Sie spielt überhaupt gern mit Worten. Aus den Donau-Auen macht sie die Donauau. Zurück in Wien, findet sie den totalsten Lockdown vor. „Alles steht still hier, alles liegt auf der Lauer.“ In der Verlagsankündigung heißt es, das sei doch keine Katastrophe, vielmehr „für Judith die beste Gelegenheit, von vorn anzufangen“. Mit einer Lin hatte sie zusammengewohnt und sich schon erinnert, wie wichtig es sei, beim Abbruch von Beziehungen der Partnerin zuvorzukommen. Man liest das gern mehrmals. Michael Jäger

B

Beziehungen Auf Deutsch, dieser Sprache für Massenmorde und Kleingartenverordnungen, kann man nicht über Sex und Liebe schreiben, heißt’s ja oft. In Wie man mit einem Mann unglücklich wird (mikrotext) gelingt Ruth Herzberg der Gegenbeweis. Sie macht sich frei vom Krampf, das Korrekte sagen zu wollen, denn in den Köpfen der Verliebten gibt es ohnehin nur Falsches und Fieber: „Du bist wie die Dritte Welt, hat ein Kumpel neulich zu mir gesagt. (…) Das hat mich getröstet. Es gibt ja auch Leute, die gern in die Dritte Welt reisen und die sterben dann unter ungeklärten Umständen (...). Deswegen würde ich nie in die Dritte Welt reisen und mit mir auch besser nichts anfangen. Obwohl das eine bodenlose Frechheit und Unverschämtheit ist, denn ich bin eine fantastische Frau.“ Erbarmungslos ehrlich, herrlich wirr und schlau. Nichts passt. So stimmt es. Konstantin Nowotny

C

Corona-Krise Den kritischen Blick noch mal wenden. Eine gängige Rede besagt, dass in dieser Krise – anders als die Virologen – Juristen und Historikerinnen, Soziologinnen und Philosophen kaum zu Wort kommen. Wolfram Ette hört im Deutschlandfunk eine Sendung über „tragische Helden“. Es geht um die vor einem Jahr drohende Triage. Es kommen aber nur die oben genannten Spezialisten zu Wort. ÄrztInnen: Fehlanzeige. „Gab es eine Scheu vor der Konfrontation mit dem Phänomen?“ Der, der so fragt, kennt sich aus mit dem Heldentum der Antike. Wolfram Ette ist in Chemnitz behauster habilitierter Literaturwissenschaftler, aber gerade darum setzt er auf einen Erfahrungsbegriff, der sich freilich auch wieder in den Worten zeigt: „Philologie der Krise“heißt nicht nur ein Kapitel des Buches, das Notate versammelt, die er und die Germanistin Anne D. Peiter, die auf La Réunion lebt, geschrieben haben, „Philologie der Krise“ hätte man auch dieses Buch überschreiben können, hätte ein anderes Wort nicht eine höhere Signalwirkung, und so heißt es nun: Der Ausnahmezustand ist der Normalzustand, nur wahrer (Büchner). Michael Angele

H

Herkunft Weg war sie nie, die Klassenfrage. Sie wurde nur vernebelt von der politischen Suggestion einer viel beschworenen „Mitte“, die vom Unternehmenserben bis zum schlecht bezahlten Paketboten reichen sollte. Dass Klassismus wieder in den Blick gerät, ist Büchern wie Klasse und Kampf (Ullstein) zu verdanken. Herausgegeben haben es unser Autor Christian Baron und Maria Barankow. „Es gibt Kindheiten, die einem keine Chance lassen“, ist nur einer der Sätze, die sich einbrennen. 14 Autorinnen und Autoren wie Arno Frank, Sharon Dodua Otoo oder Clemens Meyer erzählen, wie es ist, arm zu sein. Dieses Buch ist eine Klasse für sich und Armutszeugnis für ein reiches Land wie dieses. Martina Mescher

I

Influencer Nur 640 Zeichen für dieses geniale Buch, ein Graus! Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt betreiben nicht nur den Podcast Wohlstand für alle, sie schreiben auch für den Freitag; mit ihnen finden zwei der wachsten Geister der Gegenwart Platz in diesem A – Z. In Influencer. Die Ideologie der Werbekörper (Suhrkamp) sezieren sie eine das Leben vor allem junger Menschen durchdringende Sozialfigur des Spätkapitalismus ( Leben); klarer und kritischer hat bisher niemand auf die Influencer geblickt. Gingen wir mit der Zeit und den letzten Zuckungen des neoliberalen Kapitalismus, wir müssten Ole und Wolfgang als Influencer für den Freitag gewinnen. Sebastian Puschner

K

Klassiker Eine phänomenale verlegerische Leistung gehört 1990 zur Schlussbilanz der DDR, erbracht durch die Autoren und Lektoren des Aufbau-Verlages. Dem sind von 1945 bis 1990 gut 8.800 Titel mit 125 Millionen Exemplaren zu verdanken. Dass sich die Treuhand auch an diesem Unternehmen vergreifen will, spricht für sich. Dem Hamburger Literaturwissenschaftler Konstantin Ulmer reicht in seiner Verlagsgeschichte der Verweis auf die Ignoranz der Abwickler gegenüber den Eigentumsverhältnissen bei Aufbau, um die gescheiterte Liquidation gebührend zu erinnern. Der Autor möchte dem größten Belletristik-Verlag der DDR gerecht werden, indem er ihm historische Gerechtigkeit widerfahren lässt. Mit Respekt und Gespür für das Anekdotische erzählt Ulmer in Man muss sein Herz an etwas hängen, das es verlohnt (Aufbau)von einem Verlagshaus, das Thomas Mann, Feuchtwanger, Döblin, Remarque und Anna Seghers gewann. Lutz Herden

L

Leben Seit Jahren schreibt Jan C. Behmann reglmäßig in diesem Lexikon. Er beobachtet Szenen, Dialoge, zufällige Alltagswunder. Er fragt sich, was wir an Sportlern bewundern, kommt von Jan Ullrich auf George Clooney, betrachtet Glasboxen als Inbegriff des Spätkapitalismus und ist verblüfft, wie akribisch ein Bekannter im digitalen Zeitalter seine amourösen Parallelbeziehungen organisiert. Manchmal fangen Behmanns Texte so an: „Sie glauben es nicht, meine Damen und Herren, aber ...“ Hin und wieder verliert er sich in Universen, denen nur er ernsthaft folgen kann. „Nicht so abdriften“, sagen wir Redakteure, „ist doch Zeitung!“ „Nee, ist Kunst“, erklärt Behmann, der im Hauptberuf Notfallmanager ist. Eine Auswahl seiner Glossen, die zwischen 2018 und 2020 im Freitag erschienen sind, hat er nun selbst zusammengestellt. Was bedeutet Leben? kam in seinem Eigenverlag, edition: behmann, heraus. Das Cover wurde von der Freitag-Titelgrafikerin Susann Massute illustriert. Maxi Leinkauf

S

Selfmade Timon Karl Kaleytas Roman Die Geschichte eines einfachen Mannes (Piper) berichtet von der Klassenflucht eines Fabrikarbeitersohns, die missglückt. Wobei sein Ich-Erzähler mein Urteil als „absurde Frechheit“ bezeichnen würde; schon morgen, versichert er uns, wird ihm, der zu Großem geboren ist, Fortuna wieder hold sein. Timon gelingt das Paradox, einen versnobten Blick von unten auf unsere Klassengesellschaft zu werfen. Zahnärztinnengatte ist nur eine Option, an der sein Protagonist knapp scheitert. Falls Sie für die 300 Seiten partout keine Zeit haben: Hören Sie den neuen Song seiner Band Susanne Blech, Verschweig mir deine Not. Dass Timon selbst bisher kein Popstar wurde, ist nämlich noch so eine „absurde Frechheit“. Christine Käppeler

T

Technologie Was für Lenin die Wilhelminische Post war, ist für diesen Band Amazon: ein inspirierendes Beispiel für Planwirtschaft. Wenn das überraschend klingt, liegt es daran, dass wir bei hyperkapitalistischen Großkonzernen eben nicht sehen, wie „sämtliche internen Abläufe dieser Logistik-Riesen völlig ohne Marktmechanismen abgehandelt (werden). Produktion, Allokation von Gütern und Arbeitskraft werden koordiniert, das Kapital plant auf grandioser Skala“. Die Autor:innen in dem von Sabine Nuss und Timo Daum editierten Buch Die unsichtbare Hand des Plans (Dietz) beleuchten die real existierende Planung im digitalen Kapitalismus und sinnieren dann darüber, wie Planung Letzteren überwinden könnte. Eine so erhellende wie inspirierende Lektüre. Pepe Egger

U

Ungeziefer Hitlers Verhältnis zu Schäferhunden ist bekannt, und es gab nicht nur eine Blondi. Der von Häftlingen erbaute Zoo, der an das KZ Buchenwald grenzte und der Zerstreuung von Aufsehern und deren Kindern diente, gehört wie die Seidenraupenzucht zu den eher vergessenen Phänomenen einer harmlos erscheinenden „Tierliebe“, denen Jan Mohnhaupt in seinem ungemein spannenden Buch Tiere im Nationalsozialismus (Hanser) nachgeht. Es erzählt von „Herrentieren“ und „Parasiten“ (Kartoffelkäfer!), die jene genuine Rassenlehre sekundierte, die das Volk in „Herrenmenschen“ und „Volksschädlinge“ schied und einen „Reichsjägermeister“ Göring adelte, der auf Menschenjagd ging. Ulrike Baureithel

W

Werk Jemand begeistert sich für das, was eine oder einer hier und da geschrieben/veröffentlicht hat, und ruht nicht, ehe alles Greifbare versammelt, eingeordnet und kommentiert ist. Herausgeber sehen sich gern als Diener am Werk. Sie profitieren davon als nunmehr Herren des Werks, das ihnen in früheren Zeiten schon mal eine Stelle am Hofe einbrachte, später Professur und Autorität – und im Idealfall eine Namens-Verbindung mit dem Werk des andern in alle Ewigkeit. Was aber, wenn Herausgeber zu Angebern werden oder Verhunzern, zu Vormündern oder gar Stalkern? Wenn sie, wie Schlegel und Tieck Novalis nach eigenem Gusto zum Fragmentarier machen, der er gar nicht war? Was ist an Eingriffen erlaubt? Was darf man weglassen? Erika Thomalla hat in Anwälte des Autors (Wallstein) die Geschichte der Werkherstellung durch Herausgaben in allen ihren Facetten seit dem frühen 18. Jahrhundert rekonstruiert – und das mit detektivischer Lust und vor allem in einer Lesbarkeit, die man so manchem Werk wünschte. Erhard Schütz

Z

Zorn Am Ende ist Donald Trump nach seiner Abwahl doch gegangen. Aber sein Wirken als US-Präsident hat es tatsächlich gegeben und man sollte sich weiterhin damit auseinandersetzen. Das tun die Journalisten Paul und Johannes Simon in Eine Welt voller Wut (KVV konkret), in dem sie sich Donald Trump und dem „Ende der US-Hegemonie“ widmen. Dabei geht es weniger um die Person Trump als mehr um die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die das Erstarken seines Rechtspopulismus erst ermöglicht haben. Beide Autoren haben Nordamerika-Studien betrieben, sie kennen sich aus. So ordnen sie etwa das „Phänomen Trump“ in die Geschichte der Republikanischen Partei ein, blicken aber auch auf die weltpolitischen Dimensionen seines Wirkens – in unaufgeregtem, klarem Ton. Nach den vier Jahren Lärm ist das erfrischend. Benjamin Knödler

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06:00 15.05.2021

Ausgabe 18/2021

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