Hausautoren

A–Z Welches Buch verschenke ich bloß zu Weihnachten? Na, einen der hier vorgestellten Titel unserer Autorinnen und Autoren zum Beispiel. Das Wochenlexikon
Redaktion | Ausgabe 51/2015
Hausautoren

Foto: United Archives/Imago

A

Ausstieg Nun ist er also weg, Gregor Gysi hat sich aus der ersten Reihe zurückgezogen. Seine Geschichten, besser gesagt: seine Storys kennt man ja eigentlich. 25 Jahre Talkshowauftritte, Interviews, viele Bücher von ihm, noch mehr über ihn. Da weiß man, was man hat. Und was man nicht mehr hat. Es ist also durchaus bemerkenswert, dass es dem Journalisten Stephan Hebel gelungen ist, in Gysis Anekdotenmaschinerie unbekannte Stellen auszumachen. Aus mehreren Gesprächen ist das Interviewbuch Ausstieg links entstanden. Aber was heißt hier Gespräche? Aus Gregor Gysi sprudeln die Geschichten, und Stephan Hebel steuert den Strom mit klugen Fragen. Und so erfährt man doch noch etwas Neues über Gysi. Vielleicht nicht über den Politiker, aber über den Menschen. „Wissen Sie, ich hasse einfach nicht zurück“, sagt der Mann, der aus allen politischen Richtungen immer wieder heftig angegriffen wurde. Das ist ein starker Satz. Aber nur einer von vielen. Philip Grassmann

Ausstieg links Stephan Hebel im Gespräch mit Gregor Gysi Westend 2015, 219 S., 16,99 €

F

Filmfreundin Angela Merkel hat zum Kino ein unklares Verhältnis. Auf die Frage nach ihrem Lieblingsfilm (➝ Zelluloid) nannte sie bei einer Gelegenheit das spätkoloniale Robert-Redford-Meryl-Streep-Melodram Jenseits von Afrika und bei einer anderen den Angelica-Domröse-Winfried-Glatzeder-Klassiker Die Legende von Paul und Paula. Es kann also gut sein, dass der frühe Satz aus Thomas Knaufs Erzählung Die Nächte der Kanzlerin zutrifft: „Sie mochte Kriegsfilme nicht, eigentlich überhaupt keine Filme.“ Das zu ändern, ist das Programm von Knaufs kleiner Fantasie. Die verordnet der Bundeskanzlerin nämlich eine späte éducation sentimentale durch die Filmgeschichte, angefangen bei einem, wie die Sportreporterin sagen würde, Dreieckerpack von Wolfgang Staudte (Die Mörder sind unter uns, Der Untertan, Rosen für den Staatsanwalt). Der Drehbuchautor Knauf weiß, wovon er schreibt: Das Buch zum letzten DEFA-Film „Die Architekten“, einer desillsuioniert-kritischen Bestandsaufnahme der späten DDR, konnte nur mit Verzögerung verfilmt werden: So viel Macht kann man dem Kino beimessen. Am Ende kam der Film heraus, als die DDR dabei war zu verschwinden. Matthias Dell

Die Nächte der Kanzlerin Thomas Knauf Divan 2015, 160 S., 15,90 €

G

Geld Der Sozialstaat besteht heute aus Anstalten für Arbeitszwang. Die mit der Möglichkeit zu unbegrenzter Geldschöpfung ausgestatteten Privatbanken sind die Diener großer Vermögen. Militärs suchen in ihren Aufeinandertreffen nicht mehr eine Entscheidung, vielmehr ist Gewalt ein gewünschter Zustand, solange er sich für Profiteure wie die Waffenindustrie auszahlt. Investitionen in Waffen sind die letzte sichere Anlage inmitten eines Geldsystems, dessen Kollaps die Technokraten der Zentralbanken nur dadurch aufhalten, dass sie den Vermögenden jeden noch so faulen Wert – Staatsschulden, Bank- und Unternehmensanleihe – gegen die Ausweitung ihrer Zentralbankbilanzen ins Unendliche abnehmen. Stimmen Sie mit diesen, hier zwangsläufig äußerst knapp wiedergegebenen Beschreibungen unserer Gegenwart überein, liebe Leserinnen und Leser? Oder nicht? In beiden Fällen sollten Sie das furiose Buch von Stefan und Ralph Heidenreich lesen. Nicht zuletzt ihrer drei Utopien wegen, die aus jenen mutmaßlichen, unhaltbaren Zuständen hinausweisen. Sebastian Puschner

Forderungen Stefan Heidenreich, Ralph Heidenreich Merve 2015, 136 S., 12 €

K

Kriminell Der Godfather of Krimikritik: Thomas Wörtche. Nun ist Wörtche natürlich kein klassischer Mafioso (➝ Mafia) allerdings hat er die Finger überall drin, wo es um den Krimi geht, als Kritiker für Zeitung und Radio, als Jurymitglied unter anderem des Deutschen Krimipreises. Er findet die Perlen des Genres, vollstreckt sein Urteil bei Trash, wenn der wirklich Müll ist. Penser Polar versammelt Kolumnen, die er für die Gazette des Polar-Verlags geschrieben hat. Mit süffig bösem Witz nimmt Wörtche nicht nur den Krimi aufs Korn oder die Literaturkritik auseinander, er hat ebenso wenig Skrupel, Seiten später begründet das Gegenteil zu behaupten. Weil: Metametatheorien mag er nicht. Sein Steckenpferd ist der Pulp, noir oder hard-boiled, was für ihn letztlich das Gleiche ist, also Krimis, die schnell, vulgär, demokratisch, links, lakonisch, sarkastisch, down to the ground et cetera sind, so wie diese Kolumnen. By the way: Seine Anglizismen sind niemals manieriert. Katharina Schmitz

Penser Polar Thomas Wörtche Polar 2015, 168 S., 12,90 €

L

Links Eigentlich ist es ja eine ganz einfache Rechnung: Wer im Bundestag die meisten Stimmen hat, regiert. Aktuell kommt dabei Schwarz-Rot oder Rot-Rot-Grün raus. Mit dem Unterschied, dass die Aussicht auf einen Machtwechsel mit einem sozialdemokratischen Bundeskanzler extrem unwahrscheinlich ist. Warum ist das so? Warum sind die linken Parteien in Deutschland so zerstritten, dass eher Cem Özdemir zusammen mit Angela Merkel auf der Regierungsbank sitzen wird als Sahra Wagenknecht mit Sigmar Gabriel? Albrecht von Lucke zählt in seinem neuen Buch die Gründe dafür auf: die Oppositionssucht der Linkspartei, die rot-grüne Erblast der Schröder/Fischer-Jahre und überhaupt – allgemeine Bräsigkeit. Einen konstruktiven Vorschlag hat von Lucke auch parat: Linkspartei und SPD sollten sich zusammenschließen. Schräg? Visionär? Auf jeden Fall orginell. Hoffentlich stößt dieses Buch eine Debatte an. Philip Grassmann

Die schwarze Republik und das Versagen der deutschen Linken Albrecht von Lucke Droemer Knaur 2015, 240 S., 18 €

M

Mafia Harsch kritisierte die Krimiautorin und Journalistin Petra Reski neulich im Freitag (47/2015) den Mafiakitsch, für den auch ich mich gelegentlich etwas erwärmen konnte. Ihre eigenen Einlassungen zur Mafia sind völlig frei von Kitsch, aber im Fall ihres aktuellen Thrillers Die Gesichter der Toten zum Glück nicht frei von Spannung, Erotik und subtilen Einsichten: „Wer wissen wollte, wo sich die Verbindungen der Mafia in Deutschland befanden, musste sich nur die Flugpläne anschauen.“ Reski, die in Unna geboren wurde und heute in Venedig lebt, lässt ihre Heldin, die Staatsanwältin Serena Vitale, der Name ist Programm, die ➝ kriminellen deutsch-italienischen Beziehungen ausloten. Im aktuellen Fall geht es um Geldwäsche mithilfe von Windenergieanlagen. Michael Angele

Die Gesichter der Toten Petra Reski Hoffmann und Campe 2015, 320 S., 20 €

Musen Dieses Buch hat mich heute morgen beschämt. Vorn drauf steht weiß auf schwarz und sehr groß: „Am kreativsten bin ich, wenn ich bügle“. Und in der Bahn dann alle so „ähem“. Sie wissen ja nicht, dass dieses Zitat von dem russischen Choreografen George Balanchine ist. Von ihm stammt auch der Satz: „Die Muse küsst mich nach Gewerkschaftsvorschrift.“ Worum ihn alle beneiden dürften, bei denen sie erst nach Stunden der Prokrastination oder dem zweiten Scotch auftaucht. „Herumschildkröteln“ nennt Gerhard Polt das. Diese und 86 andere Details aus dem Arbeitsalltag von Kreativen hat unser Autor Arno Frank mit Mason Currey zusammengetragen, das Spektrum reicht von Dunham bis Doderer. Und wussten Sie, wie der Desktop von Sloterdijk aussieht? („Eine Wiese von Microsoft.“) Christine Käppeler

Mehr Musenküsse Arno Frank, Mason Currey Kein & Aber 2015, 272 S., 16 €

O

Ostdeutschland Es klingt abgedroschen: Gebrauchsanweisung für Ostdeutschland, wo sollte die hinführen? Ich erinnerte mich: Im Band Toskana aus derselben Reihe hatte eine ausgewanderte Deutsche von ihrem Haus mit Blick auf den Olivenhain geschwärmt. Hoffentlich kommen hier nun nicht ausgestorbene Brandenburgdörfer vor und Ostseekurbäder. Aber schnell spürt man beim Lesen: Autor Jochen Schmidt, Jahrgang 1970, sucht keine Klischees, sondern was von der DDR noch übrig ist. Spuren seiner Kindheit: In Sassnitz fahndet er nach seinem alten Ferienlager, einige Bungalows stehen noch. In Schwedt trifft er auf die Industrieanlagen des PCK (Petrolchemisches Kombinat) und einen Künstler, der sein Plattenbau-Jugendzimmer rekonstruiert und kein Geld hat. Auf dem Gelände des VEB Nordbrand Nordhausen stehen lauter Riesenflaschen und in Ferropolis, einem ehemaligen Braunkohlerevier, Eimerketten-Schwenkbagger. Weitersuchen, bitte. Maxi Leinkauf

Gebrauchsanweisung für Ostdeutschland Jochen Schmidt Piper 2015, 240 S., 14,99 €

P

Pop Johannes von Weizsäcker veröffentlicht 2015 nun schon das zweite Album. Das erste erschien im Frühjahr unter dem Namen Erfolg, so nennt von Weizsäcker sich als Solokünstler, begleitet von dem Besten Damenchor Aller Zeiten. In den Erfolg-Songs geht oft es um Männer: Brillenmann, Mausmann, Fachmann, Klaviermann. Warum das so ist, hat von Weizsäcker im März versucht, im Freitag (13/2015) zu erklären.

Jetzt, aufs Jahresende hin, ist The Show Must Go, das siebte Album seiner Band The Chap, erschienen. Die Musiker leben in Berlin und London, und ihr Gitarrenpop klingt auch auf eine sehr schöne Art sehr britisch. Alle Songtexte stehen abzüglich der Vokale auf der Webseite der Band. Das liest sich dann etwa so: „rc lft fr Bl r Brghtn“. The Chap scheinen davon auszugehen, dass Menschen, die sie mögen, oft Langeweile haben. Beethovens 9. im Finale des Songs He’d Rather Die, He’s Getting Ready kann sicher auch so jeder mitpfeifen. Ein lupenreiner Upbeat-Popsong, der den Tod mit einem ungerührten „hello death, hello death“ begrüßt. Der schönste Song, Guitar Messiah, handelt aber wieder mal von einem Mann. Christine Käppeler

The Show Must Go The Chap Lo Recordings/ Indigo 2015

Z

Zelluloid „Er betete New York an, er vergötterte diese Stadt über alle Maßen.“ Mit diesen Worten beginnt einer der berühmtesten New-York-Filme überhaupt: Woody Allens Manhattan aus dem Jahr 1979 (Foto). Und mit exakt diesen Worten lässt auch Hannes Klug sein Buch Schauplatz Film: New York beginnen, ein faktenreiches Kompendium all der cineastischen Fantasien (➝ Musen), die sich an der „Stadt der Städte“ entzünden. Neonlicht und Wolkenkratzer, yellow cabs und Feuertreppen: Sie zählen bis heute zu den beliebtesten Kinokulissen, in aalglatten Mainstreamproduktionen wie in kruden Experimentalstreifen. Oft wird die Stadt in Hollywood oder anderswo aus Pappe nachgebaut. In New York kommt eben die ganze Welt zusammen. Und so erzählen die Komödien, Thriller und Dramen, die dort gedreht werden, immer auch, wie es um die Moderne gerade steht – um den Gefühls- und Geisteszustand der sogenannten freien Welt.

Hannes Klug, der öfter für den Kulturteil des Freitag schreibt, hat selbst schon etliche Drehbücher verfasst, zuletzt für den Jugendfilm Ricky – normal war gestern (2014). In seinem New-York-Buch gelingt ihm eine interessante Mischung aus Blockbuster-Verweisen und Ausflügen in die Independent-Szene, von Batman bis zu Birdman. Katja Kullmann

Schauplatz Film: New York Hannes Klug Bückle & Böhm, 259 S., 22,90 €

06:00 21.12.2015

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