Hausautoren

A–Z Noch nichts zu lesen für den Urlaub? Wir hätten da ein paar Vorschläge. Worum es geht? Europa, Sex, Christian Kern und das Jahr 1967. Unser Bücherlexikon

A

Aufklärung Denkwerkzeuge statt Sexspielzeug: Darum geht es in dem kleinen Band Sex. 100 Seiten (Reclam 2017, 100 S., 10 €) unserer Autorin Katrin Rönicke, die sich übrigens nicht nur hervorragend mit Sex und Körpern, sondern auch mit den Diskursen darum auskennt. Das Handbuch ist gewissermaßen die Antithese zu manchen Frauenzeitschriften, die mit ihren „So kommen Sie am schnellsten“-Tipps letztlich nicht nur frauen- und männer-, sondern insgesamt körperverachtend sind.

Katrin Rönicke macht das Gegenteil und erklärt in Sex. 100 Seiten, dass es keine genaue Antwort auf die Frage nach richtig oder falsch beim Thema Sex und Erotik gibt. Erklärt wird das als knappe und kluge Snackliteratur mit Exkursen durch Kindheit, Geschichte, Religion, Kultur und Psychologie. Vor allem für Leserinnen und Leser, die sich erst einmal behutsam an das Thema herantasten wollen, ist Sex. 100 Seiten ein charmantes Plädoyer, wie wir von der Scham und den gesellschaftlichen Tabus zur Lust kommen können – ohne den Respekt voreinander zu verlieren. Juliane Löffler

D

Danach Im Juli 1987 eröffnete in der Fotogalerie Friedrichshain unter enormem Andrang die Ausstellung Ein Tag in Berlin mit Fotografien von Sibylle Bergemann, Harald Hauswald, Barbara Köppe und anderen. Hauswald wurde damals von der Stasi überwacht, umso erstaunlicher ist, dass von ihm das offiziell abgesegnete Plakatmotiv stammte: Der Blick durch die Terrassen unterm Fernsehturm auf die Marienkirche, rechts im Bild lehnen zwei Touristen am Geländer, eine Dritte fotografiert sie. Unter dem Titel Ein Tag in Berlin 2017 – 30 Jahre danach schaut die Galerie ab dem 4. August wieder auf die Stadt, und schon das Coverfoto des Katalogs (Kulturring in Berlin e.V., 81 S., 12 €) zeugt vom Wandel: ein Touristenpaar mit Selfie-Stick unterm Brandenburger Tor.

Auch Arbeiten des Fotografen und Freitag-Bildredakteurs Daniel Seiffert sind dabei. Für seine Serie „Trabanten“ hat Seiffert die Gropiusstadt und ihre Bewohner (siehe Foto) fotografiert. In einigen Fotos deutet sich an, dass sie in Zeiten akuten Wohnungsmangels doch noch die Mustersiedlung werden könnte, als die sie einst geplant war. In 30 Jahren wissen wir mehr. Christine Käppeler

Davor Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Sprache und Politik? Zwischen Popsongs und subversiver Elitenkritik? In essayistischen Miniaturen diskutiert der Sprachwissenschaftler Robert Stockhammer diese Fragen in seiner neuen Studie 1967. Pop, Grammatologie und Politik. (Wilhelm Fink Verlag 2017, 210 S., 29,90 €) Ja, man liest richtig: Nicht 1968, sondern 1967. Indem er auf Aktionen vor dem Gipfelpunkt eingeht und die Genese der Revolte nachzeichnet, gelangt er zu seinem analytischen Gerüst. So stellt der Studentenprotest eher einen Aufmacher als den Gegenstand der eigentlichen Untersuchung dar. Wie der Autor schon in anderen Texten darlegt, kommt auch hier wieder die Grammatik als Macht- und Regulierungssystem ins Spiel. Nur wer die Regeln etwa der Satzbildung verwenden kann, weiß – basal gedacht – seinen Willen zu artikulieren. Ein kluges Buch, das zeigt, dass auch die Linguistik Instrumentarien besitzt, um politische Prozesse zu erfassen. Björn Hayer

E

Europa Keine Nummer zu klein hat die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot ihre Streitschrift verfasst, wohl mit der Intention: Wenn Europas Rechtspopulisten verbal aufrüsten wie nie, hilft gegen die Weimarisierung des Klimas nur progressives Gegenhalten.

Wir befänden uns auf dem Weg in einen Neuen Bürgerkrieg (Ullstein, 94 S., 8 €) schreibt Guérot, aktuell in einem „kalten Frieden“. Die große Frage lautet: Will Europa eine echte Republik sein oder doch nur ein Markt mit gemeinsamer Währung? Weg mit den Nationalstaaten, ruft Guérot und plädiert für eine radikale emanzipatorische Agenda, sie nennt diesen Prozess „europäischer Vormärz“. Die allgemeine Mobilisierung brauche ein konkretes Datum – warum nicht die Europawahl 2019. Ein Credo entlehnt sie Beckett: „Always try, always fail. Try harder, fail better.“ Katharina Schmitz

J

Jugend Gestern bin ich in die falsche U-Bahn eingestiegen, weil mich dieses Buch fesselte und dieser Gedanke: dass es ein Trio wie Alex, Ratte und Paul aus Lena Goreliks Roman Mehr Schwarz als Lila (Rowohlt 2017, 256 S., 19,95 €) so ähnlich auch in meiner Schule gab – dort waren es der Punk, die Dichterin, der Regisseur. Und es gab diesen Lehrer, der bei Lena Gorelik ein Referendar ist: Alle hielten die Luft an, wenn die Stunde begann, er brachte uns zum Selberdenken und „brav“ war ein Schimpfwort für ihn. Zwischen dem Trio und dem Lehrer entwickelte sich eine besondere Beziehung, ebenso ist es im Buch. Für Außenstehende war diese Beziehung sichtbar, aber rätselhaft.

Sie kulminierte bei uns in einer Schultheateraufführung, die der Punk, die Dichterin und der Regisseur zum Happening machten, mit Schweineblut auf Publikumsjacken und einem am Schienbein der Zweiten Bürgermeisterin der Stadt zerschellenden Stuhlbein, ein Skandal; der Lehrer war während der Proben plötzlich krank geworden, die Schüler probten also selbst und der Lehrer war erst zur Aufführung wieder da. Im Buch gipfelt alles in einem Kuss in der Gedenkstätte in Auschwitz, den jemand fotografiert, das Foto verbreitet sich folgenschwer im Internet. Wenn Sie die Kolumnen, die Lena Gorelik als Die Kosmopolitin monatlich im Alltagsressort veröffentlicht, stets so sehnlich erwarten wie ich, dann lesen Sie dieses Buch. Sie werden sich dann sogar freuen, in die falsche U-Bahn gestiegen zu sein. Sebastian Puschner

K

Kanzler Dieser Mann, er ist irgendetwas zwischen Jeremy Corbyn und Gerhard Schröder. Ob das reicht, um die Sozialdemokratie zu retten? Christian Kern, Arbeiterkind aus Wien-Simmering, Vater mit 22 und kurz darauf alleinerziehend, Wirtschaftsjournalist und Manager, amtiert seit Mai 2016 als Bundeskanzler Österreichs. Sein langjähriger Freund Robert Misik hat nun das Buch Christian Kern. Ein politisches Porträt (Residenz Verlag 2017, 192 S., 22 €) verfassst, das allein schon lesenswert ist, weil der Typus Kern wohl auch in Deutschland am ehesten noch vermittelbar wäre, als unverbrauchter Sozialdemokrat neuer Prägung. Denn auch für die meisten hiesigen Progressiven gilt, was Misik über ihr Pendant in Österreich schreibt: „Die Leute wollen eine Revolution, aber zu radikal soll sie bitte nicht sein.“

Kern hatte zuletzt die Österreichischen Bundesbahnen zu einem der kundenfreundlichsten, pünktlichsten, innovativsten Eisenbahnunternehmen Europas gemacht und so gezeigt, was sich alles mit Firmen in öffentlichem Eigentum bewerkstelligen lässt. Da hat Österreich zwar seinen Nachbarn etwas voraus: Hartmut Mehdorn oder Rüdiger Grube fallen für die Rolle des politischen Messias aus. Ob Kern allerdings noch Zeit erhält, um Wunder zu wirken, das wird sich bald zeigen: Am 15. Oktober wählt Österreich ein neues Parlament. Sebastian Puschner

Konsens Sprengt die Käfige! Ist der Jahrzehnte währende Kampf von Feministinnen auf einem entscheidenden Feld vorbei? Dass „Nein“ nun nach der Reform des Sexualstrafrechts auch de jure „Nein“ heißt, wurde bekanntermaßen im letzten Jahr festgelegt. Mit ihrer Essaysammlung Wege zum Nein: Emanzipative Sexualitäten und queer-feministische Visionen. Beiträge für eine radikale Debatte nach der Sexualstrafrechtsreform in Deutschland (Edition Assemblage 2016, 256 S., 14 €) spüren Sina Holst und Freitag-Redakteurin Johanna Montanari dem Verlauf der Debatte nach und sie entlarven die Motive des politischen Mainstreams. Was für antisexistisch Denkende eine Selbstverständlichkeit ist, habe in der bestehenden Phallokratie das Narrativ des „ausländischen Mobs“ benötigt, der die „deutschen Frauen“, wie bei den Silvester-Ereignissen in Köln, massenhaft unsittlich berührte.

Wege zum Nein geht aber weiter, nimmt die Reform nur zum Anlass für weitergehende Perspektiven. Einen durchaus radikalen Blick auf Beziehungen nimmt dabei Johanna Montanari vor. Sie diskutiert, dass die gesellschaftlichen Logiken von Herrschaft und Konkurrenz auch auf unsere intimsten Verbindungen übergehen. Die Grenzziehung zwischen Dir und Mir kann demnach nur durch eine tiefe Analyse des eigenen Verhaltens gesprengt werden. Martin Linke

T

Trödel Die Dingsbums hieß Sarah Khans Kolumne für diese Zeitung, alle vier Wochen erschien sie auf der ersten Seite des Alltagsressorts. Meine Favoriten handelten von einem Strickpullover, der Zeitreisen ermöglicht, und Weinbrandflaschen, die im Auftrag von Kindergärtnerinnen gekauft wurden. Dinge aus Sarah Khans Leben waren das, die Geschichten erzählten. Für ihr Buch Das Stammeln der Wahrsagerin. Unglaubliche Geschichten hinter Kleinanzeigen (Suhrkamp 2017, 173 S., 12,95 €) hat sie sich auf Deutschlands größter Dingehalde umgesehen. Wenn Sarah Khan ein Inserat auf Ebay Kleinanzeigen interessant genug erschien, hakte sie nach, machte Hausbesuche. Sie trank Tee mit einer Mutter, die sich entschieden hatte, in der Wohnung ihres toten Sohnes zu leben, bis dessen Hausstand „Hemd für Hemd, Husse für Husse, Topf für Topf“ verkauft wäre und sie machte mit einer Pferdebuchnärrin Jagd auf den Nachlass eines verstorbenen Redakteurs der Reiter Revue. Um nur zwei dieser sieben Geschichten zu skizzieren, für die der Claim „unglaublich“ kein bisschen übertrieben ist.

Und dann gibt es ein achtes Kapitel, das Auf ein Wort heißt und sich an die Leser richtet. Nach Vorbild moderner TV-Serien (Sarah Khans zweitem Faible) steht dieser Vorspann nicht am Anfang des Buchs, sondern mittendrin in der Action.Christine Käppeler

W

Weg In ihrem Buch Loslassen – Wie ich die Welt entdeckte und verzichten lernte (Malik 2017, 224 S., 15 €) erzählt Katharina Finke vom Leben als Minimalistin. Nach dem Abitur lebt sie für längere Zeit in Bristol und entdeckt ihre Freiheitsliebe und die Lust an neuen Erfahrungen. Im Rahmen ihrer journalistischen Tätigkeit folgen Auslandsaufenthalte unter anderem in Indien, USA, Spanien, China, Portugal und Andalusien. Jede Station bringt Katharina Finke dem minimalistischen Leben näher: Sie reist mit immer schmalerem Gepäck, hinterfragt Essgewohnheiten und Konsum und gibt sogar ihre Wohnung auf. Sie beobachtet sich selbstkritisch, hinterfragt ihre Entscheidungen, reflektiert ihr Handeln.

Herausgekommen ist ein Buch voller Anregungen zum Konsumverzicht und nachhaltigem Umgang mit dem eigenen Besitz, dazu Einblicke in verschiedene Kulturen. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Loslassen und Festhalten von Materiellem, Gewohnheiten, Beziehungen und Einstellungen. Trotz des gewichtigen Themas eine sommerlich leichte Lektüre. Barbara Herzog

Z

Zivilcourage Kürzlich wurde der Justizminister in Dresden wieder einmal angepöbelt. „Klassisches Montagspublikum“, schrieb die Zeit. Ähnlich beginnt sein Buch Aufstehen statt wegducken. Eine Strategie gegen Rechts (Piper 2017, 256 S., 20 €), nur die Stadt ist eine andere. Seit Ende 2014, schreibt Maas, erlebe er regelmäßig solche Szenen. Deshalb geht er der Frage nach, was Politik und Zivilgesellschaft dem Rechtspopulismus entgegensetzen können. Unterstützt hat ihn dabei Michael Ebmeyer. Der Schriftsteller und Gitarrist der legendären Band Fön arbeitet für den Freitag immer wieder als Übersetzer und gibt den Artikeln aus dem Guardian den richtigen Sound. So ist es kein Wunder, dass dieses Politikerbuch nicht nur engagiert ist, sondern auch auffallend klar und elegant im Ton. Christine Käppeler

06:00 16.08.2017

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