Detlev Lücke
18.05.2001 | 00:00

Hausbesetzer - Grenzbesetzer

Klaus Schlesinger Ein Berliner Traum

In seiner Anfang der siebziger Jahre erschienenen Geschichte Berliner Traum beschreibt Klaus Schlesinger eine Situation, wie sie nicht wenige seiner Generationsgefährten nachvollziehen konnten. Sein Held fährt mit der U-Bahnlinie A, wie sie damals noch in der Tradition Berliner Verkehrsgeschichte hieß, in Richtung Alex und landet auf einem Bahnhof im Westen. Das Ganze spielte zehn Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer. Schlesingers surreale Vision der Grenzüberwindung war in den Träumen vieler zuhause, er schrieb sie auf, lakonisch, unsentimental, präzise. Sein Arbeitscredo war, dass er nichts erzählen könne, was er nicht selber erlebt habe. Eigentlich eine Banalität. Schlesinger erfand nicht. Er fand.

Beispielsweise in seinem vorletzten Roman Die Sache mit Randow (1996). Es geht um die Geschichte der Gladow-Bande, die Ende der vierziger Jahre im Norden Berlins die Gegend durch Diebstähle und bewaffneten Raub unsicher machte und deren Kopf Gladow nach einer wilden Schießerei mit der Polizei auf der Guillotine in Frankfurt an der Oder landete. Nach Gerüchten soll das Fallbeil dreimal geklemmt haben und in die Schulter des 18jährigen Verbrechers gefahren sein, der nach DDR-Recht nicht hätte hingerichtet werden dürfen. Es war eine Berliner Realität, die Klaus Schlesinger selbst miterlebt hatte. Er stammte aus dem sogenannten LSD-Dreieck, der Lychener, Stargarder und Dunckerstraße im Prenzlauer Berg, wo auch Gladow damals zuhause war.

In einem Interview für den Freitag vor fünf Jahren erzählte er mir von seinen Schulproblemen und wie er ungerechtfertigt von der Oberschule flog. Er lernte Chemielaborant und begann zu schreiben. Die Gesellschaft, die ihn relegierte, gab ihm eine Chance, Journalist zu werden. Er wurde Reporter bei der Neuen Berliner Illustrierten und hatte 1971 sein Debüt als Romanautor mit Michael. Er glaubte wohl wie manch anderer an die Möglichkeiten des politischen Tauwetters nach dem Machtantritt Honeckers. 1976 gehörte er zu denen, die gegen die Ausbürgerung Biermanns aus der DDR protestierten. In seiner 1990 gedruckten Lebenschronik Fliegender Wechsel beschreibt er, wie er an einem Manuskript über Heinrich von Kleist sitzt und von seinem Schreibtisch aus in das große Fenster des Schriftstellerverbandes am Alexanderplatz sehen kann, wo sich diejenigen Autoren auf einer Parteiversammlung rechtfertigen müssen, die unterschrieben hatten. "Hinter den Stores sah ich Hermlin neben Volker Braun sitzen, sah Köpfe sich wenden, wenn jemand im hinteren Teil des Saales sprach, sah Hände sich heben zur Abstimmung, einmal sprang jemand auf und ruderte heftig mit den Armen, und später sah ich Jurek Becker im Laternenlicht zu seinem Auto gehen, Hände in den Taschen, hängende Schultern, den Kopf gesenkt ... So tief spürte ich nie wieder das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Geist und Macht unter den Bedingungen einer feudalistischen Struktur, so klar sah ich nie wieder die Parallelen zwischen den Jahren 1811 und 1976, so sicher schien mir nichts wie die Tatsache, daß dieser Tag, der Tag der Ausbürgerung Biermanns, zu einem ähnlich magischen Datum werden würde wie der Tag des Mauerbaus, der 13. August. Heute weiß ich nicht einmal mehr, war´s im November oder im Oktober."

Resigniertes Fazit eines Menschen, der nach seinem Protest gegen die Kriminalisierung Stefan Heyms 1980 die DDR verließ und in Westberlin nie richtig ankam. Er war in der Realität seines Berliner Traums gelandet, nicht hier daheim, nicht dort. Sein Dauervisum erlaubte den Grenzwechsel, er wohnte in einem besetzten Berliner Haus. Ein Stoff, aus dem 1984 sein Roman Matulla und Busch entstand. Auch sein letztes Buch Trug (2000) handelt von einer Doppelexistenz. Ein Westler erkennt in einem Berliner Café sein Ebenbild in einem Ostler, in beiden dürfen wir den Autor vermuten, den solche Schizophrenie beschäftigte. Dass er sich nicht für eine der beiden Seiten entschied, hat mit seiner Treue zu sich selbst zu tun. Schlesinger ließ sich nicht vereinnahmen und blieb seinen sozialen Idealen treu, auch unter den Bedingungen der real existierenden Wende. Er blickte mit beiden Augen gleich scharf, was ihm bei aller sanften Veranlagung nicht nur Freunde machte. Am vergangenen Freitag ist der Chronist seiner zerrissenen Lebenszeit im Alter von 64 Jahren an Leukämie gestorben.