Haut-an-Haut-Begegnungen

Horrortrip A. L. Kennedys neuer Roman "Alles, was du brauchst"

Die schottische Autorin A.L. Kennedy liebt es, wie ein Rohrspatz zu schimpfen. Nichts Schlimmeres als Literaturpreisjurys! (Sie muss es ja wissen, war sie doch schon Orange- als auch Booker-Prize-Jurorin.) Und erst Frauenliteratur! Viel zu esoterisch! Grauenhaft, damals diese Orange-Prize-Party, als Videoclips gezeigt wurden mit Frauen, die in der Badewanne lagen und sich innig ihre Lieblingsautorinnen vorlasen! Und was kann denn sie, A.L. Kennedy, die all Ihre Statements und E-Mails mit dem etwas zweideutigen Kürzel "ALK" unterzeichnet, dafür, dass eine gestandene Heroine der britischen Frauenliteratur, Jeanette Winterson nämlich, einer ihrer größten Fans ist? Muss sie Jeanette Winterson deshalb lieben? Und überhaupt, das englische Verlagswesen! Grässlich! Wo die Werke eines Pseudophilosophen wie Alain de Botton als Krone der Geistesanstrengung gefeiert werden! Wo alles nur noch leicht konsumierbar sein soll, wo seriöse Belletristik schon von vornherein den Ruch des schlecht Verkaufbaren habe und deshalb innerhalb der rapid zunehmenden Verlagskonzerne auch schlecht behandelt würde. Zu meinem Glück, so sagt sie immer wieder, habe ich mit dem Klaus Wagenbach-Verlag einen richtigen Verlag mit einem richtigen Verleger kennengelernt, und am liebsten schreibt sie neben der Belletristik Drehbücher fürs kanadische Fernsehen - Krimis oder Historienfilme für Kinder.

Das größte Übel von allen ist natürlich die britische Presse, und so wird die entsprechende Journaille auf der ALK-Hompage denn auch ausgesprochen charmant begrüt: "Sind Sie ein fauler oder/ und fantasieloser Journalist, so dürfen Sie sich überlegen, das Material, welches diese Seiten enthalten, zu benutzen, um Ihr(e/n) Kolumne, Editorial, Tagebuch, Essay, Artikel auszupolstern. Sollten Sie sich allerdings bereits wohl fühlen mit Plagiaten und damit, grundsätzlich die Arbeit anderer als Ihre eigene zu verkaufen, dann wird es Ihnen leicht fallen, diese Web Site auszubeuten. Wir möchten bloß darauf hinweisen, dass andere bereits vor Ihnen hier waren. Wie faul und fantasielos möchten Sie also scheinen?"

Wenn sich ALK über den Rest der britischen Literaturszene her macht, dann klingt das nach einem Rundumschlag, den wir sonst eher aus dem britischen Pop-Business kennen. Wenn zum Beispiel der Sänger von Oasis einmal mehr gegen alle seine Konkurrenten ins Feld zieht und zur Strafe von Robbie Williams eins übergezogen kriegt. Es ist die aggressive Sportlichkeit der Kontrahenten einer Szene, wie wir sie auf dem Kontinent kaum kennen. Bloß: Die 37-jährige, im schottischen Dundee geborene und im schottischen Glasgow lebende Alison Louise Kennedy ist so bescheiden wie sie laut ist: "Meine Persönlichkeit ist nicht interessant genug, um damit ein Buch zu verkaufen", sagt sie und protestiert damit gegen den populären Personenkult in der Literaturszene. Sie greift in ihrer ganzen Demontage einer Kulturbranche immer zuerst sich selbst an, Selbstironie ist ihre große Tugend, Selbstentblößung - die oft in autobiografischer Schonungslosigkeit in ihren Texten zu finden ist - nicht selten ihre Tragik.

Da war im Frühling 2001 ihr autobiografisches Sachbuch Stierkampf, das mit den Selbstmordabsichten der Ich-Erzählerin beginnt und mit quälender Genauigkeit den physisch wie psychisch beschwerlichen Entstehungsprozess eines Buches schildert. Und da ist jetzt Alles, was du brauchst, 1999 unter dem Originaltitel Everything You Need erschienen und bisher Kennedys dickster und - man darf sich tatsächlich zu der Behauptung versteigen - größter Roman.

Alles, was du brauchst ist ein Roman über das Schreiben. Über Menschen, die - wie die 19-jährige Mary Lamb - noch zum Schreiben finden müssen und über Jahre all ihre Zeit und Besessenheit einsetzen, bis sie nach Hunderttausenden von nervenaufreibenden Übungen und Selbstexperimenten endlich sicher sind, dass sie schreiben wollen und können. Über Menschen wie den älteren Nathan Staples, der zwar vom Schreiben leben kann, weil er intellektuellen Splatter-Horror für gelangweilte Hausfrauen schreibt, der aber etwas ganz anderes vollbringen möchte und heimlich an einem großen, zärtlichen, autobiografischen Liebes- und Familienroman arbeitet. Über Nathan Staples Verlagslektor Jack Grace, der unter dem Druck, Erfolgsschund produzieren zu müssen verzweifelt und den Londoner Society-Glamour nur noch erträgt, indem er sich selbst zerstörerischen sadomasochistischen Praktiken aussetzt. Über Joe, Lynda, Ruth und ein paar weitere Schriftstellergefährten von Nathan, die sich alle auf einer kleinen Insel zusammengerottet und von der Welt abgeschottet haben, um dort nichts anderes zu tun als zu schreiben.

Die Beziehungsgeflechte unter diesen Menschen umfassen immer mehrere Nuancen der Intensität und Nähe und sind allesamt auf eine archaische Art mit Geburt, Geschlechtlichkeit oder Tod verbunden. Die elternlos bei zwei schwulen Onkeln aufgewachsene Mary beispielsweise, die sich um ein mehrjähriges Stipendium auf der Dichterinsel bewirbt und dieses auch bekommt, entwickelt eine sehr innige, momenthaft prekär ein Liebesverhältnis streifende Bindung zu Nathan, der offiziell ihr Mentor ist, inoffiziell hingegen ihr leiblicher Vater, den sie seit 15 Jahren nicht gesehen hat. Nathan und Jack wiederum verbindet eine Jahrzehnte überdauernde, wechselseitig parasitäre Männerfreundschaft. Nathan wird dank Jack publiziert, Jack wird nicht entlassen, weil er mit Nathan einen lukrativen Autor an der Leine hat. Diese Freundschaft findet ihre innigste Annäherung jedoch erst nach Jacks Tod im steril-morbiden Jenseits eines zeitgenössischen Doktor Frankenstein, eines Leichenpräparators vom Format eines Gunther von Hagens und seiner "Körperwelten"-Ausstellung. Lynda und Ruth wiederum versteifen sich in ihrer sexuellen Frustration beide auf eine besonders gefährliche Variante der Zoophilie und gewinnen ihrer stärksten erotischen Kicks ausgerechnet aus der Haut-an-Haut-Begegnung mit Haifischen, was nicht selten zu lebenslänglich sichtbaren Spuren führt.

Überhaupt sind alle Inselbewohner außer Mary, die meistens eine ganz normale Liebesbeziehung zu einem Jungen mit dem normalen Namen Jonathan führt, selbstzerstörerisch verschroben, auch das Umfeld auf dem angrenzenden Festland ist von Gewaltakten geprägt, die sich immer wieder im Nebel verlieren. Lange Zeit über meint man, A.L. Kennedy führe uns auf die Fährte einer Selbstmordsekte, und tatsächlich wird auch der Massensuizid der Sonnentemplersekte bei Grenoble thematisiert.

Einige in England besonders gut ausgebildete Erzählgenres kommen da zusammen - der Verlagsroman à la Tim Waterstone (Lilley und Chase), der Kriminalroman à la Elizabeth George, die bedrückenden Sozialstudien aus dem Ken-Loach-Milieu - dramaturgisch gekonnt wechseln die sorgfältig ausdifferenzierten Erzählperspektiven zwischen Mary, Nathan und Jack, noch gekonnter sind die sich häufenden Spurenelemente der Blutsverwandtschaft von Mary und Nathan. Alles, was du brauchst ist ein spannendes und unheimliches Buch, A.L. Kennedys Neigung zu körperlichen Absonderlichkeiten und heimlichen Brutalitäten, die sich schon im intimen Rahmen der ehelichen Gewalt in Gleissendes Glück und in einer grauenhaften Kreuzigungsszene in Einladung zum Tanz ausdrückte, begegnen wir hier in gehäuftem Maß, sie machen das Lesen manchmal zu einem schauerlichen Horrortrip. Allerdings ist auch das andere gehäuft vorhanden: die zunächst verschüttete, sich langsam wieder findende Liebesfähigkeit der Menschen, das zutiefst anrührende Beharren auf altmodischen Werten wie Treue, die unglaubliche und dabei absolut unsentimentale Wärme, mit der A.L. Kennedy ihre Personen baut und ausstattet, und die die Lesenden ab und an zu Tränen rührt. Selten hat man etwas Traurigeres gelesen als die Szene über den beinah tödlichen Unfall von Nathans Hund, selten etwas Melancholischeres als Nathans Versuch, seiner großen Liebe Maura wieder zu begegnen.

Viele Versprechungen werden im Lauf der beinah 600 Seiten gemacht, viele Andeutungen, man jagt ihnen mit steigendem detektivischem Eifer nach, vergebens. Erst am Ende werden sich die hängenden Verfahren tatsächlich lösen, allerdings nicht in Handlungen oder Eingeständnissen, sondern in demjenigen Medium, das das ganze Romanpersonal als seine eigentliche Berufung betrachtet, und das A. L. Kennedy mit so großer Meisterschaft beherrscht: In Literatur.

A.L. Kennedy: Alles was du brauchst. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Ingo Herzke. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2002, 573 S., 29,50 EUR

Siehe auch: www.al-kennedy.co.uk

00:00 01.11.2002

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