Haut den Sommer

SCHRILLER BETROGENENCHOR Die den Rücktritt des Telecom-Chefs fordern, haben die jetzt geplatzte Blase mitzuverantworten

Zu beneiden ist der Mann nicht: Sommer-Bashing ist wieder ein beliebter Zeitvertreib der Medien - einer bei dem sie jetzt mit dem Beifall jener Kleinanleger rechnen dürfen, die sich geprellt fühlen. Seit Anfang vorigen Jahres ist der Kurs der T-Aktie auf ein Viertel seines damaligen Wertes geschrumpft. Die zwei Milliarden Euro, um die jetzt die Telekom den Wert ihrer Immobilien berichtigt, sind daran gemessen zwar nur Peanuts. Doch scheint der Betrogenenchor genau hier schrill zu werden.

Dem Pink-Konzern Betrug nachzuweisen dürfte jedoch schwer fallen. Mit Recht weist sein Sprecher darauf hin, dass bei der überstürzten Umwandlung des öffentlichen Unternehmens in eine Kapitalgesellschaft für eine sorgfältige Bewertung des Vermögens keine Zeit gewesen sei. Und dass wir in dieser Hinsicht schon Schlimmeres erlebt haben, als einen Schätzfehler von knapp 12 Prozent ist auch nicht zu bestreiten.

Die aus der Wut der Enttäuschung auf den Telekom-Chef einhauen: Politiker, Journalisten, Banker und Analysten, sind größtenteils dieselben, die die jetzt geplatzte Blase mit zu verantworten haben. Dass die Verbreitung von IT in einer endlos boomenden New Economy resultieren müsse, in der einerseits die Aktienkurse und Profite unbegrenzt steigen, andererseits Konkurrenz, Markttransparenz und Konsumentenfreiheit universal sein sollen, war eine Täuschung, die zwangsläufig ihre Korrektur, also eine Enttäuschung nach sich ziehen muss. Jene Versprechen können nicht alle zugleich wahr sein.

Die Korrekturen der letzten Monate verdeutlichen einmal mehr, dass der Wert keine Substanz ist, sondern Ausdruck von fragilen Erwartungen; von Erwartungen zumal, die im gleichen Umfang schwinden, in dem man auf ihre Realisierung angewiesen ist. Die Telekom läuft hier Gefahr, die gleichen Erfahrungen wie die Treuhand zu machen: Kaum auf den Markt gebracht, verflüchtigen sich die Werte.

Die großen Netzbetreiber stehen heute weltweit vor der gleichen doppelten Bedrohung: Ihr steigender Kapitalbedarf trifft auf ein schwindendes Vertrauen der Kapitalmärkte. Während die Mobilfunknetze der nächsten Generation von jedem Betreiber Investitionen in elfstelliger Höhe erfordern, mögen die Anleger nicht mehr so recht an deren Erfolg glauben. Zumindest scheint ihnen der Zeitpunkt, an dem sie glauben, frühestens mit Gewinnen aus den neuen Netzen rechnen zu können, in zu weite Ferne zu rücken. Und das alles vor dem Hintergrund des Marktes für mobile Kommunikation, der sein stärkstes Wachstum bereits hinter sich hat.

Schon jetzt kursieren Gerüchte, dass der Start der UMTS-Netze sich allein aus technischen Gründen verschieben könnte: Die Netzausrüstung und vor allem die Endgeräte würden nicht rechtzeitig bereitstehen. Dazu kommt, dass man mit UMTS nicht besser telefonieren kann als mit dem heutigen GSM. Und während die Leistung für die Datenübertragung wahrscheinlich hinter den Erwartungen zurück bleiben wird, zeichnen sich am Technologiehorizont dafür schon leistungsfähigere Systeme ab.

Ein lange verdrängter Sachverhalt macht sich wieder bemerkbar: Von sich aus spüren die Kapitalmärkte keine Neigung, Investitionen in ausgedehnte Infrastrukturen zu finanzieren, die höchstens langfristig rentabel sind; zumal es sich um neue Technologien handelt, deren Erfolg am Markt unter Konkurrenzbedingungen ungewiss ist.

Wer Kapital am Nötigsten braucht, hat die größten Schwierigkeiten es zu bekommen und muss dafür die höchsten Preise zahlen. Seit der Aktienmarkt zu realistischeren Bewertungen für High-Tech-Unternehmen zurückgekehrt ist, sind die Netzbetreiber vor allem auf den Anleihemarkt angewiesen. Dort mindern allerdings ihr gesunkener Börsenwert ebenso wie ihr hoher Schuldenstand die Kreditwürdigkeit - und das heißt: ihre Kapitalkosten steigen. Auch weil die Risiken ihrer Zukunftspläne immer stärker ins Bewusstsein dringen.

Die Deutsche Telekom steht nicht allein vor dem Dilemma, dass Befreiungsversuche nicht minder gefährlich sind als ein Verharren in der jetzigen Situation. Aktiva zu versilbern, um Schulden abzubauen, birgt gegenwärtig das Risiko, dass deren Marktwert hinter den Erwartungen zurückbleibt. Damit beschleunigt sich die Abwärtsspirale von sinkenden Börsennotierungen und erhöhtem Kreditbedarf bei weiterhin abnehmender Kreditwürdigkeit. Zudem kursieren Gerüchte über umfangreiche Leerverkäufe der T-Aktie. Dabei kaufen Händler das Recht, zu einem zukünftigen Zeitpunkt T-Aktien, die sie gegenwärtig gar nicht besitzen, zum heutigen Kurs zu verkaufen, weil sie auf dessen weiteres Fallen spekulieren. Manche Spieler sehen also den Tiefststand der T-Aktie noch nicht erreicht.

Ron Sommer ist wirklich nicht zu beneiden. Der aus der Privatwirtschaft zum Staatskonzern gestoßene Manager hat es erstaunlich schnell verstanden, dessen angestammte Positionen unter neuen Bedingungen mit Geschick zu verteidigen. Dass seine Internationalisierungsstrategie bisher nur bedingt erfolgreich ist, liegt nicht allein an Fehlern, die ihm zuzurechnen sind, sondern ist ein Schicksal, das er mit den Kollegen von der Konkurrenz teilt. Viele, die ihn jetzt fallen sehen möchten, meinen jedoch vor allem den verhassten Monopolisten.

00:00 02.03.2001

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