Havanna vor der großen Flut

Kuba Bauunternehmer stehen schon jetzt Schlange, um zuschlagen zu können, wenn sich das Land endgültig für ausländische Investoren öffnet
Oliver Wainwright | Ausgabe 09/2016 3

Während hochbetagte Straßenkreuzer aus den 50er Jahren dem Zahn der Zeit trotzen, scheint im Parque Fe del Valle mitten in Havanna ein Kuba auf, das sich von diesem gewohnten Bild unterscheidet: Auf jeder Bank, jeder Mauer und jedem Blumenkübel dieses von Bäumen gesäumten Platzes sitzen Menschen über Laptops oder Tablet gebeugt. Andere wischen über Smartphones oder reden auf Bildschirme ein.

Drei Generationen einer Familie drängen sich um ein Telefon, und die Kinder streiten, wer die Kopfhörer aufsetzen darf, solange die Großmutter ein Baby in die Kamera hält. Die Verwandten in Miami, die man seit Jahren nicht mehr gesehen hat, sollen das neue Familienmitglied in Augenschein nehmen. Nebenan sehen zwei Brüder auf Facebook die neuesten Anfragen für ihr Bed and Breakfast durch, während ein paar Mädchen im Teenager-Alter Musik streamen und unter einem Baum Tanzschritte üben.

Die vitale Straßenszene – sie erinnert an improvisierte Secondhand-Technikmessen – wird durch ein für Kuba neues Phänomen möglich: WLAN-Hotspots. In einem Land, in dem der Internet-Zugang für eine Stunde in einem Internet-Café fast einen Wochenlohn kostet, ist die Einrichtung von fünf ausgewiesenen WLAN-Zonen in der Hauptstadt geradezu revolutionär – auf der ganzen Insel sind es insgesamt 35.

Filialen von Diesel

Geht man nachts die lange, mit Menschen bevölkerte La Rampa entlang, die vom Strand aus ins Viertel Vedado hinaufführt, blickt man links und rechts in gespenstisch anmutende Gesichter, die allein vom Schein ihrer Smartphone-Displays erleuchtet werden. Sich ausbreitende Open-Air-Internet-Lounges haben einen neuen informellen Wirtschaftszweig hervorgebracht: Wi-Fi-Verkäufer ziehen durch die Straßen wie Drogendealer und verkaufen die zwei Dollar teuren Prepaid-Rubbelkarten der staatlichen Telefongesellschaft für drei Dollar das Stück. Ständig flüstern sie: „Karten, Karten?“ Private Stände mit Snacks und Getränken schießen aus dem Boden, um die spontanen Straßenpartys zu versorgen, zu denen es überall dort kommt, wo sich die Leute treffen, um auf Youtube die Trailer der neuesten Hollywood-Filme zu sehen. „Wir erleben eine völlig neue Qualität von öffentlichem Raum“, sagt Miguel Antonio Padrón Lotti, ein Professor für Stadtplanung, der seit mehr als 40 Jahren am Instituto de Planificación Física arbeitet. „In Kuba hat man sich schon immer gern auf der Straße versammelt, aber jetzt können wir dabei auch noch mit der großen weiten Welt interagieren.“

Deren Aufmerksamkeit richtet sich immer geballter auf Kuba, und das nicht nur über das Internet. Unterwegs durch die herrlich restaurierte Altstadt Habana Vieja haben die Pulks von Pauschaltouristen mittlerweile schon Schwierigkeiten, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Sie folgen ihren Fähnchen schwenkenden Guides über von Cafés gesäumte Plätze, durch das Gedränge vor dem Museo del Chocolate, vorbei an lebenden Statuen und Filialen von Victorinox und Diesel, bis hin zu den in majestätischen alten Herrenhäusern untergebrachten Boutiquen, die handgefertigte Uhren für 12.000 Dollar feilbieten.

Dass in dieser Gegend die Gebäude vor endgültigem Verfall gerettet wurden, ist dem Büro des Stadthistorikers zu verdanken, einer großen, mit Architekten und Planern besetzten staatlichen Behörde, die seit 1981 von Eusebio Leal Spengler geleitet wird. Er besitzt so viel Macht wie sonst nur ein Bürgermeister und wurde schon von der UNESCO wie Denkmalschützern weltweit dafür gelobt, was er allen Widrigkeiten zum Trotz erreicht hat.

Anfang der 90er Jahre konnte Eusebio Leal Fidel Castro davon überzeugen, das seinem Büro angegliederte staatliche Tourismus-Unternehmen Habaguanex zu gründen, um Hotels, Restaurants und Geschäftshäuser zu bauen. Die mit diesen Projekten erzielten Gewinne sollten in die Sanierung baufälliger Gebäude in Havanna fließen, zugleich aber sozialen und kommunalen Projekten zugutekommen: ein kluges Modell, kapitalistische Methoden für sozialistische Zwecke in Anschlag zu bringen. So ist es Leals Behörde gelungen, über eine halbe Milliarde Dollar in die Altstadt umzuleiten. Leals Unternehmen verwaltet heute ein Imperium aus 20 Hotels, 90 Restaurants und Bars sowie Dutzenden von hochpreisigen Boutiquen.

Saftiges Trinkgeld

Außerhalb der Touristen-Viertel und sorgfältig restaurierten Straßen dämmern zwei Drittel von Habana Vieja noch immer vor sich hin. Die kubanische Revolution war anfangs anti-urbanistisch und konzentrierte sich vorrangig auf den ländlichen Raum zu Lasten der als kolonialistisch empfundenen Metropolen. Die Konsequenzen sind nur allzu deutlich sichtbar. Auch wenn die Hälfte der Einnahmen von Habaguanex in soziale Initiativen fließt – in Kliniken, Schulen, Bibliotheken und Altenheime –, haben die Sanierungsarbeiten nicht zuletzt den Effekt, dass soziale Rechte Schaden nehmen. Vielen der ehemaligen Bewohner der großartigen historischen Gebäude wurden Wohnungen an der Küste, fernab des Zentrums zugewiesen, in den ungeliebten Vorstädten von Alamar und Habana del Este. Es dürften noch mehr von ihnen umziehen müssen, weil der Druck, passende Quartiere für ausländische Besucher zu finden, weiter steigt. Ein Bistro-Besitzer, der mit anderen Familien zusammen in einem alten Haus an der Ufermauer, dem Malecón, gelebt hat, braucht nun jeden Tag zwei Stunden, um zur Arbeit zu kommen. Er hegt gemischte Gefühle. „Mag sein, dass uns die Touristen aus der Altstadt drängen, aber sie bringen auch Geld mit, das diese Stadt so dringend braucht.“

Die boomende Gastronomie profitiert von der Währung, mit der Ausländer auf Kuba bezahlen. Der konvertible Peso oder CUC ist an den Dollar gebunden und hat eine Kaufkraft, die erheblich über der des Nationalpesos (CUP) liegt. Damit winkt Kuba eine Zweiklassengesellschaft – es gibt diejenigen, die Zugang zu harter Währung haben, und die ohne. „Wer für die Touristen arbeitet, lebt besser“, räsoniert ein Rikscha-Fahrer, während sich zwei Amerikanerinnen mittleren Alters aus seiner Fiberglas-Kabine kämpfen und ihm auf eine ohnehin überhöhte Taxe noch ein ordentliches Trinkgeld obendrauf geben.

Über drei Millionen Touristen kamen 2015 nach Kuba. Seitdem ein milderes Klima in den Beziehungen zwischen den USA und der Karibikinsel herrscht, ist die Zahl der US-Besucher um 40 Prozent angestiegen. Zwar ist es den Amerikanern offiziell weiter verboten, aus rein touristischen Gründen nach Kuba zu fliegen, doch sind Reisen erlaubt, die der „Unterstützung des kubanischen Volkes“ oder „bürgerschaftlichen Aktivitäten“ dienen, um Reiseveranstaltern lukrative Geschäfte zu ermöglichen. Der Gigant Carnival Cruise Lines plant ab Mai Kreuzfahrten mit „kulturellem Schwerpunkt“ und ist das erste US-Unternehmen, das seit 1962, seit Beginn des Embargos, wieder Kuba anläuft. Nach einer Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) könnte ein völliger Sanktionsverzicht Kuba pro Jahr bis zu zehn Millionen Touristen bescheren – eine Flut, in der das schutzbedürftige Alt-Havanna untergehen würde.

„Es existiert einfach nicht die nötige Infrastruktur, um solche Mengen an Menschen zu bewältigen“, sagt der in New York lebende kubanisch-amerikanische Architekt Belmont Freeman „Es gibt viel zu wenig Hotels. Selbst wenn noch mehr gebaut würden, könnten sie kaum ausreichend mit Strom und Wasser versorgt werden.“

Die Planer von Luxushotels, die sich bereits gründlich in der Stadt umgesehen haben, scheint dies nicht weiter zu kümmern. Auf der östlichen Seite des Parque Central, unter einer Wolke aus Baustaub gerade noch sichtbar, befindet sich die imposante Fassade des Manzana de Gomez, ein klassischer Gebäudekomplex von der Größe eines Wohnblocks, gebaut 1910 als Kubas erstes Einkaufszentrum. Völlig entkernt steht es nun da wie ein gespenstischer Rohbau, der darauf wartet, gegen Ende des Jahres durch ein Fünf-Sterne-Kempinski-Hotel wieder zum Leben erweckt zu werden.

Eine Ecke weiter wird das Hotel Packard in ähnlicher Weise vom spanischen Stararchitekten Rafael Moneo für Iberostar herausgeputzt und erweitert. Weiter nördlich, in der Nähe des Strandbades Varadero, will die britische Firma London & Regional einen Carbonera Club aus der Taufe heben, ein 500 Millionen Dollar schweres Projekt zum Bau von Luxusresidenzen, die um einen 18-Loch-Golfplatz arrangiert sind. Nach einer von der kubanischen Regierung jüngst beschlossenen Lockerung der Regularien wird es Ausländern fortan möglich sein, direkt am Strand gelegene Grundstücke zu erwerben. Große US-Ketten wie Marriott und Hilton bleibt einstweilen nichts weiter übrig, als mit sabbernden Mundwinkeln auf der anderen Seite der Straße von Florida zu warten, bis das Embargo aufgehoben wird.

„Ich gebe den Sanktionen noch höchstens zwei Jahre“, sagt Belmont Freeman. „Wirtschaftsinteressen werden den Kongress früher oder später zum Handeln zwingen. Amerikanische Architekten und Bauunternehmer stehen bereits Schlange. Sie wollen bereit sein und zugreifen, sobald sich Investitionsmöglichkeiten bieten.“

Der in Miami ansässige kubanisch-amerikanische Immobilienmagnat Jorge Pérez besuchte Havanna im Vorjahr zu dessen Kunstbiennale. „Ich wünschte, sie würden mich all das hier entwickeln lassen“, erklärte er danach gegenüber dem in Miami erscheinenden El Nuevo Herald. „Ich denke, ich könnte Havanna in 10 bis 20 Jahren verändern. Wenn ich in Vedado Eigentumswohnungen der Luxusklasse bauen dürfte, bräuchte ich in Florida keine zwei Stunden und die Dinger wären verkauft.“

Das sind die Aussichten, die Miguel Padrón Sorgen bereiten. Er ist sich nicht sicher, ob Havanna das verkraften würde, was potenzielle Investoren mit der Stadt vorhaben. „Es werden viele Diven hier ankommen und wunderbare Zeichnungen mitbringen. Die Herausforderung besteht darin, wie man mit ausländischen Interessenten verhandelt, ohne Schaden zu nehmen. Havanna ist jetzt ein großer Kuchen – jeder versucht, etwas abzubekommen.“

Oliver Wainwright ist der Architekturkritiker des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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