Heavy Metal aus Nantanz

Iranischer Januskopf Die Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde haben Indizien für den möglichen Bau von Kernwaffen gefunden - klare Beweise nicht

Präsident Khatami wirkte sehr gelassen. "Eine nukleare Aufrüstung widerspricht dem Islam. Iran arbeitet auf einen Nahen Osten ohne Massenvernichtungswaffen hin", meinte er im Sommer. Und Anfang Oktober beteuerte sein Außenminister Kamal Kharrazi am Rande der UN-Vollversammlung die allein friedlichen Ziele eigener Nuklearprogramme: "Es ist ein Unterschied, ob man die Technologie besitzt, um Uran für den Betrieb von Kernkraftwerken anzureichern oder um tatsächlich eine Bombe zu bauen." - Jüngste Untersuchungen der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA) decken sich allerdings nicht ganz mit diesen Erklärungen. Laut IAEA-Generaldirektor Mohammed al-Baradei hätten die Inspektoren in der Anlage Nantanz "Spuren angereicherten Urans" gefunden, das sich zum Bau von Kernwaffen verwenden lässt.

Nach der Auffassung westlicher Experten könnte Iran langfristig auf zwei Wegen versuchen, sich die Bombe zu verschaffen: einerseits über die Anreicherung von Uran via Gaszentrifugen, andererseits über eine mögliche Wiederaufbereitung abgebrannter Kernstäbe aus einem Schwerwasserreaktor. Ein Indiz dafür, sagt die IAEA, seien die Funde hochangereicherten Urans an Gaszentrifugen in der Uranaufbereitungsanlage in Natanz. Irans Atombehörde widerspricht, die Anlage - sie liegt etwa 300 Kilometer südlich von Teheran - diene allein zivilen Zwecken.

Tatsache ist, dass in derartigen Atomkraftwerken als Brennstoff lediglich schwach angereichertes Uran benötigt wird. Außerdem soll in Natanz eine unterirdische Anlage im Bau sein, die bis zu 50.000 Zentrifugen aufnehmen könnte, mit denen sich auch hochangereichertes - sprich: waffentaugliches - Uran herstellen lässt.

Schließlich moniert der IAEA-Generaldirektor auch eine kleine Uhrenfabrik namens Kalaye Electric Co in Teheran. Geht man nach dem iranischen Betreiber, sind in diesem Unternehmen von 1997 bis 2002 einige Gaszentrifugen gebaut worden, ohne dass Uran angereichert wurde. Im März und im Juni 2003 jedoch sahen sich IAEA-Inspektoren, als sie Zutritt zu diesem Betrieb verlangten, vor verschlossenen Türen. Erst im August durften sie in einer mittlerweile renovierten Kalaye-Fabrik Proben nehmen. Anfang Oktober meldete die Nachrichtenagentur Reuters, man habe auch dort Spuren hoch angereicherten Urans gefunden.

Ohnehin hatten die Atombehörde in Teheran bereits im Mai gegenüber der IAEA eingeräumt, 1991 etwa 1,8 Tonnen Natururan aus China importiert zu haben. Von einem Teil dieses Materials fehlt jede Spur, ein anderer soll im Jahr 2000 in Uranmetall umgewandelt worden sein. Wie al-Baradei erklärt, ist der Verbleib des Uranmetalls "im von Iran gemeldeten nuklearen Kreislauf unklar, weil weder seine Leichtwasserreaktoren noch der geplante Schwerwasserreaktor Uranmetall als Brennstoff benötigen". Doch sei es geeignet, um Atombomben herzustellen.

Die bisherigen Recherchen der IAEA liefern den USA einen Vorwand mehr, Teheran stärker unter Druck zu setzen. Russland erweist sich dabei als geeigneter Partner, um diesen Druck effektiv zu machen. Ohne das Dilemma im Irak wäre die Bush-Administration vielleicht schon der Empfehlung des Pentagons gefolgt, die lautet: "ein Sturz des iranischen Regimes ist die beste Lösung auch für die nukleare Besorgnis". So aber verhandeln die USA mit Russland, das Iran bisher beim Aufbau des zivilen Atomprojekts in Bushehr unterstützt hat, um den Kreml zu überzeugen, den nuklearen Brennstoff für besagten Standort erst nach einer Unterzeichnung des Zusatzprotokolls durch Teheran zu liefern. (Mit diesem bereits ausgearbeiteten Papier verpflichtet sich die islamische Regierung, ihr Nuklearprogramm einem strikten Kontrollsystem der IAEA zu unterwerfen.) Russland wird nicht nur diesen Wunsch von Präsident Bush erfüllen, sondern darüber hinaus den Brennstoff nach dem Abbrennen in Bushehr zurücknehmen.

Auch die EU nähert sich im Streit um das iranische Nuklearprogramm der US-Position an. Seit mehr als sechs Monaten verhandelt Brüssel mit der iranischen Regierung über eine engere wirtschaftliche und politische Kooperation - und nun schwebt über den Gesprächen unversehens ein Junktim: Zusammenarbeit nur gegen den nachprüfbaren Verzicht auf die Entwicklung von Nuklearwaffen. Angesicht der miserablen ökonomischen Lage, die nicht zuletzt dem Embargo der USA geschuldet ist, darf angenommen werden, dass Teheran sein vitales Interesse an einer Verständigung mit der EU nicht verliert.

Zwar räumte Ali Akbar Salehi, Irans Sprecher bei der IAEA, Anfang Oktober ein, dass an einem zweiten Ort im Land Spuren von hoch angereichertem Uran gefunden worden seien, betonte aber zugleich, das Uran sei nicht in seinem Land produziert worden. Auch die Inspektoren räumten ein, die bloße Existenz von angereichertem Uran sei noch kein stichhaltiger Beweis dafür, dass man den Stoff in Iran bearbeitet habe. Schließlich setzte die IAEA bei ihrer letzten Direktoriumssitzung in Wien ein Ultimatum, das Ende Oktober ablaufen wird. Bis dahin soll Iran sein Atomprogramm vollständig offen legen und nachweisen, dass nirgendwo verbotene Forschungen stattfinden. Sanktionen werden zunächst nicht angedroht. Sollte die IAEA im November jedoch feststellen, dass Teheran seine Verpflichtungen ignoriert, ist eine Intervention des UN-Sicherheitsrates nicht auszuschließen - und dann drohen Sanktionen.


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USA/Iran: Erbitterte Feindschaft

Solange der Iran für George W. Bush Teil einer "Achse des Bösen" ist, bleibt auch jede Verständigung mit den moderaten Kräfte innerhalb der Regierung von Präsident Khatami ausgeschlossen. Zur Rechtfertigung ihrer aggressiven Politik gegenüber der Islamischen Republik gelten für die US-Administration im wesentlichen vier Begründungen. Ein Militärschlag wird dabei nach wie vor nicht ausgeschlossen.

I. Internationaler Terror
Washington wirft Iran vor, al Qaida-Mitglieder zu beherbergen und den freien Transit zwischen Afghanistan und Syrien wie auch dem Libanon zu gewähren.

II. Massenvernichtungswaffen
Iran wird unterstellt, ebenso wie der Irak die Produktion von biologischen, chemischen und nuklearen Massenvernichtungswaffen aktiv vorzubereiten oder begonnen zu haben.

III. Messianischer Fundamentalismus
Die US-Regierung geht davon, dass in Teheran ein fundamentalistischer Führungszirkel jeden Reformansatz - vor allem eine innere Demokratisierung - verhindert.

IV. Regionale Balance
Washington betrachtet es als eine Konsequenz des Sturzes von Saddam Hussein, dass die Islamische Republik versucht, an Einfluss und Territorium in der Region zu gewinnen und den überwiegend schiitisch bewohnten Südirak zu annektieren.

00:00 17.10.2003

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