Heavy´s Girls und Lazy TV

Medientagebuch IPTV oder das Fernsehen von heute mit der Technik von morgen gesehen. Ein Selbstversuch

Zattoo, Babelgum, BBC iPlayer und Joost TV heißen die Kandidaten einer neuen Sendergeneration, die das zeitgenössische Fernsehen auf den Rechner transportieren sollen. Gemeinsam ist ihnen im Unterschied zu Videoportalen wie Youtube, dass sie nicht auf user-generated content, also Eigenproduktionen, Trailer und nichtlizensierte Filmschnipsel setzen. Außerdem bedarf es keines üblichen Mediaplayers, sondern einer speziellen Software, um das Angebot abspielen zu können. Zattoo und die BBC, in Sachen Digitalisierungspolitik ein Vorreiter, orientieren sich dabei am traditionellen Fernsehen, indem sie gesendete Fernsehinhalte über das Netz für den Hausgebrauch zur Verfügung stellen. Was zunächst außer der Zeitunabhängigkeit des Konsums nur bedingt Sexiness verspricht, da etwa RTL-Sendungen auch auf dem Laptop nicht spannender werden. Tatsächlich steckt darin Potential, insofern ausländische Fernsehsender einfacher goutierbar werden. Der BBC iPlayer ermöglicht, mehr als nur das via Kabel oder Satellit empfangbare internationale Programm BBC World zu sehen: Ein Großteil der aktuellen britischen Eigenproduktionen soll bereitgestellt und 30 Tage lang abrufbar bleiben. Das bedeutet, ausgefuchste Tierdokumentationen und wirklich lustige Comedy sehen zu können. Denn wer schon einmal Ricky Gervais´ Sendungen Extras oder Little Britain in der Synchronfassung auf Comedy Central gesehen hat, wird gemerkt haben, dass mit der Übersetzung der komplette Humor flöten gegangen ist. Doch wie Zattoo, auf das man zur Zeit nur von Schweizer Boden aus Zugriff haben kann, platzt der Traum vom gebührenfreien BBC-Gucken rasch. Die BBC ist nur in Großbritannien großzügig und die Globalisierung hat Grenzen in Form von IP-Adressen: Wer versucht, außerhalb der Insel zum Programm Zugang zu finden, erhält die Nachricht, dass der Service im Ausland leider nicht verfügbar sei.

Einen anderen Weg gehen Joost und Babelgum, deren Programm sich nicht ausschließlich auf bereits gesendete beziehungsweise live gestreamte Fernsehproduktionen stützt. Babelgum steht in Sachen Aufmerksamkeit deutlich im medialen Schatten von Joost, was an dessen Gründern Janus Friis und Niklas Zenström liegen dürfte. Beide haben mit Kazaa (Musik-/Filmtauschbörse) und Skype (Voice-over-Internet-Telefonie) bereits zweimal bewiesen, wie man mit kostenlosen Filesharing-Programmen Geschäfte machen kann. Diese Technik liegt nun auch dem Internet-Protokoll-Fernsehen (IPTV) zugrunde. Das Zauberwort lautet Peer to Peer (P2P)-Technologie: Die Inhalte kommen nicht von einem zentralen Server, sondern werden auf Knoten verteilt und in Paketen über das Netzwerk der User geschickt. Wer Joost guckt, empfängt gleichzeitig einen Stream und sendet munter Datenpäckchen an andere Zuschauer weiter. Für die Anbieter bedeutet dies, mit geringeren Bandbreitenkosten als etwa Videoportale wie Youtube operieren zu können.

Zur Zeit umfasst der Programmkatalog von Joost etwa 150 Sender, die in der Mehrzahl zu den Sparten Musikclips, Sport, Comedy und Animation zählen. Neben bekannten Namen wie MTV oder Aardman Animations (Wallace Gromit) - die ihre famose Reihe Creature Comforts zur Verfügung stellen - begegnen dem Nutzer unzählige Nischensender wie Wedding TV, die teilweise im Netz ausgestrahlt werden, und obskure Kanäle wie Heavy´s Girls, bei denen nicht deutlich wird, ob es sich um Zweitverwertungen oder eigens für Joost produzierte Inhalte handelt. Die Programmbeschreibung ("They have funny minds, great bodies, cameras and no boyfriends") lässt an großen Versprechungen jedenfalls nichts aus.

Jede Mainstream-Nische wird bedient und so finden sich Poker-Kanäle neben Sendungen für Menschen, die Faulheit als Lebensmotto entdeckt haben (Lazy TV). Besonders die Zielgruppe "ganzer Mann" soll sich von gleich mehreren Kanälen rund ums Mannsein angesprochen fühlen. Hier scheint Dude TV einiges bieten zu können: "Dude! This is your channel! All you could want in one place: bikers, babes and a whole lot of bruises." Generell dominieren kurze Formate, da lange Spielfilme wohl noch immer zu datenintensiv für die Übermittlung sind. Vor die Inhalte ist teilweise Werbung geschaltet, sie können gespult und im Vollbildmodus gesichtet werden. Während Umschalten auf Vollbildmodus und Spulen meist einigermaßen reibungslos bewerkstelligt werden kann, geht der Kanalwechsel schon einmal schief. In diesem Fall hört man dann einen Harry Potter-Werbespot und sieht dazu ein Bild aus einer traurigen Dokumentation, das sich nicht entscheiden kann, ob es nur ruckeln oder komplett einfrieren soll. Babelgum hingegen schaffte die Hürde Kanalwechsel relativ flockig. Andererseits: Was nützt das, wenn es kaum interessante Inhalte gibt, zwischen denen man hin und her springen möchte? Zapping im Fernsehen ist etwas anderes.

Joost wirbt in einem Clip vollmundig damit, das Beste am Fernsehen mit dem Besten am Internet zu verbinden. Das Beste am Netz scheint darin zu bestehen, zu allem seinen Senf geben zu können. Deswegen offeriert Joost als zeitgenössische Variante der Fernsehzeitschrift Chats und Bewertungsmöglichkeiten zu den Sendungen. Für die meisten Angehörigen der Altersklassen Ü30 dürfte dieses Angebot lässlich sein. Aber die Zukunft des Fernsehens betrifft wohl zuerst die Jugend von heute. Das Beste des Fernsehens bleibt dagegen zum jetzigen Zeitpunkt noch weitgehend auf der Strecke. Zwar ist mit Reuters ein Informationsdienst im Boot von Joost, der wöchentliche Nachrichten-Sendungen über Technik und Showbiz ausstrahlt; an einem Format, das Nachrichten tagesaktuell aufarbeitet, mangelt es.

So kann zum gegenwärtigen Entwicklungsstand noch keine Rede davon sein, dass Joost oder Babelgum dem traditionellen Fernsehen die Show stehlen würden. Aus Mangel an qualitativ interessanten Inhalten eröffnet sich dadurch aktuell nur die Möglichkeit, Technik erproben zu dürfen, die in den nächsten Jahren wahrscheinlich unausweichlich sein wird. Bis Hotelzimmer keine Fernsehapparate mehr brauchen, weil alle per Laptop fernschauen, sind Fernsehnachrichten oder Serien-DVDs die verlockendere Option. Ein neuer Fernseher kann also ruhig noch angeschafft werden.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare