Hebamme im Talar

Fritz Bauer zum 100. Geburtstag Der Strafprozess als Laboratorium der Erkennntnis

Als Elfjähriger hatte ich die nicht ungewöhnliche Frage, was ich einmal werden möchte, mit der Zeichnung eines großen Firmenschildes beantwortet, auf dem unter meinem Namen als Beruf "Oberstaatsanwalt" stand. Das Firmenschild war denen der Rechtsanwälte nachgeahmt; Oberstaatsanwalt war in meiner Vorstellung so etwas wie ein besserer Rechtsanwalt." So erinnert sich Fritz Bauer 1955 an seine frühesten Träume.

Verschwiegene Wahrheiten

Fritz Bauer sah seine Hauptaufgabe nie in der Produktion von Strafurteilen. Die Strafverbüßung nach Abschluss eines Prozesses galt ihm wenig, die Erkenntnis über den Grund des Verbrechens alles. Dies besonders bezogen auf den Nationalsozialismus, der nur durch das aktive Zutun vieler Einzelner seine vernichtende Gewalt entfalten konnte. So brachte er verschwiegene Wahrheit zur Welt, schreiend, schmutzig und arm.

Schon Sokrates hatte sich als Hebamme der Erkenntnis gesehen. In dem von ihm überlieferten Bild bleibt freilich das oft Blutige aller Geburten verschwiegen, der manchmal notwendig gewaltsame Zugriff dessen, der der Wahrheit ans Licht verhelfen will. Bauer, Hebamme im Talar, machte vor allem mit diesen Notwendigkeiten seine Erfahrung.

Geboren wurde Fritz Bauer am 16. Juli 1903 als Sohn des Textilgroßhändlers Ludwig Bauer in Stuttgart. Die Familie lebte nach jüdisch-orthodoxer Tradition, der sich der Sohn alsbald entschieden entzog, ohne je seine Verbundenheit mit der Sache des Judentums aufzugeben. Nach dem Jura-Studium in Heidelberg wurde er im April 1930 zum jüngsten Amtsrichter Stuttgarts bestellt.

Die Nationalsozialisten setzten der gerade begonnenen Karriere exakt drei Jahre später ein jähes Ende. Nach monatelanger Haft im KZ Heuberg und der Ulmer Strafanstalt wurde Fritz Bauer Ende 1933 zwar wieder entlassen, 1936 jedoch sah er sich gezwungen, zunächst nach Dänemark und 1943 nach Schweden zu fliehen.

Nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus gehörte Fritz Bauer zu den wenigen Emigranten, die in der neuen Bundesrepublik zu Amt und Würden kamen: 1949 zunächst als Landgerichtsdirektor, dann zum Generalstaatsanwalt nach Braunschweig berufen, holte ihn der hessische Ministerpräsident Georg August Zinn 1956 in dieser Funktion nach Frankfurt. Da war Fritz Bauer bereits durch das Beleidigungsverfahren gegen Major Remer bekannt geworden.

Landesverrat am Unrechtsstaat?

Otto Ernst Remer war der Offizier gewesen, den Joseph Goebbels am 20. Juli 1944 dazu gebracht hatte, sich unter seinen Befehl zu stellen und die Verschwörer in der Bendlerstraße zu verhaften. Als hoher Funktionär der Sozialistischen Reichspartei (SRP) hatte Remer nach dem Krieg die Attentäter um Stauffenberg als "Landesverräter" bezeichnet. In dem vom damaligen Innenminister Lehr gestellten Strafantrag sah Bauer eine Chance. Sein Plädoyer zielte darauf ab, das Gericht zu zwingen, das gesamte NS-System als Unrechtsstaat anzuerkennen. Das schien wenig, doch angesichts der seit 1945 gängigen Annahme, in der Diktatur sei Recht nur gebeugt worden, war es viel. "Landesverrat" an einem Unrechtsstaat ist kein Straftatbestand. Dagegen wog es wenig, dass Remer nur zu einer geringen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, der er sich darüber hinaus durch seine Flucht in den Nahen Osten entzog.

Kennzeichnend für das spätere Vorgehen Bauers war das Aufgebot von Gutachtern und Hintergrundzeugen, mit denen er den Prozess abstützte, sowie die Einbeziehung einer breiten Öffentlichkeit, die im Auschwitzprozess wichtig wurde. Dies galt auch für die damals noch junge und wenig beachtete Zunft der Zeithistoriker, die er zu Gruben- und Gräberarbeit zwang.

Verbunden mit Fritz Bauer bleibt der Auschwitzprozess, den er als Generalstaatsanwalt in Hessen mitorganisierte (ab Dezember 1963). Der Zeithistoriker Norbert Frei zeichnet in seinem Buch Vergangenheitspolitik minutiös den Konsens der Adenauerzeit im Willen zu Amnestie und Amnesie nach.

Wie konnte gegen diese Betondecke angegangen werden? Zufallsfunde kamen Fritz Bauer zu Hilfe. Ein Journalist hatte bei einem Vertriebenen aus Breslau halbverkohlte Blätter gefunden. Es stellte sich heraus, dass es sich um formlose Erschießungsprotokolle aus Auschwitz handelte, Überreste der bürokratischen Korrektheit, ohne die sich die SS ihre Vernichtungsarbeit nicht erlaubte. Mit diesen Blättern als Beweismittel konnte Bauer das Bundesgericht dazu bringen, der Staatsanwaltschaft Frankfurt die gesamte Zuständigkeit für den Komplex Auschwitz zuzusprechen und die Ermittlungen aufzunehmen. Bis dahin lebten die später Angeklagten unter eigenem Namen fast 20 Jahre nach Kriegsende als Apotheker, Krankenpfleger, Fabrikanten in ihren Heimatorten, unauffällig, unangefochten.

Eine weitere Hilfe war Bauer der Prozess gegen Eichmann in Jerusalem, an dessen Auffindung er selbst beteiligt war. In der unüberschaubaren Schar der Zeugen offenbarte sich nicht nur das Leiden des jüdischen Volkes, sondern der Blick richtete sich zwangsläufig auch auf Deutschland: Wo waren die, die die Bluttat für Eichmann und mit ihm zu Ende führten?

Befehlsnotstand

Im Prozess selbst verschanzten sich die Angeklagten hinter dem Befehlsnotstand. Juristisch hätte das zur Folge gehabt, dass sie höchstens wegen Beihilfe zum Mord hätten verurteilt werden können. Es kam für die Staatsanwaltschaft also darauf an, sie des Willens zur Tat zu überführen. Gerade im Missverhältnis zwischen der unbedeutenden, unauffälligen Nachkriegsexistenz und der Monstrosität der Verbrechen offenbarte sich, wozu Menschen unter gegebenen und geduldeten Umständen fähig sind. Bauer ging es um die Aufdeckung der zum Dauerverbrechen gewordenen Realität, beispielsweise in einem Prozess, den er wenige Monate vor seinem Tod gegen die Teilnehmer einer reichsweiten Justizkonferenz von 1941, die die "Euthanasie"-Morde juristisch absichern sollte, anstrengte. Nach Bauers Tod wurde das Verfahren eingestellt.

Woran liegt es, dass sich der Nürnberger Prozess, der gegen Eichmann und der gegen die Auschwitz-Täter so stark ins allgemeine Bewusstsein eingegraben haben? Kein Mauerschützen-Prozess, keine Verhandlung gegen Mielke oder Honecker konnte annähernd diese Wirkung erreichen. Während dort die Tat in einen juristischen Tatbestand verwandelt wurde, stieg im Auschwitzprozess das Wort, dank einer Vielzahl von Zeugenaussagen, von der Bühne. Unvergesslich hat dies Peter Weiss in seinem Oratorium Die Ermittlung festgehalten. Die Möglichkeit, an das anzuknüpfen, was einmalig an Auschwitz war, verdanken wir der Initiative Bauers.

Am 16. Juli 2003 veranstaltet das Fritz-Bauer-Institut zusammen mit der Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt/M. eine Gedenkveranstaltung mit einem Konzert des Ensemble Modern. Info: Fritz Bauer Institut, Manuela Ritzheim, Tel.: 0 69-79 83 22-33, Fax: -41, E-mail: m.ritzheim@frietz-bauer-institut.de

Der Landesverband der VVN Baden-Württemberg macht am 25. September 2003 in Stuttgart anlässlich des 100. Geburtstags von Fritz Bauer eine Veranstaltung zum Thema Möglichkeiten und Grenzen der Justiz im Umgang mit Geschichte.

00:00 18.07.2003

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