Heil Allende!

"Wissenschaftlicher" Antikommunismus Chiles erster sozialistischer Präsident wird als verkappter Antisemit und Nationalsozialist diffamiert

Victor Farías hat einen guten Riecher für Skandale, und vor allem dafür, wie sie sich weltweit entfachen lassen. Dabei ist der seit 1974 am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin lehrende Exil-Chilene keineswegs bescheiden. Schon 1987 versuchte er als damals 47-jähriger Philosoph eine Ikone seines Fachs, seinen einstigen Lehrer Martin Heidegger, zu demontieren. Es gelang zwar kaum, aber das Buch Heidegger et le Nazisme eröffnete besonders in Frankreich kurzzeitig eine Debatte, die mit dem "Heil Heidegger!" - so die damalige Überschrift der Tageszeitung Libération - die dortige Philosophie in eine Krise stürzte.

18 Jahre später löst Farías nun erneut einen Skandal aus. In seiner Studie Salvador Allende. Antisemitismo y Eutanasia, im März 2005 in Chile erschienen (und im April in Spanien unter dem Titel Salvador Allende: contra los judíos, los homosexuales y otros ›degenerados‹), versucht er nun seinen früheren "Compañero Presidente" vom Sockel zu stoßen. Am Pranger steht mit Salvador Allende eine Ikone der unabhängigen Linken, dem Farías ausdrücklich Antisemitismus und Rassismus vorwirft und den er einst selbst bewunderte. Auf "Heil Heidegger" folgt "Heil Allende". Aber warum sollte ausgerechnet der erste frei gewählte marxistische Präsident der Welt ein verkappter Antisemit gewesen sein - der Sozialist ein verkappter Nationalsozialist?

Zunächst versucht Farías, seine Vorwürfe an Allendes 1933 eingereichter Doktorarbeit Psychohygiene und Verbrechen zu belegen. "Die Juden sind bekannt für bestimmte Straftaten: Betrug, Falschheit, Verleumdung und vor allem Wucher." Das klingt eindeutig und ist auch reißerisch auf den Umschlag der spanischen Buchausgabe gedruckt. Doch was Farías und sein Verlag als Meinung Allendes verkaufen, ist tatsächlich ein Satz des italienischen Kriminologen Cesare Lombroso (1835-1909), den Allende in seiner Doktorarbeit indirekt zitiert. Allende beschäftigte sich in seiner Abhandlung mit den Aussagen Lombrosos über den vermeintlichen Zusammenhang von "Rasse" und Verbrechen, da sich die im Aufstieg befindlichen italienischen und deutschen Faschisten auf ihn beriefen. Eine Verbindung von "Rasse" und Verbrechen wies er jedoch eindeutig und kategorisch zurück. "Es gibt keine Belege für diesen Einfluss", schrieb er. Farías versucht, genau das Gegenteil zu suggerieren. Mit wissenschaftlichem Interesse lässt sich dies kaum erklären.

Auch wenn der 25-jährige Allende in seiner Doktorarbeit an manchen Stellen zu unkritisch die biologistischen Lehren seiner Zeit referierte - man muss ihn schon gewaltig aus dem historischen Kontext reißen, um ihn so wie Farías fehl zu interpretieren. Der biologistische und rassistische Positivismus war schließlich in Lateinamerika ebenso wie in den USA oder in Europa an Universitäten und Forschungsinstituten bis zum Zweiten Weltkrieg und den Verbrechen des Naziregimes Ton angebend.

Telegramm an Adolf Hitler

In seiner Doktorarbeit hat Allende in Wirklichkeit bereits versucht, die "exogenen Faktoren für Demenz und Verbrechen" soziologisch zu erklären. Der vorherrschenden Lehrmeinung stellte er damals weniger beliebte Thesen entgegen. "Die Gesellschaft formt ihre Verbrecher", schrieb er, "oder lässt ihre Menschen besser werden." Und, "dass im individuellen sowie im gesellschaftlichen, ein ethischer Imperativ dazu verpflichtet, jegliche Aktivität darauf auszurichten, dass der Mensch seine Begrenzung überwindet." Liberaler, ja humanistischer, war dies nach damaligem Verständnis kaum zu formulieren - sofern man nicht marxistisch argumentierte. Und 1933 sprach hier noch ein liberaler Allende, nicht der "indoktrinierte und indoktrinierende", der spätere Marxist an der Spitze der chilenischen Unidad Popular (Volksfront), der Farías so starke Kopfschmerzen bereitet und heute zu immer neuen Hasstiraden gegen den "marxistischen Totalitarismus" veranlasst.

Eine weitere Behauptung Farías wirkt ebenfalls verwunderlich. Er habe - so sagte er - für sein jetziges Buch die "lang verschollene" Dissertation Allendes "wieder entdeckt". Nur, Allendes Arbeit war nie aus dem Bestand der Universitätsbibliothek von Santiago de Chile entfernt worden, also öffentlich zugänglich. In Reaktion auf Farías - und in Absprache mit Allendes Familie - hat die in Madrid ansässige Allende-Stiftung inzwischen den vollständigen Text der Dissertation von 1933 ins Netz gestellt (www.elclarin.cl/hemeroteca.html). Man habe schließlich nichts zu verbergen, sagt der Sprecher der Stiftung, Joan E. Garcés, früher ein enger Mitarbeiter Allendes.

Unter anderen findet sich auf der Webseite auch der Briefwechsel zwischen dem Präsidenten Allende und dem Vorsitzenden des Jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, Simon Wiesenthal, aus den siebziger Jahren. Ebenso der Wortlaut eines Telegramms, das der junge chilenische Abgeordnete Allende zusammen mit anderen im Januar 1938 an Adolf Hitler schickte, um gegen die "tragische und inhumane Verfolgung der Juden" in Deutschland zu protestieren.

Farías aber unterstellt Allende eine Komplizenschaft mit den deutschen Nazis und deren Methoden. Während der chilenischen Volksfrontregierung unter Pedro Aguirre Cerda (1938-1941) soll der damalige Gesundheitsminister Allende, laut Farías, einen Gesetzesentwurf zur Sterilisierung von Geisteskranken erzwungen haben. Joan E. Garcés, alternativer Nobelpreisträger, hält dies für ein Hirngespinst. Zum Beleg kann er aus zahlreichen historischen Dokumenten zitieren. In Interviews jener Zeit nannte Allende seine Prioritäten als Minister wie folgt: Eine bessere Hilfe für Mütter und deren Kinder; ein Recht auf Bildung und Schulpflicht für alle. Ferner beschäftigte er sich mit dem Kampf gegen Geschlechtskrankheiten, mit Alkoholismus und Drogenmissbrauch. Die Eugenik selbst - die "Aufbesserung der genetischen Qualität" von Menschen durch freiwillige oder erzwungene Sterilisationen - kam im Gegensatz zu den USA oder Europa (in Schweden wurde sie bis in die siebziger Jahre hinein praktiziert) in Chile nie zur Anwendung.

Briefwechsel mit Simon Wiesenthal

Einen weiteren "Beleg" für Allendes angeblichen Antisemitismus veröffentlichte Farías bereits 2000 im Epilog seines Buchs Die Nazis in Chile. Schon damals legte er nahe, Allende habe sich als Präsident aus ideologischen Motiven geweigert, den Nazi-Verbrecher Walter Rauff, an die bundesdeutsche Justiz auszuliefern. Um dies zu untermauern, zitierte er - unvollständig - aus einem Briefwechsel zwischen Allende und Simon Wiesenthal. In einem Brief vom 21. August 1972 hatte sich Wiesenthal an den damaligen chilenischen Präsidenten gewandt. Er erbat, die 1963 (also vor Allendes Amtszeit) erfolgte Ablehnung einer Auslieferung des SS-Standartenführers Rauff durch die chilenische Justiz überprüfen zu lassen. "Millionen von Menschen (...) werden Ihnen dankbar sein", schrieb Wiesenthal, "wenn es gelingt, Walter Rauff zu verhaften und ihn dem zuständigen deutschen Landgericht in Osnabrück zu übergeben, damit er sich für den Tod von fast 100.000 Menschen verantworten kann."

Allende antwortete: "Ich bedauere sehr, Herr Wiesenthal, dass ich auf Ihr Gesuch negativ antworten muss. Ich habe ein ums andere Mal Ihre Ausdauer bewundert, mit welch unermüdlicher Hartnäckigkeit Sie die Täter der schrecklichsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte verfolgten. Aber ich weiß auch, dass Sie geltendes Recht, an das meine Regierung gebunden ist, respektieren; daher bin ich sicher, dass Sie meine Haltung als Präsident der Republik verstehen werden." Darüber hinaus wies er Wiesenthal auf die Möglichkeit hin, die Bundesrepublik könne einen neuen Auslieferungsantrag stellen und die chilenische Justiz so den Fall erneut bearbeiten. Dies tut Farías als bürokratischen Trick Allendes ab. Der sozialistische Politiker habe "nicht den geringsten Anschein tatkräftiger Solidarität erkennen" lassen. Doch Wiesenthal bekundete keineswegs "Befremden" über Allendes angeblich so "kalte, unsolidarische und distanziert bürokratische Art". In einem Brief vom 3. November 1972 bedankt er sich bei Allende für dessen "äußerst humanistischen Brief, der mir Ihre edle Art zu denken bestätigt." Weiter heißt es: "Ich kann Ihre begrenzten Möglichkeiten vollkommen verstehen". Das erwähnt Farías nicht. Genauso wenig Wiesenthals Erinnerungen in dem Buch Gerechtigkeit, nicht Rache von 1989. Da schrieb er noch einmal: "Allende antwortete sehr herzlich."

Auch andere von Farías in Umlauf gebrachte Verleumdungen halten der Überprüfung nicht stand. Die angebliche Bestechung von sozialistischen Ministern in der Volksfront der späten dreißiger Jahre (inklusive des Gesundheitsministers Allende) durch die Nazis, bleibt eine unbelegte Hypothese. Farías, der Rufmörder, sei "selbst vergiftet von seiner Nazilektüre", sagt Garcés. Der frühere Allende-Berater verweist im Übrigen auf das, was sich weit besser belegen ließe: "Wenn es etwas gab, das Allende als Minister und Staatschef verachtete, dann war es die Vermischung von Geld und Politik." Wegen dieser Unbestechlichkeit wurde er 1973 schließlich aus dem Amt geputscht und musste sterben.

Nicht einmal die chilenische Rechte hat es bislang gewagt, das Bild Allendes so zu verunglimpfen wie das Farías jetzt tut, der bereits 2000 die These vertrat, Allende und die chilenische Linke seien in Wahrheit von Nationalsozialisten unterwandert gewesen. Dazu stellte Farías eine sechsbändige, über 5.000 Seiten umfassende Spezialdokumentation zusammen (La izquierda chilena [1969-1973]: documentos para el estudio de su línea estratégica, 2000), um nachzuweisen, wie latent "terroristisch und totalitär" Allendes Unidad Popular gewesen sei. Nicht verwunderlich scheint da sein jüngst in Berlin gemachter Vorschlag, die nach Allende benannten Straßen in Deutschland umzubenennen. Genauso würde man verfahren, falls es eine Goebbels-Straße gäbe, meinte er in einer Fernsehsendung.

Ob die Allende-Schmähschrift noch ein juristisches Nachspiel hat, bleibt abzuwarten. Die vermeintliche Demontage Allendes schlägt aber schon jetzt in Farías eigene um. Derzeit durchforstet er nach eigenem Bekunden die "Telegramme, die kurz vor dem Putsch gesendet wurden. Es sind mehrere Kilometer Papier. Und was für Sachen man dort entdecken kann! Danach kehre ich nach Chile zurück." Ob er da weitere Belege für den verbrecherischen Charakter der Unidad Popular finden wird? Farías, das frühere Mitglied der Aktionsbewegung der Volkseinheit (Mapu), die der Unidad Popular angehörte, wird dort sicherlich schon sehnlichst erwartet. Und was für eine Götzendämmerung, wenn er dort all die "totalitaristischen" Allende-Denkmäler vom Sockel holt. Etwas, was ihm aber so weder in Chile noch in Deutschland gelingen dürfte.

2 cellpadding=10 cellspacing=2> Zum Vergleich

Victor Farías 2005:

"Salvador Allende postuliert nicht nur die Rasse als bestimmendes Kriterium des Verhaltens, sondern geht so weit, zu glauben, Rassentypologien vorzufinden (wie die der ›Juden‹ oder der ›Zigeuner‹), die gewöhnliches krankhaftes Verhalten erklären. Diese Frage wird von Allende besonders radikal formuliert. Gegenüber den bestimmenden wie auch den zufälligen Anomalien soll uns die Psychohygiene die theoretische Grundlage geben zur Verteidigung des Kollektivs vor geistesbehinderten und gefährlichen Menschen."

Salvador Allende 1933:

"Die Orientierung der Medizinwissenschaften in der Gegenwart ist mit der sozioökonomischen Entwicklung der Menschheit verknüpft. Ihr Hauptaugenmerk ist daher nicht auf das kranke Individuum als ein isoliertes gerichtet, sondern auf sein Leben im kollektiven Gefüge. Nicht nur der klinische Fall interessiert den Arzt und weckt seine Leidenschaft, sondern immer mehr die Aufdeckung und Vorhersehung der schädlichen Auswirkungen des gesellschaftlichen Zusammenhangs."

00:00 17.06.2005

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