Heile Welt im briefing room

KOSOVO Die UNO-Mission ist schon nach einem halben Jahr grausam gescheitert. Will sich die Weltorganisation jetzt aus der Verantwortung stehlen?

Wenn man in Prishtina bei Familie G. anklopft, ruft wieder jemand durch die Tür: Wer ist da? Nachdem es zu einigen spektakulären Fällen von Mädchenraub gekommen ist, schickt Familie S. ihre Töchter nur noch in Gruppen zur Schule und lässt sie abends nicht mehr vor die Tür. Beide Familien sind albanischer Nationalität. Sie sagen: Vorher war es auch nicht viel schlimmer. In Podajevo geht man bei Dunkelheit nicht mehr vor die Tür, weil sich draußen konkurrierende Banden bekriegen. Die meisten Serben und Roma sind schon vertrieben; die geblieben sind, leben in ghettoartigen Dörfern oder kompakt im Norden, der de facto noch von Belgrad aus verwaltet wird. Jetzt kommen die slawischen Muslime an die Reihe, und auch katholische Albaner fürchten sich vor Übergriffen. Die Kriminalitätsrate ist im Herbst wieder gestiegen, und immer häufiger haben die Morde und Raubüberfälle mit "Rache" oder ethnischen Konflikten gar nichts mehr zu tun. Bis zur ersten Massenflucht aus wirtschaftlichen Gründen ist es nur noch eine Frage der Zeit. Ein halbes Jahr nach der Besetzung versinkt das Kosovo in Chaos und Verbrechen.

Nur im briefing room der UNO wird alles immer besser. Erst steil, dann langsam, hier und da gezackt, im Verlauf aber kontinuierlich fällt die Kurve der Morde seit Mitte Juni ab, um nun schon seit Mitte August knapp über der Marke Null zu dümpeln. Alles im Griff: das ist die Botschaft der Diagramme, die fleißige Öffentlichkeitsarbeiter der UNO-Mission im Kosovo allwöchentlich neu zeichnen. Von schwindelerregenden 190 ist die Kurve inzwischen auf "beruhigende" 32 gefallen. Auf Pressekonferenzen wird die Zahl der Morde, die Leitmarke für die öffentliche Sicherheit, jede Woche aktuell mit der in Washington, London, Berlin und Moskau verglichen, und meistens steht das kriegsgebeutelte Land nicht so schlecht da.

Serben und Roma, die bevorzugten Mord opfer im Kosovo, können sich darüber aber nicht recht freuen; in Wirklichkeit ist die Besserung nämlich ein rein statistisches Ereignis. Die 190 und die 32, die den Sicherheitsgewinn markieren sollen, sind hoch gerechnete Zahlen: aufs Jahr und je 100.000 Einwohner. Das macht die Kriminalstatistik des Kosovo zwar mit der von Washington oder Moskau vergleichbar, sagt aber über die Verhältnisse im Lande nichts aus. Seit Juni ist die Einwohnerzahl des Kosovo auf das Doppelte gestiegen, die Zahl der Serben und Roma aber um zwei Drittel gesunken. Das individuelle Risiko eines Serben, Opfer eines Mordes zu werden, hat sich seit Beginn der Besetzung entsprechend erhöht.

Neben den Morden erfassen die Statistiker Brandstiftungen, Plünderungen und Entführungen - auch mit jeweils sinkender Tendenz, besonders bei den Plünderungen. In die Statistik kommen nur angezeigte Fälle, aber im Kosovo gibt es - anders als überall sonst in der Welt - sogar bei Mord eine Dunkelziffer. Angehörige Ermordeter trauen sich oft nicht, die Tat den Kfor-Soldaten zu melden, aus Angst, dann selber angegriffen zu werden. Von den Plünderungen ganz zu schweigen. Die sie anzeigen könnten, sind meistens längst geflohen. Manchmal wissen Zeugen und Angehörige auch nicht, wem sie es wie sagen sollen: Die Soldaten an der Straßenecke sprechen nur Französisch oder Deutsch und haben gerade keinen Dolmetscher dabei. Und wenn, dann ist es ein Albaner.

Mit der Ankündigung von UN-Generalsekretär Kofi Annan, das "multiethnische" Konzept für den Kosovo zu korrigieren, vollzieht der träge Apparat nun verspätet nach, was längst Realität ist. Die Formeln kann man ändern; auf die Realität aber hat die UNO damit weiterhin kaum Zugriff. Was es hier an Ordnung gibt, ist spontan entstanden. Zum Teil stammen die alten Strukturen des autonomen Kosovo aus der Zeit vor 1990, etwa bei der Post, zum Teil sind es die der UÇK, etwa bei den meisten Kommunalverwaltungen. Die UNO dagegen, die an ihrer Stelle stehen sollte, stiftet vornehmlich Unruhe; weder kann sie zwischen den konkurrierenden Strukturen der Albaner vermitteln, noch kann sie diese ersetzen.

Die komplette Übernahme der Autorität über ein Zwei-Millionen-Volk, obendrein bei ungeklärtem völkerrechtlichem Status, war ein Experiment, das grausamer kaum scheitern konnte. Zum Teil liegt es am Geld. Die Freigiebigkeit der internationalen Gemeinschaft war in dem Moment dahin, als die letzte Bombe fiel. Von den versprochenen 5.000 ausländischen Polizisten ist nicht einmal die Hälfte da. Aber selbst wenn es anders wäre, wäre es kaum besser: Wie zu erwarten, sind die fremden Ordnungshüter in dem chaotischen Land hoffnungslos überfordert. Die internationale Polizei ist "präsent", kann aber nicht ermitteln. Bald wird es wieder heißen: Aber wir haben doch soviel Geld in den Kosovo hineingesteckt! Dabei gehen die Summen fast ausschließlich für die fürstlichen Gehälter der vielen internationalen Beamten drauf, die in teuren Jeeps und Landrovern hilf- und ahnungslos ihre Runden durch das Chaos ziehen.

Statt der UNO hätte die OSZE die Verwaltung stellen sollen. Sie hatte bereits ihre Beob achtermission im Lande und verfügte über präzise Pläne zur Reorganisation des Kosovo. Die UNO dagegen kam völlig unvorbereitet; als sie ihren Apparat installiert hatte, wurde der schon nicht mehr benötigt. Aber selbst die OSZE hätte das schwierige Mandat wohl kaum bewältigt. Es war ein fataler Irrtum zu meinen, man könne ein Land wie den Kosovo von außen administrieren. Die internationale Gemeinschaft glaubte, aus Bosnien gelernt zu haben, wo die Strukturen der ethnischen Gruppen nach dem Daytoner Friedensvertrag erhalten blieben. Allein, das bosnische Modell wurde ein Misserfolg: Die Strukturen erwiesen sich als hoch resistent gegen äußere Vorgaben.

Doch in Bosnien lässt sich für ethnische Vertreibungen, Diskriminierung oder Korruption immerhin jemand verantwortlich machen. Im Kosovo nicht mehr; hier steht den ratlosen Verwaltern eine zerstörte Gesellschaft gegenüber, die schlimme Gewalterfahrungen machen musste, zu 85 Prozent arbeitslos ist und für deren Jugend niemand eine Perspektive hat. Manchen Stellungnahmen ist die Hoffnung zu entnehmen, dass die UÇK an allem Schuld wäre; das wäre praktisch. Dann hätte man wenigstens einen Täter, an den man sich halten könnte. Aber in Wirklichkeit verfügt niemand, auch kein Hashim Thaci, über die Macht, der Gewalt und dem Chaos Einhalt zu gebieten. Wenigstens für künftige "Protektorate" ist daraus zu lernen, dass man sich die zu administrierende Gesellschaft vorher etwas genauer anschauen sollte.

Was wird nun aus dem Kosovo? Die UNO kann hier nicht mehr viel richten. Tritt sie autoritär auf, provoziert sie Unruhen gegen sich; die Stimmung ist ohnehin auf dem Nullpunkt. In Zeitungskommentaren wird das Kopfschütteln über die internationals immer heftiger. Tritt die UNO milde auf, ergibt sie sich den konkurrierenden Parteien und mafiosen Banden, wird zum Spielball. Der Chef der zivilen UN-Verwaltung Bernard Kouchner hat früh begriffen, dass aus der UNO-Verwaltung nichts wird, deshalb besteht er auf frühestmöglichen Wahlen. Nicht mehr "langer Atem" ist die Devise, sondern einfach: "Rette sich, wer kann!" Aber gewählt werden kann erst, wenn ein Personenregister erstellt ist - also nicht vor nächstem Herbst. Und selbst danach wird keine Ruhe eintreten. Ihre Verantwortung wird die internationale Gemeinschaft auf diese Weise nicht los.

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00:00 07.01.2000

Ausgabe 42/2021

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