Heiligtum im Stall

Kulturgut Zu Besuch bei dem Schauspieler und Intendanten Peter Sodann. Im sächsischen Staucha hat er eine Bibliothek aufgebaut, in die er alles aufnimmt, was in der DDR verlegt wurde
Wie viele Bücher hier lagern? „Schicken Sie mir drei Kompanien Soldaten, die können sie zählen“, sagt Peter Sodann
Wie viele Bücher hier lagern? „Schicken Sie mir drei Kompanien Soldaten, die können sie zählen“, sagt Peter Sodann

Foto: der Freitag

Vierundzwanzig Kilometer westlich von Meißen, 207 Kilometer südlich von Berlin liegt Staucha in Sachsen. Die nächste größere Stadt ist Riesa. Mit seinem 85. Geburtstag wollte Peter Sodann eigentlich wieder nach Halle ziehen, wo er einst Schauspieldirektor des Landestheaters und dann Intendant des Neuen Theaters war. Doch auf dem Boden eines einstigen Ritterguts in Staucha steht nicht nur sein Haus, dort lagern auch die vielen Bücher, mit denen er verwachsen ist, mehrere Millionen werden es wohl sein.

Wir gehen über den Hof, und ein Mann mit voller Ikea-Tasche kommt uns entgegen. „Kann man hier Bücher abgeben?“ „Noja“, bekommt er zur Antwort. Was er gebracht hat, wird später in Bananenkisten gepackt, weil die sich besser stapeln lassen. „In den Bananenkisten des Westens schlummert das Wissen des Ostens“, steht auf einem Plakat an der Wand der einstigen Scheune – ein großer Raum, und darüber gibt es noch ein Obergeschoss, ebenfalls voller Kisten. Wie viele Bücher hier lagern, will ich wissen. „Schicken Sie mir drei Kompanien Soldaten, die können sie zählen.“

Obgleich viele Leute von dem kleinen Ort Staucha nichts wissen, ich bin wohl nicht die erste Journalistin, die hier auftaucht. Irgendwie müde wirkt Peter Sodann. Deprimiert? Verbittert?

Ist man hier willkommen?

Wie oft in seinem Leben ist er mit Mutlosigkeit konfrontiert gewesen und hat sich doch nie unterkriegen lassen. 1961 ist er wegen staatsgefährdender Hetze zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. Grund war ein Programm im Leipziger Studentenkabarett Rat der Spötter, bei dem laut Wikipedia einem Teddybären ein Exemplar des SED-Zentralorgans Neues Deutschland im Hintern steckte. Die Strafe für den 25-Jährigen wurde später in Bewährung umgewandelt, aber zehn Monate hat er abgesessen. „Ich habe das Glück gehabt, in der DDR alles erlebt zu haben und bin immer noch für die DDR“, sagt er. Mehr nicht.

Mit solcher Haltung macht man sich nicht beliebt in den neuen Verhältnissen. Doch ohne solchen Trotz würde es diese Sammlung nicht geben. Peter Sodann konnte nicht ertragen, wie mit der Währungsunion Bücher auf Müllkippen landeten, weil der Handel sie nicht mehr abnahm und die Lager des Leipziger Kommissions- und Großbuchhandels überfüllt waren. „Wie viele in Kraftwerken verfeuert wurden, das wissen Sie gar nicht“, meint er. Was ihn besonders traf: wie Bibliotheken plötzlich aussortierten.

Sogar wenn Leute ihm Bücher bringen, blutet ihm das Herz. Ich kann sie doch nicht wegschmeißen, bekommt er zu hören. Aber Sie geben sie weg, erwidert er dann. Manch einen hat er vielleicht schon vor den Kopf gestoßen mit seiner grummeligen Art. Statt des vielleicht erwarteten angeregten Gesprächs über Bücher eine Einsilbigkeit, die man als Zurückweisung empfinden könnte. Ist man überhaupt willkommen?

Als einige Wochen nach mir ein Fotograf des Freitag – jung, aus dem Westen und wie bei allen Terminen seit der Corona-Pandemie mit Maske – nach Staucha fährt, kommt es, wie ich später erfahre, zum Eklat. Der Fotograf schildert, dass ihn Sodann vom ersten Moment an von oben herab behandelte: Er habe als Westler keine Ahnung, ihn interessiere das alles eh nicht, er sei wohl einer von den Geimpften. Ob er schon mal von Erich Kästner gehört habe? Alle Bemühungen um einen Austausch auf Augenhöhe seien gescheitert, erzählt der Fotograf. Er hat den Eindruck, hier wollte ihn einer bewusst erniedrigen. Wirklich zusammenarbeiten lässt sich so nicht, die Fotos aus Staucha will er deshalb auch nur ohne seinen Namen in der Zeitung veröffentlicht sehen.

Ich selbst erlebe Sodann anders. Ich gebe mich meinem Staunen hin über das, was er da geschaffen hat. Immer mal wieder kleine Wortgeplänkel, ich reagiere mit Humor, so kommen wir auf eine Wellenlänge.

Er knipst das Licht an, und im Gebälk der Scheune erstrahlt eine Vielzahl verschiedenster Lampen aus DDR-Produktion. Woher er die wohl hat? „Habe ich gesammelt.“ Welcher Aufwand überhaupt, die alten Gebäude zu dämmen, zu täfeln, sie zu regelrechten Schmuckstücken zu machen. Die Scheune beherbergt das riesige Bücherlager und das Antiquariat mit Bänden, die zum Verkauf stehen. Im Internet kann man in den Beständen recherchieren und gegebenenfalls etwas erwerben. Das „Heiligtum“ aber ist die unverkäufliche Bibliothek im einstigen Kuhstall. Lange, lange Regalreihen: „Da brauchen Sie doch nicht bis zum Ende durchzugehen“, sagt Peter Sodann. „Mache ich aber“, entgegne ich. „Da haben Sie ja sogar noch freien Platz, um etwas einzusortieren.“

Gesammelt wird alles, was zwischen dem 9. Mai 1945 und dem 2. Oktober 1989 im Osten Deutschlands publiziert worden ist, Werke von DDR-Autoren, aber nicht nur die. Die Bestände sind nach Verlagen geordnet, von denen es sage und schreibe 260 in der DDR gegeben hat. Da ist die „Bibliothek der deutschen Klassik“ aus dem Aufbau-Verlag Berlin, dort die legendären Insel-Bändchen, wie sie, getreu der historischen Gestaltung, in Leipzig herausgekommen sind, bevor der Insel-Verlag in Frankfurt (Main) wieder der alleinige wurde. Imposant die Spektrum-Reihe internationaler Autoren aus dem Verlag Volk & Welt, der, von der Treuhand von seinem Verlagshaus getrennt, nach 1990 nicht mehr sehr lange lebte. Stunden, Tage könnte man hier verbringen, um zu stöbern. „Und schauen Sie mal, das Indianermuseum Radebeul hat auch was drucken lassen.“ Wie Peter Sodann die Bücher in die Hand nimmt, spürt man, sie sind gleichsam seine Kinder. An den glanzvollen Leuchtern über den Regalen erfreut er sich wohl selbst. „Bauhauslampen aus der Leipziger Kongresshalle.“ Ohne ihn wären sie damals auf dem Müll gelandet.

„Die über Nacht sich umgestellt, zu jedem Staate sich bekennen, das sind die Praktiker der Welt; man könnte sie auch Lumpen nennen“ – das Heine-Zitat, auf Holz geschrieben, stammt aus dem Keller des Hauses in Berlin, Alt-Marzahn 64, wo einst der Kleine Buchladen war. Überall Sprüche: Auf grünem Papier Worte von Erich Kästner: „Die Erinn’rung ist eine mysteriöse Macht und bildet die Menschen um. Wer das, was schön war, vergißt, wird böse. Wer das, was schlimm war, vergißt, wird dumm.“ Sodanns Lieblingsgedicht hängt in seinem kleinen Büro unterm Dach: Goethes Prometheus. „Wer half mir wider der Titanen Übermut/ Wer rettete vom Tode mich./ Von Sklaverei?/ Hast du nicht alles selbst vollendet,/ Heilig glühend Herz?“

Was er allein seit 1990 alles geleistet hat mit glühendem Herzen: in einem Kino in Halle ein Theater eingerichtet, 21 Tatort-Folgen als Kommissar Ehrlicher gedreht und in zahlreichen anderen erfolgreichen Filmen mitgespielt, zweimal ohne Erfolg für die Partei Die Linke kandidiert. Als Botschafter der Stiftung Kinderhospiz Mitteldeutschland engagiert er sich bis heute für todkranke Kinder und deren Familien. In Staucha hatte er ein Hoftheater und ein Café eingerichtet, denen Corona den Todesstoß versetzte. Und über all diesen Bemühungen gingen die Jahre dahin. Was soll aus seiner Büchersammlung werden? Die Peter-Sodann-Genossenschaft mit knapp 130 Mitgliedern wurde gegründet, um die Verantwortung auf viele Schultern zu verlagern. Vier Festangestellte arbeiten stundenweise zum Mindestlohn. Rund 30 Leute sind ehrenamtlich in Staucha tätig, zeitweise; hin und wieder kommt sogar auch ein Bücherliebhaber aus Bayern. Wer Antiquariat und Bibliothek einmal gesehen hat, kann solche Begeisterung verstehen.

Etwa ebenso viele Freiwillige gibt es in Magdeburg, wo im vorigen Jahr an prominenter Stelle die Bücherkiste Peter Sodann eröffnet worden ist, eine Kombination von Lese-Café und Antiquariat. Schließlich sollen die gesammelten Bücher ja wieder an die Leser kommen. Rund 1.500 Bände stehen dort in den Regalen, viele weitere sind noch im Lager. Und es kommen immer welche hinzu, weil die Leute Aussortiertes natürlich auch in die Bücherkiste bringen.

Entwertung der Dinge als Kennzeichen unserer Zeit, auch durch die Bewegung hin zur digitalen Gesellschaft. „Der wahre Sammler ist die Gegenfigur des Konsumenten“, schreibt der Philosoph Byung-Chul Han. Der Bücherretter Peter Sodann ist ein Schmerzensmann, weil er die allgemeine Missachtung dessen mitansehen muss, was ihm wertvoll ist: des DDR-Erbes, das nach dem Beitritt zur BRD weggefegt werden sollte auf den Müllhaufen der Geschichte, und der Bücher, die ihm von Kindheit an ein hohes Gut waren, zumal der Arbeiterhaushalt, in dem er aufwuchs, nur wenige davon besaß. „Wollen Sie das nicht für Ihre Enkel aufheben“, fragt er Leute seines Alters, wenn sie ihm Bücher bringen. „Ach, die lesen doch gar nicht.“ Diese Antwort tut ihm weh.

Die Politik reagiert nicht

Ladenlokale auch in Berlin, Leipzig, Halle – schön und nötig wäre das, aber woher nehmen. Die Genossenschaft könnte die Mieten nicht bezahlen. Ob es nicht auch im Westen Bücherliebhaber gäbe, denen der Erhalt dieses Schatzes ein Herzensbedürfnis ist, will ich wissen. Wie findet man solche Mäzene? „Mein ganzes Leben besteht aus Betteln“, sagt Peter Sodann leise. Bis auf Rainer Haseloff (CDU), der, weil er Bücher liebt, sogar persönlich zur Eröffnung der Bücherkiste in Magdeburg gekommen sein soll, hat keiner der ostdeutschen Ministerpräsidenten ernsthaft auf Bitten um Unterstützung reagiert.

Vielleicht war es ja zu kurz gegriffen, zu eng gedacht, sich nur an sie zu wenden. Wie jemand auch immer zu dem untergegangenen Staat im Osten stehen mag, was hier gesammelt ist, muss erhalten bleiben. Die DDR steht nicht mehr der BRD gegenüber, sondern muss als ein Teil Deutschlands begriffen werden. Die Bibliothek von Peter Sodann in Staucha ist gesamtdeutsches Kulturgut.

Das Antiquariat und die Gesellschaft sind online unter antiquariat-peter-sodann.de und psb-staucha.de zu finden

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