Heilsiegheiler

Österreich Antifaschistische Posse und extremistische Mitte

Nun haben sie ihn also überführt, den Rudolf Edlinger. Wer im Nationalrat "Sieg Heil!" schreit, der gibt damit nur zu erkennen, dass er es auch so meint. Als aufrechteste Antifaschisten können FPÖ und ÖVP solch "nationalsozialistische Wiederbetätigung" absolut nicht dulden. Da gilt es einzuschreiten. Der einstige sozialdemokratische Finanzminister soll sein Mandat zurückgeben, verlangen die empörten Koalitionsparteien. Letztlich hat Edlinger sich doch auch entschuldigt, also hat er ein schlechtes Gewissen, also ist was daran. "Sieg Heil!" darf man nicht sagen. "Sieg Heil!" beleidigt das österreichische Parlament. "Sieg Heil!" ist einfach untragbar. Was soll man da noch sagen? - Sieg Heil?!

Indes, dass einem der Zwischenruf "Sieg Heil!" nach einer jener zackigen Reden der freiheitlichen Abgeordneten Helene Partik-Pable entfleucht, dafür sollte man schon Verständnis haben. Bei dieser hatte man bereits des öfteren den Eindruck, dass - wenn die gute Frau einmal in Fahrt kommt - ein altgewordenes BDM-Mädl loslegt. Was also als Treppenwitz gelten müsste, ist freilich keiner, und zwar weil er nicht so wahrgenommen wird. Keine Bezichtigung ist zu blöd, noch immer finden sich nicht wenige, die sie glauben und andere, die mit ihr ungeniert fuhrwerken können.

Diese letztklassige Affäre verdeutlicht wie beliebig der Nazi-Vorwurf inzwischen geworden ist, so dass ihn fast jeder für jedes gegen jeden verwenden kann, ohne dass laut aufgeschrieen wird. Dadurch wird die Waffe völlig stumpf - auch ein Grund ist, dass die Rechte (aber nicht nur sie) ihn laufend zu den groteskesten Anlässen hervorkramt. Diese obskure Heilsiegheilerei demonstriert eine geistige Verwilderung sondergleichen.

Schlimm ist, dass die österreichische Regierung die Leute für dumm verkauft, noch schlimmer ist jedoch, dass dieselben Leute ihr fast jede Dummheit abkaufen. Kein Schwachsinn, der nicht reißenden Absatz findet. Nichts wird so fest geglaubt wie die Lüge, die man erfunden und die deswegen einfach wahr zu sein hat. Der "Skandal" Edlinger zeigt wie kaputt im Kopf hier viele sind, wenn sie sich von den Demagogen derlei Unsinn aufschwatzen lassen. Normalerweise müsste doch tosendes Gelächter ausbrechen, wenn die Klubobleute Khol (ÖVP) und Westenthaler (FPÖ) von "Wiederbetätigung" faseln. Dieses Gelächter müsste so laut sein, dass es die blau-schwarze Regierung gleich hinwegfegt, ob der arroganten Blödheit, die sie dem Publikum zumutet. Weit gefehlt.

Das beweist auch die politische Inszenierung nach der Nazi-Kundgebung und der antifaschistischen Gegendemonstration am pvorletzten Wochenende. Ausgepackt wird einmal mehr die Totalitarismusformel, die Faschisten und linke Demonstranten dann unter dem Oberbegriff "Extremisten" zusammenfasst. Die konservative Presse ortet "Neonazi-Horden" einerseits und "kommunistische und grüne Horden" andererseits. Quintessenz: Die eigentlichen Braunen sind die Roten. Die FPÖ träumt schon davon, mit dem Verbot von Nazi-Kundgebungen gleichzeitig einen Schlag gegen die Linke zu führen. Auch die gehören illegalisiert: "Wir wollen weder Rechts- noch Linksextremismus am Heldenplatz", sagt diese Partei der extremistischen Mitte.

00:00 26.04.2002

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