Heilung durch Kampf

Dokument der Woche Zur Verarbeitung der RAF-Geschichte aus psychoanalytischer Sicht

Der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter hat während der vergangenen zehn Jahre das ehemalige RAF-Mitglied Birgit Hogefeld in der Haft betreut. Er habe dabei, so schreibt er, auch aus Mitverantwortung seiner Generation für Schicksale wie die von Birgit Hogefeld und Gudrun Ensslin gehandelt. In dieser Zeit gewonnene Erkenntnisse sind in einen Vortrag eingeflossen, den Professor Richter in den letzten Tagen an verschiedenen Orten in Deutschland gehalten hat und den wir in leicht gekürzter Form dokumentieren.

Horst-Eberhard Richter baute in Gießen den Lehrstuhl für Psychosomatik, später das Psychosomatische Universitätszentrum auf. Von 1992 bis Dezember 2002 leitete er das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut.

Was man als 68er Rebellion bezeichnet, entwickelte sich teils zu einer konstruktiven sozialen Reformbewegung mit einem Akzent auf dem Pro, teils zu einem echten Aufstand mit dem Akzent auf dem Anti. Auch spätere Mitglieder der RAF beteiligten sich anfangs mehrheitlich noch an sozialen Stadtteilprojekten, ehe sie zum bewaffneten Kampf übergingen. Während das Gros der 68er aufbrach, sich für eine gewaltfreie Kindererziehung, Emanzipation der Frauen und der sozial Schwachen, für mehr Mitbestimmung in der Arbeitswelt zu engagieren, bestand eine wütende Minderheit darauf, mit dem System, das sie noch vom Nazigeist durchtränkt ansah, gewaltsam abzurechnen.

Ich selbst war in jener Zeit nicht neutraler Beobachter, sondern empfand den Aufbruch der Jugend aus verordnetem gehorsamen Schweigen als große Erleichterung. Während ich mich persönlich an Basisprojekten wie einer Studenteninitiative in einer Obdachlosensiedlung und intensiv an der Psychiatriereform beteiligte, kostete es mich manche Mühe, zahlreiche Ungeduldige vom Abdriften in die militante Szene abzuhalten, in der ihnen der Absturz genau in die Inhumanität drohte, von der sie die Gesellschaft befreien wollten. Heute ist die Paradoxie kaum noch verständlich zu machen, dass seinerzeit das Stichwort Revolution für Teile der Jugend wie ein kategorischer Imperativ erschien. Sie fühlten sich von Kampfparolen kritischer Intellektueller gestärkt wie etwa von Hans Magnus Enzensberger, der 1967 im Spiegel schrieb: "Das System der Bundesrepublik ist jenseits aller Reparatur ... Es ist die Staatsmacht selbst, die dafür sorgt, dass die Revolution nicht nur notwendig, (das wäre sie schon 1945 gewesen) sondern auch denkbar wird." - Dies nur zur Erinnerung an einen verdrängten Stimmungshintergrund der Zeit, in der die RAF entstand.

Ein Zufall verschaffte mir Zugang zu einem Projekt, das 1970 so etwas wie eine Vorschule der RAF bildete - das seinerzeit berühmte Sozialistische Patientenkollektiv Heidelberg. Ich fand einen Schwarm aufgeregter Leute (etwa 150 Personen) und wurde belehrt: Wir alle sind zugleich Patienten und Ärzte. Wir sind gleichermaßen kompetent. Gesundwerden heiße für sie, die in ihnen wirksamen krankmachende Kräfte in politische Energie umzuwandeln. Heilung durch Kampf!

Es verwunderte mich nicht, dass einige der Gruppe bald in der RAF untertauchten. Ich hatte einen Moment getroffen, als gerade noch ein Rest von Krankheitsbewusstsein den Umschlag in totale paranoische Verblendung hemmte. Dieser Umschlag trat dann aber prompt ein. Eine Kerngruppe des Patientenkollektivs stattete sich mit Waffen, Munition, Einbruchswerkzeug und Fälscher-Gerätschaften aus. Aus der krankmachenden wurde keine politische, sondern terroristische Energie.

Väter und Töchter

Lassen Sie mich kurz anhand der Familienbiographien von zwei in die RAF abgestürzten Frauen nachzeichnen, wie damals eine Täter-Motivation aus einer traumatisierenden Eltern-Kind-Beziehung entstehen konnte und wie sich das Makrogesellschaftliche der Politik in der Mikrogesellschaft der Familie widerspiegelt, wie Totalitarismus und Krieg zerstörerisch in generationsübergreifenden Prozessen weiterwirken und neues Unheil stiften.

Es geht um Gudrun Ensslin und Birgit Hogefeld, also zwei Schlüsselfiguren in verschiedenen Phasen der RAF-Geschichte. Beide werden religiös erzogen. Gudrun Ensslin wächst in einem evangelischen Pfarrhaus auf und leitet bald die Bibelarbeit im Mädchenwerk. Birgit Hogefeld betet regelmäßig kniend vor ihrem katholischen Zimmeraltar, spielt Orgel in der Kirche. Eine Zeitlang schwebt ihr vor, Orgelbauerin zu werden.

Vater Ensslin, regimekritischer evangelischer Pfarrer in der Bekennenden Kirche, gerät in Schwierigkeiten mit den Nazis, entzieht sich diesen schließlich durch Meldung als Kriegsfreiwilliger. Vater Hogefeld, sechs Jahre Soldat, lange an der Ostfront, kehrt mit erfrorenen Füßen tief verbittert, aber als heimlicher Freund der Russen zurück, die er vor der kleinen Birgit gegen die deutsche Hasspropaganda im Kalten Krieg verteidigt. Er verrät nicht, was er erlebt hat, nur, dass er sich dem Kommunismus verbunden fühlt. Aber zum offenen kommunistischen Engagement fehlt ihm der Mut. Welcher Hass in ihm gärt, kommt zum Vorschein, als er die Ermordung des Bundesanwalts Buback heimlich feiert.

Zwei Väter also in Gegnerschaft zur Staatsmacht, aber vor offener Konfrontation zurückschreckend. Zwei Töchter, von denen die frustrierte väterliche Wut wie eine Botschaft aufgesaugt wird. Jede hat ein aufstachelndes Erweckungserlebnis. Für Gudrun wird der erschossene Demonstrant Benno Ohnesorg - für Birgit der im Hungerstreik gestorbene Holger Meins zum wegweisenden Märtyrer. "Sie wollen uns alle töten", ruft Gudrun Ensslin beim Anblick des toten Benno Ohnesorg aus. Birgit Hogefeld baut, von Mitschülerinnen unterstützt, nach den erkundeten Maßen mit Tüchern die Gefängniszelle von Holger Meins nach, um sich vollständig in seine Qual hineinversetzen zu können. Mitfühlende Verzweiflung schlägt dann bei beiden jungen Frauen in mörderischen Hass um. Das Töten der RAF wird zur Erlösungsmission. Es ist das klassische Muster der paranoischen Verschmelzung von phantasiertem und schließlich real provoziertem Verfolgt-Werden und Rachehass auf die Verfolger, als welche die Spitzen des "Machtapparates" ausgemacht werden.

Wie reagieren die Väter? Vater Ensslin lobt seine Tochter nach ihrer Kaufhaus-Brandstiftung: Das seien junge Menschen, die nicht gewillt seien, dass die Hoffnungen auf einen Neuanfang nach Konzentrationslagern, Judenhass und Völkermord verschlissen würden. "Für mich ist es erstaunlich gewesen, dass Gudrun, die immer sehr rational und klug überlegt hat, fast den Zustand einer euphorischen Selbstverwirklichung erlebte, einer ganz heiligen Selbstverwirklichung, so wie geredet wird von heiligem Menschentum."

Birgit Hogefeld erfährt im Untergrund, dass ihr Vater zu ihren ausgehängten Steckbriefen hingeht und sich dort vor Betrachtern stolz brüstet: "Das ist meine Tochter!" So bestätigen beide Väter ihre Töchter in der Rolle des substituierten eigenen Ich-Ideals. In der Phantasie, die von den Vätern vermiedene Rebellion auszuleben, verfallen Gudrun und Birgit paranoisch exakt der Barbarei, die sie aus der Welt schaffen wollten.

In der Opfer-Täter-Opferkette erkennt man also zunächst die Väter als Opfer in unterdrückter Antinazi-Opposition, die ihre Töchter wiederum zu Opfern machen. Die Töchter verirren sich in der Rolle als Vollstreckerinnen der unterdrückten väterlichen Rebellion, erliegen dabei dem mörderischen Verfolgungswahn der RAF und deren psychotischem Realitätsverlust. Ein Beispiel dafür ist die Ermordung des Bankiers Herrhausen, just als dieser im Streit mit seiner Bank ganz im Sinne der Intentionen der RAF die Entschuldung Mexikos fordert.

Rache und Erlösung

Nun aber zur gesellschaftlichen Verarbeitung des RAF-Phänomens. Unmittelbar nach den Stammheim-Selbstmorden 1977 erregte Max Frisch mit einer Rede Unwillen, in der er öffentlich ausführte: "Alle, die als terroristische Täter auf der Fahndungsliste stehen oder im Gefängnis sind, gehören der jungen Generation an. Was heißt das? Und viele sind weiblichen Geschlechts. Zwei von vier Menschen, die in Stammheim ihr Ende gefunden haben - und auch, wenn wir ihre Taten als Morde verurteilen müssen, bestehe ich auf der Bezeichnung Menschen -, sind Töchter von Pastoren gewesen, also herangewachsen unter moralischen Imperativen, die eigentlich für uns alle gelten. Nimmt jemand sie ernst, diese Imperative, so machen sie empfindlich für Unrecht, zum Beispiel Napalm-Genocid in Vietnam ... Was solche Menschen, Moralisten also, ihrerseits zu Gewalttätern hat werden lassen, die Frage ist unerwünscht, da sie zwar nicht zur Rechtfertigung von Morden führen kann, jedoch zu der Frage: Wie unschuldig oder wie schuldig sind wir, ist unsere Gesellschaft an der Wiederkunft des Terrorismus?"

Wiederkunft? Gemeint ist der Nazi-Terrorismus. Und dieser taucht ja in der Tat als maßgeblich in den Biographien von Gudrun Ensslin und Birgit Hogefeld auf, die den von den Vätern versäumten Widerstand unbewusst nachholen wollten und stattdessen den Terror reproduzierten. Der Hinweis auf diesen transgenerationalen Zusammenhang, mag er noch so evident sein, vertrug sich weder im Deutschen Herbst noch später mit dem Bedürfnis, die leidige Erinnerungsarbeit endlich hinter sich lassen zu können. Schon die Barbarei der Morde verbiete jede Frage nach schuldhafter Weiterwirkung tradierten Gedankenguts. Diese Frage sei allein schon ungehörig und unanständig.

Tatsächlich gibt es einen Umstand, der die Mordtaten der RAF scheinbar absolut uneinfühlbar macht. Es ist ein Punkt, der auch für Max Frisch ein Rätsel bleibt. Er wies auf die religiöse Erziehung mancher Täterinnen hin und überlegte, dass diese wohl mit besonderer moralischer Wachheit die Unmenschlichkeiten des Vietnam-Krieges registriert haben mögen. Auch Norbert Elias hat in seinem Essay Zivilisation und Gewalt bei der ersten Generation der RAF schon im Schulalter eine hochgradige Empfindlichkeit für Unrecht und Gewalt festgestellt und eine gesteigerte Sensibilität aufgrund der Erinnerung an die jüngste deutsche Geschichte.

Diese Ideosynkrasie habe ich auch bei Birgit Hogefeld festgestellt, die als Schülerin die Nachkriegskarriere von Nazi-Richtern erforscht hatte und der es nicht aus dem Kopf ging, dass Tausende von Euthanasie-Opfern durch ihr Dorf in die Vergasungsanstalt Hadamar transportiert worden waren. Aber wie kann sich nun dieses gesteigerte Mitfühlen in sein krasses Gegenteil verwandeln und zur Ermordung von unschuldigen Menschen führen, die nur als Symbolfiguren der Macht zu teuflischen Hassobjekten erkoren werden?

Was beim Umkippen exzessiven Mitleids in mörderischen Hass passiert, kann man nur als Wahnbildung benennen - eine Steigerung der Wahnstimmung erfolgt dann zusätzlich in der Gruppendynamik der Verschworenen. Der wahnhafte Charakter der Denkstörung zeigte sich in einer zunehmenden paranoischen Realitätsverfälschung. Die Gruppe mordete unbeirrt weiter, unfähig, den rasch schwindenden Rückhalt im Sympathisanten-Umfeld wahrzunehmen. Je deutlicher die Selbstisolation wurde, umso grotesker steigerte sich der Allmachtswahn des kleinen Häufleins, das sich ernsthaft auf dem Wege glaubte, das Feuer der Revolution zugleich in drei Kontinenten entfachen zu können.

Aber wer nicht über reichlich psychiatrische Erfahrung mit Wahnbildungen verfügt, tut sich schwer, das Krankhafte solcher Reaktionen und gleichzeitig die hinter dem Irrsinn verborgene Wahrheit zu durchschauen. Typisch ist, dass in den Fällen Ensslin und Hogefeld die Väter gut verstehen, dass sie mit den scheinbar rätselhaften Ausbrüchen der Töchter mit gemeint sind. So geben sie mit ihrem Beifall zu erkennen, dass sie Teil des scheinbar absurden Geschehens sind und dem vermeintlich Sinnlosen einen Sinn geben, nämlich als Bestätigung der Töchter als Rächerinnen beziehungsweise Erlöserinnen.

Aber diesen Sinn im Wahn will niemand ringsum nachvollziehen. Das hieße nämlich, die radikale Abgrenzung vom Bösen aufs Spiel zu setzen. Es soll dabei bleiben: In den Terroristen steckt nichts von psychologisch Vererbtem, nichts von gesellschaftlichem Einfluss. Sie haben sich selbst erfunden, basta! Aber wenn das stimmt, warum taucht das Gespenst periodisch immer wieder beunruhigend auf und geistert gerade erneut durch alle Medien? Warum kann man sich von den Schreckbildern nicht lösen? Nur, weil es reizt, sich gelegentlich neu zu gruseln? Oder doch, weil die von Max Frisch angesprochene Mitschuld die Verdrängungsschranke durchdringt? Diese Angst schimmert durch und treibt dazu, dass man sich neuerdings ganz intensiv mit den Opfern identifiziert.

Partei der Opfer

Es war falsch, so hört man landaus, landein, dass wir uns bisher vornehmlich mit den Tätern beschäftigt, uns um sie gekümmert haben, gekümmert mit dem Beiklang von sich sorgen. Nun spricht man von und mit den Angehörigen der RAF-Opfer, und das gehört sich auch. Doch es macht stutzig, wenn mitfühlende Zuwendung den Anschein bekommt: Wir sind die Partei der Opfer, ja wir sind alle selbst Opfer. Wer nach wie vor danach forscht, was ursprünglich empfindsame junge Menschen zu Terroristen gemacht hat, paktiert mit dem Bösen, bestenfalls blind für das Fragwürdige seines Tuns.

Ich finde es ermutigend, dass sogar im Kreis der Angehörigen der RAF-Opfer da und dort Bereitschaft zur Versöhnung auftaucht. Hans-Eberhard Schleyer, Sohn des prominentesten RAF-Opfers, seinerzeit Chef der Staatskanzlei von Ministerpräsident Vogel in Rheinland-Pfalz, stimmte zu, als dieser den zu lebenslänglicher Haft verurteilten Klaus Jünschke begnadigte.

Ein versöhnliches Denken klingt gewiss für viele eher befremdend in einem Augenblick, da die Abspaltung des terroristischen islamistischen Bösen vom westlichen Guten als unüberbrückbar gelehrt und durch Krieg und totale Überwachung verfestigt wird. Aber auch da gibt es bekanntlich unbeugsame Werber für Verständigung, von denen einer sogar mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels und dem Literatur-Nobelpreis geehrt worden ist. Ich meine Orhan Pamuk, der bald nach dem 11. September geschrieben hat:

"Der Westen hat leider keine Vorstellung von dem Gefühl der Erniedrigung, das eine große Mehrheit der Weltbevölkerung durchlebt und überwinden muss, ohne den Verstand zu verlieren oder sich auf Terroristen, radikale Nationalisten oder Fundamentalisten einzulassen." - "Heute", fährt Pamuk fort, "ist das Problem des Westens weniger, herauszufinden, welcher Terrorist in welchem Zelt, welcher Gasse, welcher fernen Stadt seine neue Bombe vorbereitet, um dann auf ihn Bomben regnen zu lassen. Das Problem des Westens ist mehr, die seelische Verfassung der Armen, Erniedrigten und stets im ›Unrecht‹ stehenden Mehrheit zu verstehen, die nicht in der westlichen Welt lebt."

Man sagt, Pamuk habe sich diese mutige Kritik dank seines Ansehens leisten können. Aber dieses Ansehen hat er sich erst durch seine wiederholt bewiesene Widerstandskraft verschafft. Jedenfalls hat er Recht damit, dass wir den internationalen Terrorismus nicht überwinden können, so lange wir nicht besser verstehen, was Menschen zu dieser mörderischen Gewalt treibt. Ebenso wenig werden wir eine Wiederkunft terroristischer Ausbrüche aus unserer eigenen gesellschaftlichen Mitte auf Dauer verhüten können, wenn wir nicht der Frage von Max Frisch beharrlich nachgehen und anschließend Versöhnung dort wagen, wo sie möglich ist.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare